Vier neue Sprachlernklassen des niedersächsischen Förderprogramms im Kreis

Flüchtlingskinder sollen schulischen Anschluss finden

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Die Integration von Flüchtlingskindern in den normalen Schulalltag ist auch im Landkreis ein großes Thema.

Rotenburg - Niedersachsen verstärkt seine Anstrengungen, um Flüchtlingskinder rasch in den Schulunterricht zu integrieren. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hat angekündigt, das Land werde unter anderem die Zahl der Sprachlernklassen von derzeit 240 auf 300 aufstocken: „Sprache ist der Schlüssel zu Integration und Bildungsteilhabe, daher stärken wir diesen Bereich nachhaltig.“ Im Landkreis Rotenburg gibt es momentan vier solcher Förderklassen.

Nach den aktuellen Prognosen rechnet Niedersachsen für das laufende Jahr mit insgesamt bis zu 30000 neu ankommenden Flüchtlingskindern, die schulpflichtig sind. In der Regel sprächen diese Kinder kaum ein Wort Deutsch, sagte Heiligenstadt. In den kommenden Jahren wolle die Landesregierung mehr als 730 Millionen Euro in die Sprachförderung stecken. Dieses Geld fließt in Teilen auch in die Region. Die Oberschulen in Selsingen, Scheeßel und Sottrum sowie die Gesamtschule in Tarmstedt bekommen das Geld für ihre Sprachlernklassen. Die Mittelzentren Rotenburg, Zeven und Bremervörde dagegen nicht – sie versuchen, sich mit eigenen Programmen zu helfen. „Der Bedarf ist nicht da“, sagte gestern Rotenburgs Schulamtsleiter Hans Eckert. Es gebe zwar speziellen Förderunterricht in der Kreisstadt, aber gesonderte Klasse nicht. Noch funktioniere die Integration der Flüchtlingskinder im normalen Unterricht, auch dank der Hilfe der Volkshochschule.

Anders sieht es in Sottrum aus. Die Oberschule an der Wieste hat bereits seit Februar ihre Sprachlernklasse. 17 Kinder aus den Jahrgängen fünf bis acht unterrichtet Lehrerin Melanie Kleinert dort. Das Ziel ist es, sie auf den Übergang in die Regelschulklassen vorzubereiten. Und das ist gar nicht so einfach, weiß auch Schulleiter André Barth zu berichten. „Die Kinder sprechen oftmals nicht ein Wort Deutsch. Da läuft die Verständigung nur mit Händen und Füßen.“ Doch auch auf digitale Mittel greift die Schule zurück – der Übersetzer im Internet hilft in bestimmten Situationen weiter.

Das Problem kennen auch Michael Berthold, Schulleiter der Gesamtschule Tarmstedt, und Anja Wichern, Direktorin der Oberschule Selsingen. 13 beziehungsweise 14 Kinder haben sie in den gerade neu gegründeten Sprachlernklassen. In Selsingen war auch ein 16-jähriger Schüler aus dem Kosovo dabei, der bisher erst ein Jahr lang überhaupt eine Schule besucht hat, berichtet Wichern. Die meiste Zeit verbringen die Schüler gemeinsam in der Sprachlernklasse und bekommen Deutsch- und Matheunterricht. Den Rest der Zeit und die anderen Fächer lernen die Kinder in ihrem jeweiligen Klassenverband.

Dass von den mittlerweile 300 Sprachlernklassen landesweit nur vier im Landkreis Rotenburg angesiedelt sind, ist nach Angaben auf die etwas anderen Strukturen im ländlichen Gebiet zurückzuführen. Dort seien die Klassen noch kleiner, die Integration funktioniere besser. So sind dann auch die 15 neuen Sprachbildungszentren in Niedersachsen eher den Ballungszentren zugeordnet – die nächstliegenden aus Rotenburger Sicht Stade und Delmenhorst.

Trotzdem werden auch an der Scheeßeler Beeke-Schule Kinder und Jugendliche in Sprachlernklassen gefördert – und das nicht nur mit Flüchtlings- und Asylbewerberhintergrund, wie Leiter Sven Borstelmann erklärt. „Das sind auch junge Leute aus Polen, Tschetschenien und den baltischen Staaten, deren Familien hier Fuß fassen wollen und mit Sprachproblemen zu kämpfen haben“, sagt er. Insgesamt 33 Jungen und Mädchen würden derzeit von dem Förderangebot an der Oberschule Gebrauch machen – beinahe doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.

In Rotenburg wird es eine Sprachlernklasse vorerst nicht geben, bestätigte gestern Schulamtsleiter Hans Eckert. „Ich habe den Bedarf abgefragt, es gab keine Reaktion“, so Eckert. Vielmehr reichten die Kapazitäten an den städtischen Schulen derzeit noch aus, um die Kinder ohne eigene Klassen in den Regelunterricht zu integrieren. Dafür gebe es zum Beispiel an der Stadtschule einen Förderunterricht für sechs Kinder, an den Berufsbildenden Schulen helfen laut Eckert pensionierte Lehrer aus, um die deutsche Sprache zu vermitteln. Das notwendige Geld für die Maßnahmen komme aus verschiedenen Töpfen. Das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes könne in Anspruch genommen werden, zudem hat die Stadt nach Angaben von Bürgermeister Andreas Weber (SPD) aus den unlängst freigegebenen Sondermitteln aus Berlin 119000 Euro bekommen – zur freien Verfügung in Sachen Integration. Weber: „So können wir die Angebote flexibel gestalten.“

In enger Kooperation steht die Stadt dabei mit der Volkshochschule (VHS), die freilich auch für die umliegenden Kommunen zuständig ist und dort ein Angebot an Sprachkursen bereithält. „In diesem Jahr haben wir bereits mehr als 50 Kurse gegeben, so viele wie nie zuvor“, berichtet VHS-Leiter Michael Burgwald. Ab dem 14. September werde der nächste Deutsch-Intensivkurs angeboten. Auch die Nachfrage nach Alphabetisierungs- und Integrationskursen sei groß. Das Problem: Es fehlen Lehrer, die auf Honorarbasis für die VHS arbeiten.

Die potenzielle Kundschaft für diese Kurse wächst. 1200 Bürger aus mehr als 80 Nationen leben in der Kreisstadt, hatte Bürgermeister Weber zu Beginn der Pegida-Demonstrationen vorgerechnet. Hinzu seien in diesem Jahr bislang 72 Asylbewerber gekommen, darunter viele Flüchtlinge. Die Quote 2015 sei mit 82 angesetzt gewesen. Im kommenden Jahr erwartet die Stadt einen Anstieg auf 150. Weber: „Hier ist noch alles verträglich, aber man muss europaweit Lösungen finden.“

mk/jet/lw

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