In der Volkshochschule lernen Flüchtlinge lesen und schreiben

Größte Sorgfalt zwischen den Linien

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In der Volkshochschule lernen Flüchtlinge lesen und schreiben – in einer für sie fremden Sprache.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Es ist morgens 8.45 Uhr. Nach und nach treten die Flüchtlinge in den Volkshochschulraum im Rotenburger Rathaus ein. Sie sind bereit für eine neue Lektion im Lernen von lesen und schreiben. Und das in einer für sie völlig fremden Sprache: der deutschen.

„Ein Junge. Was macht er? Er lacht.“ Irmentraut Pfeiffer-Ubadi muss „ch“-Laute mit ihren Schülern im Alphabetisierungskurs besonders üben.

Es ist kein normaler Deutschkurs. „Deutsch als Fremdsprache ist ein einsprachiger Kurs“, sagt die Sottrumerin Irmentraut Pfeiffer-Ubadi, die den Unterricht leitet – an drei Tagen in der Woche. Es ist nicht wie das Erlernen einer Fremdsprache in der Schule mit Vokabelheften und Grammatikbüchern. Schwieriger ist es, wenn man nicht richtig lesen und schreiben kann. Das ist es, was diese Gruppe aus Frauen und Männern jeden Alters eint: Sie alle sind noch nicht alphabetisiert. Und: „In einen Deutschkurs können die ja nicht, da ist Schreiben gefragt“, sagt Pfeiffer-Ubadi.

Alle? Sie wiederspricht sofort: „Es gibt nicht ‚den‘ Schüler, der nicht lesen und schreiben kann.“ Man müsse differenzieren. So seien manche in ihrem Heimatland zur Schule gegangen und hätten beides dort gelernt, allerdings nur in der arabischen Schrift. Die lateinische Schrift, die der deutschen Sprache unterliegt, ist für sie das selbe Wirrwarr an Zeichen, wie es für Deutsche im Arabischen wäre.

Gleich zu Beginn schreibt eine Schülerin das Datum mit allergrößter Sorgfalt an die Tafel. Manche von den insgesamt zwölf Kurs-Teilnehmern, so Pfeiffer-Ubadi, hätten sich die Grundlagen selbst beigebracht oder seien früher mal ein oder zwei Jahre zur Schule gegangen. Aber ja, es gibt natürlich jene, „die in der Regel gar nicht zur Schule gegangen sind“.

Die Kursleiterin ist stolz auf ihre Schützlinge, die seit September zusammen eifrig das Alphabet lernen und sorgfältig die Buchstaben in ihre Kieser-Blöcke zeichnen. Aus Syrien, Somalia, Afghanistan oder der Elfenbeinküste kommen sie her, um nur einige Länder zu nennen. „Es ist eine sehr schnelle Gruppe“, sagt Pfeiffer-Ubadi. Seit 1993 hat sie 26 Jahre lang als pädagogische Mitarbeiterin für die Rotenburger Volkshochschule gearbeitet. Nun ist sie in Rente, und betreut neben diesem Alphabetisierungskurs noch vier „reguläre“ Kurse in Deutsch als Fremdsprache.

Vier Mal in der Woche kommen die Schüler hier zusammen. An drei Tagen erhalten sie den Alphabetisierungs-Unterricht. Der vierte Tag dient der Wiederholung und den Hausaufgaben. Eine Kollegin Pfeiffer-Ubadis kommt dann vorbei, um sie zu entlasten.

Im Alter nochmal schreiben lernen ist schwer. Nicht nur, wenn man in einem anderen Sprachraum aufgewachsen ist. Die Sottrumerin: „Schreiben funktioniert nur mit der richtigen Feinmotorik.“ Die bilde sich am besten in den Kinderjahren, irgendwann entwickle man nicht mehr das richtige Gefühl, wie man beispielsweise mit dem Bleistift den richtigen Druck auf das Blatt Papier ausübt. „Ich hatte mal kurdische Frauen, die haben die schönsten Stickereien gefertigt. Aber einen Strich zwischen zwei nahen Linien zu ziehen, das haben sie nicht hinbekommen“, erinnert sich Pfeiffer-Ubadi.

Die Kommunikation untereinander ist schwierig. Die Pädagogin spricht mit allen Schülern auf Deutsch. Konzentriert lauschen sie ihrer Lehrerin, die versucht, mit Händen und Füßen, der richtigen Mimik und stetem Wiederholen des Satzes die Eigenheiten des Deutschsprechens zu vermitteln. Dafür klettert sie auch mal auf oder unter den Tisch.

„Gelegentlich helfen sie sich untereinander aus, wenn jemand Schwierigkeiten hat und ein anderer es versteht“, sagt sie. Ja, Lehrbücher und Arbeitsblätter seien wichtig, noch wichtiger sei es allerdings, auch die Laute zu hören – die „ch“s, die „äu“s, die „o“s. „Man lernt viel über das Hören“, sagt Pfeiffer-Ubadi. Und wer es nicht richtig verstehe, kann es nicht schreiben. „Kannst du kochen?“, fragt sie in die Runde. „Kannst du backen?“ Einige sprechen ihr für sich nach. Die „ch“-Laute machen ihnen Probleme. „Das Mädchen spricht nicht Deutsch“, liest jemand vorsichtig vor. Pfeiffer-Ubadi muss korrigieren.

„Wir haben einmal nur mit Frauen angefangen“, sagt sie. Doch seitdem auch viele alleinreisende Männer ins Land kommen, hat sich die Quote verteilt. Heute stellen die Herren den Hauptanteil der Gruppe. Ein paar von ihnen kommen vor ihrem Unterricht in den Berufsbildenden Schulen hierher. Zwischendurch sollen auch mal neue Schüler dazustoßen. Pfeiffer-Ubadi schaut dann ganz genau hin. „Manche sind dann schon zu gut für den Kurs, andere nicht. Die können den Stoff dann auch nicht mehr aufholen.“

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