Rotenburger Konzerte starten mit Grieg und Schubert in die Klassiksaison

Vier Forellen, ein Bösendorfer

Pianist Christoph Soldan (l.) und das Kammerorchester der Schlesischen Kammersolisten überzeugen mit einem brillanten „Forellenquartett“. - Foto: Heyne

Rotenburg - Mit Quintetten ist es so eine Sache: Nie weiß man, wer spielt. Trotz Schuberts „Forellenquintett“ würden zum Auftakt der neuen Saison der Rotenburger Konzerte keine vier Forellen und ein Musiker zu hören sein, versicherte Tastenstar Christoph Soldan mit einem Augenzwinkern den mehr als 200 Stammgästen und erfreulich vielen jüngeren Gesichtern am Donnerstagabend in der Aula der Realschule Rotenburg. Der Ausnahmepianist, der bereits in jungen Jahren mit Leonard Bernstein getourt war, konnte sich noch gut an seinen ersten Auftritt in Rotenburg erinnern: „Damals hatte ich eine Sonate von Alban Berg im Programm, die so gut wie keiner kannte“– wie groß sein Erstaunen, dass die heute mit Holzpaneelen bekleidete Wand ausgerechnet der Notensatz dieses Werks zierte.

Bis der international gefragte Pianist tatsächlich mit einem Streicherquartett der schlesischen Kammersolisten aus Kattowitz zu hören sein würde, sollte jedoch noch eine nicht minder hörenswerte Stunde vergehen. Das Programm: Ebenso heiter wie die slapstickreife Verbeugung von Konzertmeister Darius Zboch, als er die gesuchten Grieg-Noten endlich auf seinem Notenständer gefunden hatte.

Allein, die Morgenstimmung der Peer Gynt Suite, einem der wohl bekanntesten Werke des norwegischen Komponisten, geriet zum recht zügigen, wenig erinnerungswürdigen Sonnenaufgang. Anders die folgenden Sätze: In „Ases Tod“, einem Andante doloroso, demonstrierten die fünf Streicher eindrucksvoll das zarte Nachhorchen, die sensibel dynamische Reduktion bis zum Hauch eines Klangs, der dem ersten Satz gut zu Gesicht gestanden hätte. Im folgenden Tanz mit gezupften Passagen kam die bestechende Technik der Polen zum Tragen. Einer, der sich das Stück nicht nur gewünscht, sondern den Abend auch kräftig finanziell gesponsert hatte, war Joachim Looks: „Das hatte ich früher schon auf Platte, ich kenne jede Note!“, so der Unterstützer aus Eversen begeistert.

Eine „Ohrenwäsche“ hatte der musikalische Leiter Niels Kruse dem Publikum mit den folgenden drei jüdischen Kabinettstückchen verordnet – und gut daran getan, nahmen sich die schwungvollen, leidenschaftlichen, zwischen Klezmer und Tango verorteten Stücke doch ausnehmend erfrischend aus. Das Arrangement: eine Auftragsarbeit von Zboch. Seine Umsetzung des 121. Psalms, für die es keine musikalische Vorgabe gegeben habe, sondern nur eine Idee einer Melodiezuordnung, verriet, dass sich der Komponist und Arrangeur auch mit Popmusik beschäftigt: Die gut gelungene Orchestrierung des Stücks im Stil einer Ballade riss mit ihren schwelgerischen Passagen mit. Diesen Spirit nahmen Jaroslaw Marzec (Viola), Katarzyna Biedrowska (Cello) und Krzysztof Korzen (Kontrabass) sowie die eingesprungene Isabella Kozak an der zweiten Violine in die ebenfalls hörenswerte Holberg Suite mit.

Wer nach der Pause Zweifel in puncto Steigerungsfähigkeit hatte, wurde eines Besseren belehrt: Das Forellenquintett mit Soldan an Hellmichs nagelneuem Bösendorf-Flügel, der zu Kruses Freude die Nachfolge des Steinways antritt, geriet mit perligen Läufen und einem präsenten Pianisten, der die Streicher noch einmal fokussierte, zum Hörgenuss. Blieb am Ende, nach einer begeisternden Queen-Interpretation nur die schwerwiegende Frage: Welchen Ohrwurm auf dem Nachhauseweg pfeifen: Die „Forelle“ oder „We will rock you“?

Von Ulla Heyne

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