Abwarten dank „Turbo-Abi“

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Das Abitur 2015 ist vorbei – für die meisten jedenfalls. Hier und da sind noch ein paar Nachprüfungen zu bewältigen, die endgültigen Noten sind auch noch nicht bekannt, aber für die meisten Gymnasiasten der Abschlussklasse ist Schule erledigt.

Und was nun? Unser Autor hat vier Abiturienten vom Rotenburger Ratsgymnasium gefragt: Was macht man mit einem sagenhaften Notendurchschnitt in der „oberen Einserregion“? Welche Chancen hat ein „Zweier“ oder ein „Dreier“? Und: wie war’s eigentlich rückblickend beim angeblichen „Ernst des Lebens“?

Tim Koffmane

„Ich bin echt erleichtert, dass ich damit durch bin“, fasst Tim Koffmane (18) aus Bothel seine Gemütslage zusammen. Seine letzte mündliche Prüfung hat er inzwischen „verdrängt, vergessen“. Es sei „wirklich stressig zum Schluss“ gewesen. Aber nun hat er es geschafft, das sei die Hauptsache. Vermutlich mit einer „3“ vor dem Komma. Das ist ihm egal. Jetzt soll sowieso erst einmal „was Praktisches“ kommen: Mechatroniker für Kältetechnik. Er hat bereits eine Ausbildungsstelle; vielleicht schließt er später noch ein Studium an. Maschinenbau zum Beispiel.

Jasper Haritz

Seine bald ehemaliger Mitschüler Jasper Haritz (18) aus Rotenburg will es genauso machen: erst einmal was Praktisches. Dabei stünden ihm nun wirklich nahezu alle Türen offen. Seine mündliche Prüfung hat er mit der Höchstnote absolviert: 15 Punkte, das ist eine „1 plus“. Und sein Abi-Schnitt dürfte kaum darunter liegen, wenn auch die endgültigen Noten noch nicht feststehen. Damit könnte er praktisch alles studieren – von Medizin über Psychologie bis hin zu Jura oder BWL, die, anders als die erstgenannten, kaum Zulassungsbeschränkungen haben. Aber er hat andere Pläne und will zunächst Rettungssanitäter werden. „Ich muss erst einmal mehr vom echten Leben lernen“, meint er und will nicht nach 13 Jahren Schule (darunter ein Schuljahr in den USA) „gleich wieder in die Theorie“ (Universität). Danach könnte dann ein Medizinstudium stehen. Seine praktische Ausbildung soll ihm auch zeigen, „ob ich dem gewachsen bin“.

Alexander Walker ist ebenfalls 18 Jahre alt und wird sich mit der Abi-Note „wohl so zwischen 2,1 und 2,6“ bewegen. Guter Durchschnitt. Obwohl er meint, die Abschlussklausuren hätten vielleicht noch besser laufen können. Trotzdem: sein „Schnitt“ wird reichen. Er will „auf jeden Fall studieren“, und zwar „wahrscheinlich Betriebs- oder Volkswirtschaft“. Da sind die Hürden, was den Numerus Clausus angeht, nicht so hoch. Aber nicht deshalb hat er sich dafür entschieden, sondern weil es ihn interessiert und dieses Interesse an der Schule nahezu optimal gefördert wurde.

Lasse Struss

Lasse Struss (18) war der letzte Gesprächspartner, wobei es der reine Zufall ist, dass wir mit vier männlichen Abiturienten gesprochen haben. Immerhin gibt es in diesem Jahrgang seit langem wieder mal einen männlichen Überhang. Und nicht nur das: Lasse gehört auch zu den „Einsern“; in der Vergangenheit mitunter eine ausschließliche Frauendomäne. Ein überwiegendes „Sehr gut“ als Note war ihm wichtig, um sich „möglichst viele Türen offen zu halten“. Er wird aber erst einmal ein Jahr auf Amrum verbringen und dort „ein freiwilliges ökologisches Jahr“ im Naturzentrum absolvieren. In der Zeit will er sich darüber klar werden, was danach kommt. Auf jeden Fall ein Studium – „vielleicht Medizin, Psychologie, Politik, Soziologie“ – „nichts rein technisches oder künstlerisches“. Das weiß er schon. Und ansonsten: abwarten.

Sein Schulfreund Alexander Walker verlegt diese Überlegungsphase nach Australien. Sein „Work-and-Travel-Ticket“ hat er schon in der Hand. Als erste Station wird Sydney angesteuert – und „dann mal sehen“. Er sieht diese Möglichkeit, wie Lasse Struss, vor allem dadurch gegeben, dass sie die Schule schon nach zwölf Jahren beenden konnten. Das „Turbo-Abi“, das, wie gerade beschlossen, nun wieder abgeschafft werden soll, war für die beiden kein Problem. Auch die anderen zwei konnten sich nur bedingt für die Wiedereinführung der dreizehn Schuljahre begeistern.

Alexander Walker

Ausgerechnet der offensichtlich Schul-Beste von ihnen, Jasper Haritz, sah das etwas anders. Er wünschte seinen Nachfolgern „mehr Zeit“. Gar nicht unbedingt, um noch mehr zu lernen. Das kann man alles schaffen, wenn man „im Unterricht voll da ist und die Hausaufgaben macht“, so die Meinung aller. Nein, es geht auch darum, mehr freie Zeit zu haben und „eine gewisse Reife zu erreichen“.

Drei der vier arbeiten übrigens nebenbei, um sich ein wenig Geld dazu zu verdienen: als Hilfskraft im Lager, Pizzabote oder Kellner. Damit überbrücken sie die nächste Zeit, denn „ohne Schule wird es nach zwei Wochen fast schon wieder langweilig“, glauben sie. Die Wochen nach den Prüfungen waren ohnehin nahezu ausgebucht: Für einige stand die Abifahrt nach Spanien an; Ende Juni gibt es dann endlich die Ergebnisse der Klausuren und der legendäre „Abi-Scherz“ muss vorbereitet werden, ebenso Schulentlassung und Abiball.

An der Spanienreise nahm knapp die Hälfte des Jahrgangs teil. Sich noch einmal unbeschwert mit den Freunden treffen, mit denen sie so viele Jahre „Freud und Leid“ geteilt haben. Noch einmal richtig feiern, was man bis jetzt kaum begriffen hat. Die andere Hälfte reist auf eigene Faust, bleibt zu Hause oder geht arbeiten, wie Tim Koffmane. Nicht jedem scheint auch der ebenfalls legendäre Alkoholkonsum bei der Abifahrt zu liegen; „so eine Art kollektive Druckbetankung“, wie es einer von den vieren ausdrückt.

Die offizielle Schulentlassung ist für Anfang Juli geplant. Studiendirektor Friedhelm Horn hat diesen Jahrgang betreut. Die vier Befragten waren – anders kann man es kaum ausdrücken – begeistert von ihrem Tutor und Oberstufenkoordinator. Der allerdings vermerkt auch, dass der Jahrgang mal mit „159 Schülerinnen und Schülern in der zehnten Klasse gestartet“ war – geblieben sind nun gerade gut 100, die das Abitur bestanden haben. Das andere Drittel ist auf dem Weg zum Ziel ausgestiegen, und einige wenige haben nun auch die letzte Hürde – erst einmal – nicht gepackt. Trotzdem, so Horn, sei der jetzige „ein extrem guter Jahrgang“. Seiner Meinung nach hat das Abitur heute aber ohnehin nur noch „die Funktion einer universellen Eintrittskarte für die Teilnahme am Wettbewerb um fast alle weiteren Berufs- und Bildungswege“. Die „nebulöse Abiturdurchschnittsnote“ hat für Studiendirektor nur „eine begrenzte Aussagekraft“. Aber ob „Einser“ oder „Dreier“ – erst einmal steht allen eine Tür offen.

Das Abitur im Altkreis Rotenburg

Gut 360 Abiturienten wird es in diesem Jahr im Altkreis Rotenburg geben, am Rotenburger Ratsgymnasium, der Scheeßeler Eichenschule, den Berufsbildenden Schulen Rotenburg und am Gymnasium Sottrum. Bundesweit hat sich die Zahl der Schulabgänger mit Abitur (Hochschulreife) bei über 35 Prozent eines Jahrgangs eingependelt. Die „Durchfallquote“ ist in Niedersachsen mit rund vier Prozent verhältnismäßig hoch. Die Zulassungsbeschränkungen (Numerus Clausus, NC) sind an den einzelnen Universitäten unterschiedlich. Noch immer ist ein wesentliches Kriterium – wenn auch nicht das einzige – die Durchschnittsnote im Abitur. Der höchste NC (zwischen 1,0 und 1,2) wird in Fächern wie Medizin, Zahnmedizin oder Psychologie verlangt. Viele Studiengänge haben allerdings überhaupt keine Zulassungsbeschränkungen. In den meisten Lehrberufen ist das Abitur nicht erforderlich, aber selten „schadet“ es bei der Bewerbung. n msc

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Weltrekord-Versuch im Dauertennis: die ersten 25 Stunden

Weltrekord-Versuch im Dauertennis: die ersten 25 Stunden

S-Bahn-Unfall in Barcelona

S-Bahn-Unfall in Barcelona

So überleben die Balkonpflanzen Ihren Urlaub

So überleben die Balkonpflanzen Ihren Urlaub

Rio tanzt nicht mehr: Der geplatzte Olympia-Traum

Rio tanzt nicht mehr: Der geplatzte Olympia-Traum

Meistgelesene Artikel

Auto prallt frontal gegen Baum - Fahrerin schwer verletzt

Auto prallt frontal gegen Baum - Fahrerin schwer verletzt

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Aus Freundschaft wurde er zum Straftäter

Aus Freundschaft wurde er zum Straftäter

Meyerhof-Apotheke: Die Nachfolger stehen bereit

Meyerhof-Apotheke: Die Nachfolger stehen bereit

Kommentare