Vollversorgung in knapp zwei Stunden

Ministerpräsident Weil  informiert sich über Angebote im Rotenburger Diakonieklinikum

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Stephan Weil (r.) zeigt sich bei seiner Stippvisite im Diako interessiert und lässt sich von Mutterhaus-Chef Matthias Richter (l.) und Diako-Geschäftsführer Detlef Brünger informieren. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Großer Bahnhof am Hubschrauberlandeplatz: Stephan Weil kommt. Nicht aus der Luft, sondern fast pünktlich in schwarzer Limousine in Begleitung einiger Personenschützer und Parteifreunde in dunklen Anzügen fährt der niedersächsische Ministerpräsident als SPD-Landesvorsitzender vor, um einen Tag lang Termine in Rotenburg, Stade und Cuxhaven zu absolvieren, die noch zur Sommertour gehören.

Am Agaplesion Diakonieklinikum will er sich über medizinische Versorgungszentren (MVZ), Pflegeausbildung und Kita-Betreuung informieren. Ein Rundumschlag „brandheißer Themen“, wie er sagt, und zwar im Sauseschritt: Keine zwei Stunden sind Zeit am Mittwochmittag. Kurzes Händeschütteln mit Bürgermeister und Diako-Leitung, Verwaltungsspitze und Kreispolitik, los geht’s.

Ganz so schnell wie vor drei Wochen geht’s dann aber doch nicht. Da hatte Weil im Nordosten der USA vor einer offiziellen Delegationsreise nach Kanada ein paar Tage Urlaub eingelegt und lief rasant an Bernadette Nadermann vorbei. Der Landesvater joggte, Nadermann staunte unerkannt. Rotenburgs Erste Stadträtin war mit Freunden im beschaulichen Southport im Bundesstaat Maine, wo man sich gemeinsam einen Altersruhesitz aufbauen will. Als die Anekdote am Mittwoch zur Begrüßung Gesprächsthema ist, lacht Weil: Wie klein die Welt doch ist.

Zu klein ist zunächst der erste Besprechungssaal im Diako, wo die Geschäftsführung das Unternehmen und vor allem die Zusammenarbeit mit den eigenen medizinischen Versorgungszentren im ambulanten Bereich vorstellt. „Ein Krankenhaus ist halt personalintensiv“, flachst der Ministerpräsident, einige Begleiter müssen stehen. Diako-Geschäftsführer Detlef Brünger lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und präsentiert die „Integrierte Transsektorale Vollversorgung“ seines Hauses. „Sie machen Leute gesund, heißt das, oder?“, bremst der gut gelaunte Weil das Fachchinesisch, Brünger fasst das Diako-Angebot pointiert zusammen, die Zeit drängt bereits: „Eigentlich alles.“ Dennoch wird für einige Minuten eingehender diskutiert, die versammelte Chefarztriege beantwortet Fragen des sehr interessiert nachhakenden Spitzenpolitikers aus Hannover. Wie funktioniert der Austausch zwischen ambulanter und stationärer Medizin? Ist die Integration des Hausarztmodells in eine Klinik eine Lösung für den ländlichen Raum, wo doch immer mehr Eigenständige aufgeben? Ergeben sich Synergien? Rechnet es sich? „Die Decke der Krankenhausfinanzierung ist überaus dünn“, bestätigt Weil das Diako-Modell. Brünger sagt, es werde ausgebaut, schon jetzt werde ungefähr jeder fünfte Patient, der sich in der Notaufnahme meldet, an den ambulanten Dienst verwiesen, von 182 000 Fällen pro Jahr im Diako seien 35 000 den medizinischen Versorgungszentren zuzuweisen. „Da ist noch Potenzial“, so der Diako-Chef, der auf Nachfrage den Bogen zur Kreispolitik schlägt. Dass man am Standort Zeven mit dem eigenen Angebot in Konkurrenz zum geplanten MVZ der Ostemed stehe, müsse nicht sein. Vielmehr habe Agaplesion unter anderem dem Landrat angeboten, gemeinsam vorzugehen, auch unter einem Dach. „Wie Aldi und Edeka – unterschiedliche Angebote auf einem Weg“, so Brünger. Nur: „Die Gespräche sind nicht so weit, wie sie sein könnten.“

„Wirklich spannend“, sagt Weil nicht nur ein Mal bei seiner Stippvisite am Diako. Auch das Gespräch auf der anderen Straßenseite im Mutterhaus über die Elise-Averdieck-Schulen bindet ihn. Zeit, sich am umfangreichen Häppchenangebot zu bedienen, bleibt nicht. Schulleiter Daniel Müller appelliert bemerkenswert eindringlich an den Ministerpräsidenten, geplante Schulgeldbefreiungen in der Pflegeausbildung durchzurechnen – da sonst einige Träger keine entsprechende Refinanzierung erhielten. Weil lobt die Erzieherausbildung hierzulande insgesamt als „Weltspitze“, will aber nicht allen Einwänden zum Schulgeld zustimmen. Dafür seien die Modelle zu unterschiedlich, zudem läge ihm noch die Debatte um kostenlose Kitas im Ohr. Auch dort hätten viele Kommunen sehr schnell sehr viel gejammert. Aber, so Weil Richtung Müller: „Schicken Sie mir bitte einen Brief!“. Den leite er ans entsprechende Ministerium weiter.

Zeit für einen kurzen Blick in die Diako-Kita Lindenburg bleibt noch. Dabei: Fachsimpeln über Entlastung für Arbeitnehmer, Ganztagsbetreuung und fehlenden, günstigen Wohnraum. Weil, von seiner Entourage zur Abfahrt gedrängt, verspricht: „Dieses Problem löse ich beim nächsten Besuch in Rotenburg.“

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