Rotenburgs Bürgermeister: Viele Gespräche und klare Ziele

Oestmann geht mit Freude ins neue Jahr

Den Wegweiser braucht Torsten Oestmann nicht mehr. Nach zwei Monaten kennt sich der neue Bürgermeister der Stadt Rotenburg schon gut aus im Rathaus.
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Den Wegweiser braucht Torsten Oestmann nicht mehr. Nach zwei Monaten kennt sich der neue Bürgermeister der Stadt Rotenburg schon gut aus im Rathaus.

Rotenburg – Es ist bekanntlich nicht ratsam, den Tag vor dem Abend zu loben. Und vor diesem Hintergrund wird in Rotenburg mit Spannung erwartet, wie es Torsten Oestmann als neuem Rotenburger Bürgermeister gelingt, die von ihm im Wahlkampf beschworene, politische Unabhängigkeit im Amt in die Tat umzusetzen. Sein Kontrahent im Wahlkampf, der Christdemokrat Frank Holle, hatte Zweifel daran angemeldet – schließlich hatten SPD, Grüne und die Volt den parteilosen Oestmann im Wahlkampf unterstützt. Mit mehr als 60 Prozent der Stimmen hat Oestmann die Wahl am Ende für sich entschieden.

Kaum im Amt, wird die Unabhängigkeit des neuen Bürgermeisters schon ordentlich auf die Probe gestellt: Die neue Mehrheit im Rotenburger Stadtrat bringt wenige Wochen vor Weihnachten den Antrag auf Einrichtung einer Oberstufe an der IGS Rotenburg politisch auf den Weg. Sie widersetzt sich also dem Vorhaben des neuen und in weiten Teilen von ihr selbst getragenen Bürgermeisters Torsten Oestmann. Der wiederum bekommt Rückendeckung von denen im Rat, die für die Kommunalwahl noch Frank Holle als Bürgermeisterkandidat ins Rennen geschickt hatten: CDU, WIR und FDP.

„Ich hätte mir mehr Zeit dafür gewünscht, aber ich bin nicht böse wegen der Entscheidung“, sagt Oestmann. In Jeans und Pullover sitzt er am Besprechungstisch seines Büros, das er am 1. November bezogen hat. Es gibt Tee und Kaffee. Der neue Bürgermeister wirkt entspannt in diesen Tagen „zwischen den Jahren“. Er akzeptiere natürlich die Entscheidung des Stadtrates. „Sie bereitet mir aber keine schlaflosen Nächte, auch wenn ich die Entscheidung für falsch halte.“

Es ist nicht die Entscheidung für oder wider eine Oberstufe, sondern er hätte nicht schon das kommende Schuljahr als Starttermin ins Auge gefasst, sondern erst das Jahr 2023. Dennoch nimmt Oestmann aus dieser Ratssitzung vor dem Fest viel Positives mit: „Es ist die Freude über die sachliche Diskussion – und das bei einem emotionalen Thema.“ Diese Sachlichkeit ist in der Debatte mehrmals und zugleich von unterschiedlichen Seiten immer wieder betont worden. Ein neuer Geist etwa, der das Zusammenspiel von Politik und Verwaltung prägt in der Kreisstadt?

So weit würde Oestmann vermutlich noch nicht gehen. Doch er unterstreicht: „Es ist genau das, was ich schon im Wahlkampf gesagt habe: Ich bilde mir ein Urteil über das Thema – und zwar unabhängig von Parteilinien.“

Der Antrag für die IGS-Oberstufe übrigens hat das Rathaus bereits in Richtung Lüneburg verlassen. Ein Antrag, der beim neuen Chef im Rathaus keine Sorgenfalten auf der Stirn hinterlässt, aber: „Es würde mich schon ärgern, wenn wir hinterher feststellen sollten, unnötig viel Geld ausgegeben zu haben.“ Im Klartext: Ein Raumkonzept muss her. Mit der Einrichtung der Oberstufe verbindet man im Bauamt zusätzliche Kosten im Millionenbereich.

Unabhängig davon trifft sich Oestmann aller Voraussicht nach gleich im Januar mit den Schulleitungen der IGS, der BBS und des Ratsgymnasiums. Wie kann die vorbereitende Arbeitsgruppe aussehen? Wer moderiert sie? Das ist das Thema der Runde. Es geht also voran und Oestmann professionell mit der neuen Situation um.

Die ersten Wochen im Rathaus, erklärt er, seien zudem so gelaufen, wie er es sich vorgenommen hatte. „Die Tage waren termingeprägt.“ Rund 320 Mitarbeiter gehören zum Team der Rotenburger Stadtverwaltung. Oestmann will sie kennenlernen. Das macht viele Gespräche erforderlich. Im Rathaus selbst, aber auch auf der Kläranlage, dem Bauhof, in den Kindertagesstätten und Schulen sowie in der Volkshochschule und der Stadtbibliothek sind die Beschäftigten ebenfalls darauf gespannt, den neuen Chef der Verwaltung kennenzulernen. In diesen Gesprächen geht es jedoch nicht nur ums Kennenlernen, sondern auch um Fragen hinsichtlich möglicher Verbesserungspotenziale. Die Kollegen begegneten ihm freundlich. „Der Start“, sagt Oestmann, „ist mir einfach gemacht worden.“

Nicht zuletzt deshalb stellt der Bürgermeister fest: „Ich bereue es nicht, diesen Schritt gemacht zu haben.“ Der Wahlkampf, sagt er rückblickend, habe ihn deutlich mehr Kraft gekostet – „den habe ich ein wenig unterschätzt“.

Jetzt geht es also in ein neues Jahr. Und mit der Feststellung, dass der neue Job Spaß macht, weil die Bandbreite der Themen so groß sei, nimmt er zunächst den neuen Haushalt in den Fokus. Das Ziel: „Die Beratungen in den Fachausschüssen sollten zeitnah, möglichst also noch im Januar beginnen. Den Haushalt und den ersten Jahresabschluss für 2012 möchte ich im März fertig haben.“

Darüber hinaus freut sich Oestmann auf den Verkehrsentwicklungsplan, den er im Frühjahr erwartet. „Dann haben wir etwas Konkretes, womit wir arbeiten können.“ Ebenfalls noch im ersten Halbjahr 2022 ist mit einer Nachricht darüber zu rechnen, ob und in welchem Umfang Rotenburg in das Städtebauförderprogramm kommt. „Unklar ist aber noch, wann und in welchem Umfang wir uns mit der Kanalisation beschäftigen müssen“, ergänzt Oestmann das, was man außerdem noch so auf dem Zettel hat.

Es kommen aber auch schon jetzt immer wieder Bürger auf ihn zu mit Anliegen, die eher aus dem Alltag stammen: „Der Müll an den Containern auf dem Lohmarkt und die Grünpflege“, berichtet der Bürgermeister. Das seien Themen, die viele Rotenburger bewegten. Das, sagt er, habe er bereits im Wahlkampf erfahren. Und es sei die Frage zu stellen, wie sich die Stadt in Sachen Grünpflege organisiert. Der Bauhof könne da nur verstärkt einsteigen, wenn mehr Personal vorhanden ist. Aber wäre das günstiger, als die Aufgaben zu vergeben?

Damit wird deutlich: Aus den Gesprächen mit den Mitarbeitern der Stadtverwaltung kommen Punkte auf den Tisch, die es zugleich auch erforderlich machen, punktuell die Personalorganisation zu betrachten. Oestmann selbst möchte die Öffentlichkeitsarbeit professionalisieren. Da rücken also interne Strukturen in den Fokus. Zugute komme ihm die eigene Führungserfahrung. „Ich will die Mitarbeiter mitnehmen und vor allem Reibungspunkte minimieren. Dabei geht es nicht zuletzt um Kommunikation – innerhalb der Teams und zwischen den verschiedenen Teams.“

Als ehemaliger Polizist spielt bei Oestmann auch die Sicherheit eine Rolle. Als Bürgermeister übernimmt er nun auch den Vorsitz im Präventionsrat. „Der muss präsenter sein“, sagt Oestmann. Ziel sollte es sein, mehr eigene Projekte ins Leben zu rufen. „Themen haben wir in Rotenburg ja genug.“ Etwa die schon seit vielen Jahren schwelende Frage, wo sich endlich Treffpunkte für junge Leute schaffen lassen.

Die Jugendlichen hat er ohnehin im Fokus. Daher habe er bereits die Schulen angeschrieben und ein Angebot unter dem Motto „Politik zum Anfassen“ unterbreitet. „Die Resonanz ist noch mäßig, aber ich bleibe da am Ball.“ Doch ganz egal, was die Stadt im kommenden Jahr auch anpackt: Über allem schwebt die Pandemie. Das Rathaus allerdings, erklärt Oestmann, bleibe weiter für Besucher geöffnet. „Es zu schließen, würde eine trügerische Sicherheit bedeuten.“ Dennoch spiele der Arbeitsschutz für die vielen Mitarbeiter weiterhin eine zentrale Rolle – vor allem in den Ämtern mit viel Publikumsverkehr.

„Wir sind da in einem ständigen Dialog“, sagt er. Nur so viel ist schon jetzt klar: Die Kollegen der Kläranlage – einer der sensiblen Bereiche – sind in zwei Schichten im Einsatz. „Das geht nicht anders“, so Oestmann. Auch dieser Schritt ist ein Ausfluss jener Kommunikation, die der Bürgermeister im Rathaus pflegen möchte.

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