Raus aus der Wegwerf-Gesellschaft

Vom Einfamilienhaus auf einen abgelegenen Hof

Kerstin Rossol-Grabo und Detlef Grabo sitzen mit drei Hunden auf dem Rasen vor ihrem Haus.
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Kerstin Rossol-Grabo und Detlef Grabo mit drei ihrer Mitbewohner. Auch die genießen das weitläufige, naturbelassene Grundstück im Moor.

Gnarrenburg – Kerstin Rossol-Grabo (52) und Detlef Grabo (52) sind seit mehr als 20 Jahren verheiratet. Während sie halbtags in einem Supermarkt oder im eigenen Büro arbeitet, ist er seit 1997 als Reetdachdecker sowie zusätzlich seit 2019 im Handel mit ökologischen Dämmstoffen unterwegs. Vor drei Jahren haben beide ihr Einfamilienhaus verkauft, um auf einen abgelegenen Hof mit einem alten Fachwerkhaus ins Moor zu ziehen.

Im Interview spricht das Ehepaar aus Gnarrenburg über seine Beweggründe, der Wegwerfgesellschaft bestmöglich den Rücken zu kehren.

Sie haben jahrelang in einem „normalen“ Einfamilienhaus gelebt. Wann kamen die Gedanken, dass das nicht mehr zu Ihrem Leben passt? Dass Sie weg möchten von der sogenannten Wegwerf-Gesellschaft?

Kerstin Rossol-Grabo: Das war uns relativ früh klar. Mein Traum war es schon immer, irgendwann in einem alten Reetdachhaus zu wohnen. Ich bekam aber einen Reetdachdecker, da hat mich „oben“ wohl jemand falsch verstanden! (lacht) Detlef und ich waren uns jedoch schnell einig, diesen Traum gemeinsam zu verwirklichen. Als junger Mensch mag man den Trubel um sich herum. Aus diesem Grund haben wir zuerst das Einfamilienhaus mit Nachbarn gebaut. Nach der Geburt unserer Tochter, die ein extremes Frühchen war, stellten wir fest, wie wertvoll das Leben ist und wie schnell es einem wieder genommen werden kann. Wir beschlossen, der „Campingplatz-Atmosphäre“ zu entfliehen, um uns mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir begannen, die Natur mehr zu schätzen, erfreuten uns wieder mehr an Kleinigkeiten. Einen kleinen Gemüsegarten hatten wir schon im alten Zuhause. Unser Neffe fragte mal, wo wir unsere Tomaten herhaben. Auf unsere Antwort, die Tomaten wachsen im eigenen Garten, antwortete er, seine Tomaten würden im Supermarkt wachsen. Dadurch wurde uns einmal mehr bewusst, dass gerade auch die nächste Generation die Bedeutung von Nachhaltigkeit nicht mehr kennt. Es ist erschreckend! Wir wollten das für uns ändern.

Detlef Grabo: Bei mir war es so, dass wir schon als Kinder zuhause einen großen Gemüsegarten hatten. Wir sind damit aufgewachsen. Mein Interesse war schon immer da. Ich legte mir früh ein Hochbeet an und pflanzte Kartoffeln in unseren Blumenbeeten. Das Grundstück war aber zu klein für meine Ideen. Es folgte eine jahrelange Suche nach einem Objekt, bei dem wir all unsere Vorstellungen verwirklichen konnten. Durch meine Arbeit als Reetdachdecker wurde ich dann auf dieses Haus aufmerksam. Es war bei unserer Familie gleich Liebe auf den ersten Blick. Also wagten wir den Schritt, ließen alles hinter uns und fingen neu an.

Wie entstand dann die Idee, das alte Fachwerkhaus originalgetreu zu renovieren? Rundherum mit großem Garten, Gewächshaus, und vielen Tieren?

Kerstin Rossol-Grabo: Als wir das Haus gesehen hatten, wollten wir es – soweit möglich – in seinen Ursprung zurücksetzen. Dabei fiel uns auf, dass früher nicht alles verkehrt war. Wir beschlossen, mit den Materialien, die die Natur hergibt, zu arbeiten.

Detlef Grabo: Die alten Häuser – und da zählen nicht nur Fachwerkhäuser dazu – haben eine gewisse Ausstrahlung. Der Charme macht viel aus. Den Charakter eines Hauses zu erhalten, ist eine Herausforderung. Dabei spielt auch die Auswahl der Baumaterialien eine große Rolle. Durch die guten Erfahrungen, die ich durch meine Arbeit gemacht habe, entschieden wir uns dafür, mit ökologischen Materialien zu dämmen. In unserem Fall mit Zellulose. Auch Stopfhanf und Lehm kamen hier zum Einsatz. So haben wir wieder ein gutes Raumklima herstellen können.

Das mutet fast schon ein wenig nach „Aussteigen“ mitten in der Heimat an, oder?

Kerstin Rossol-Grabo: Man könnte es so nennen, aber Langeweile kommt nicht auf. Es ist immer Arbeit da, die sich findet. Mit unseren drei Hunden, dem Grundstück und dem Haus hat man immer etwas zu tun. Es war unser Wunsch, ein anderes Leben zu führen, abzuschalten und das Leben in Ruhe zu genießen.

Detlef Grabo: Auf diesem Grundstück kann man den Alltag hinter sich lassen. Wenn man über das Gelände geht, sieht, wie die Pflanzen wachsen. Man setzt sich irgendwo hin und nimmt den Duft der Umgebung intensiver wahr. Ganz oft kann man Tiere, zum Beispiel Vögel, Schlangen und Rehe, beobachten. Das ist für mich schon ein Aussteigen, gleichzeitig auch ein angekommen sein. Früher, als wir noch in einem „Einstraßenort“ gewohnt haben, auf der Terrasse saßen und einfach nur abschalten wollten, war das so nicht möglich. Von irgendeiner Seite in der Siedlung kamen immer Geräusche. Rasenmähen, Musik, Feiern. Die Leute hatten ja auch Feierabend und jeder gestaltete seinen Abend individuell so, wie er es mochte.

Was haben die Freunde dazu gesagt? Haus und Hof müssen ja schließlich unterhalten und gepflegt werden. Eine Menge Arbeit.

Kerstin Rossol-Grabo: Die meisten unserer Freunde sind begeistert von dem, was wir machen. Sie fühlen sich bei uns, als wären sie im Urlaub. Sie genießen die Ruhe mit Kuchen oder auch einem schönen Glas Wein am Abend mit uns. Einige sind auch dabei, denen es hier zu einsam ist, oder denen der gesamte Unterhalt zu viel Arbeit wäre. Dennoch kommen sie gern hierher und fühlen sich wohl.

Detlef Grabo: Ein Freund sagte mal zu mir: „Detlef – einfach kann ja jeder.“ Da hat er nicht ganz unrecht. Es ist immer wieder eine Herausforderung, alles am Laufen zu halten. Zur Erntezeit kommt da schon einiges auf uns zu. Da wir auch mehr anbauen, als eingelagert werden kann, nehmen wir auch gerne etwas mit zu Freunden.

Nachhaltigkeit ist Ihnen besonders wichtig. Sie backen selbst frisches Brot. Die Früchte für die selbst gemachte Marmelade und das Gemüse kommen aus dem eigenen Garten. Ganz wie früher?

Kerstin Rossol-Grabo: Das Interesse wuchs in kleinen Schritten. Es fing mit Kuchen an, dann folgte die Marmelade, der Sirup, das Brot, der Käse. Zu sehen, was alles aus dem eigenen Garten genutzt werden kann, ist immer wieder eine Freude. Die eigene Ernte macht Spaß, und die Früchte sind voller Geschmack. Man merkt den Unterschied zwischen gekauft und selbst gemacht. Zudem weiß man beim eigenen Gemüse oder beim eigenen Obst, wo es herkommt und ob es mit Pestiziden behandelt wurde.

Detlef Grabo: Man sieht es ja auch im Fernsehen, dass junge Erwachsene im Eimer kleine Balkonbeete anlegen. Der Fantasie sind heute keine Grenzen gesetzt. Für uns ist es wichtig, dass man saisonal eben nur das Gemüse isst, was gerade wächst. Der Konsum hat mittlerweile so zugenommen, dass man alles zu jeder Zeit bekommen und essen kann. Man schwebt sozusagen in einer Dauererntezeit. Das Überangebot wird unkontrollierbar. Für viele Menschen ist das leider schon normal. Wir probieren auch vieles über regionale Anbieter aus.

Essen Sie Fleisch?

Kerstin Rossol-Grabo: Ja, auch wir essen Fleisch. Zwar nicht in großen Mengen, aber wenn, achten wir schon darauf, es von einem regionalen, vertrauenswürdigen Anbieter zu bekommen. Da gibt man dann auch gerne mal einen Euro mehr aus. Für das Wissen, dass die Tiere dort artgerecht gehalten werden.

Detlef Grabo: Da ich gerne Pommes esse, geht es aber auch mal zu einem Schnell-Restaurant. Da gibt es als Beilage nicht nur Salat. Auch wir brechen mal aus. Allerdings lediglich unserer Tochter zuliebe. (lacht)

Ihr Badezimmer haben Sie mit Lehm und Korkdämmung ganz nah am Original restauriert.

Detlef Grabo: Jep, das ist richtig. Da wir ein kleines Bad haben und den Feuchtigkeitsaustausch regulieren wollten, haben wir uns für Lehm entschieden. Obendrein nimmt Lehm auch Gerüche auf. Im Boden war schon ein Trittschall aus Kork, den wir ändern mussten und neu aufgebaut haben. Kork hat eine gute Wärmespeicherung. Zudem schimmelt Kork nicht und ist gegen Pilze resistent. Den ganzen Betonputz inklusive der Fliesen haben wir entfernt. In den 1980er-Jahren wurde ja gerne bis zur Decke gefliest. Das haben wir komplett geändert beziehungsweise lediglich die Dusche mit Fliesen versehen. Der Rest ist mit Lehm gemacht. Die Arbeit mit Lehm ist kein Hexenwerk, auch, wenn die Wand nicht immer im Lot steht. Sie hat halt ihr Eigenleben. Gestrichen haben wir die Wände mit Lehmfarbe. So bleibt alles diffusionsoffen.

Haben Sie das Strohdach auch selbst repariert?

Detlef Grabo: Beruflich verrichte ich seit mehr als 20 Jahren ein sehr altes Handwerk. Unser Haus habe ich bereits vorab seit über 15 Jahren in Pflege gehabt. Immer wieder wurden Stellen ausgebessert. Vor acht Jahren hatte die Vorbesitzerin einen Teil, der noch mit Eternit gedeckt war, entfernt. Ich habe diesen Teil mit Reet neu eingedeckt. Mich wundert es nicht, dass bei einer guten Pflege ein Reetdach, so wie wir es haben, auch noch nach 40 Jahren gut aussieht.

Wie sind Sie darauf gekommen, das Haus mit Stroh zu dämmen?

Detlef Grabo: Beruflich dämmen wir Häuser mit ökologischen Dämmmaterialien. Darunter fallen auch Dämmstoffe wie Zellulose oder Stroh. Unser Haus haben wir mit Zellulose gedämmt. Aus dem einfachen Grund, weil Zellulose ein Bestandteil im Reet ist. So schaden sich die Stoffe gegenseitig nicht. Ganz im Gegenteil, beide nehmen Feuchtigkeit auf und geben diese auch wieder ab.

Im Lockdown hat man nicht so viele Kontakte wie zu anderen Zeiten. Bei Ihnen kommt noch dazu, dass Sie relativ abgelegen wohnen. Beschleicht einen da nicht irgendwann ein Gefühl von Einsamkeit?

Kerstin Rossol-Grabo: Nein, wir fühlen uns wohl, so wie wir wohnen. Wir haben sehr gerne Freunde bei uns und sind auch selbst gern unterwegs, wenn die Zeit es erlaubt. Ich denke, es geht vielen Menschen gerade so. Uns fehlen unsere sozialen Kontakte sehr. Da ist es doch egal, wo man wohnt. Man möchte zurück zur Normalität!

Sie haben drei Hunde auf Ihrem Hof. Geben Ihnen die Tiere auch ein Stück weit das Gefühl von Freiheit? Im alten Einfamilienhaus hätten Sie die Tiere nicht halten können.

Kerstin Rossol-Grabo: Die drei Hunde gehören bei uns mit zur Familie. Sie genießen das Leben hier bei uns. Zu sehen, wie sie sich hier wohlfühlen, macht auch mich glücklich. Sie sind zwar nicht die perfekten Hunde, aber sie bewachen diesen Hof so gut, dass wir manchmal sogar unsere Freunde teilweise am Tor abholen müssen. Doch das ist ja die Aufgabe unserer Hunde, und sie meistern sie mit Bravour.

Haben Sie Ihre Entscheidung, sich mit der Natur derart viel Arbeit aufzuhalsen, mal bereut?

Kerstin Rossol-Grabo: Nein, wir sind glücklich, dieses Haus, mit diesem Grundstück, gefunden zu haben. Hier kommen wir zur Ruhe, wir können dem Alltag entfliehen. Es ist zwar viel Arbeit, aber die machen wir sehr gerne, wenn die Belohnung eine entspannte Familie ist. Entspannung war im anderen Haus nicht möglich. Wenn es dem Geist nicht gut geht, kann auch der Körper krank werden. Hier möchten wir, solange es geht, unser Leben genießen. Uns an Dingen erfreuen, die schon immer in unserer Natur gewesen sind. Man muss nur mit offenen Augen durch das Leben gehen, immer wieder bereit sein, sich für neue Dinge zu begeistern.

Detlef Grabo: Auf keinen Fall. Wir haben Jahre gesucht, immer wieder gerechnet, ob wir uns das überhaupt leisten können. Wir sind jetzt beide in den Fünfzigern. Wir fangen jeden Tag auf neu an. Wenn wir mal keine Lust haben, etwas zu machen, dann machen wir halt mal nichts. Ich liebe diese naturbelassenen Gärten, pflanze immer wieder neue Blumen, Büsche und Gehölze. Wenn nun bald die ersten warmen Tage kommen und ich an einem Haselnussbusch vorbeikomme, dann frage ich mich, was ist das? Wo kommt dieses Summen her? Wenn dann die Bienen sich den ersten Nektar des Jahres holen, freut man sich, alles richtig gemacht zu haben. Ich bin zuhause!

Von Ralf G. Poppe

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