Der 5. Dezember ist Internationaler Tag des Ehrenamts / Corona ist allgegenwärtig

Viele Freiwillige in der Zwangspause

Eine freiwillige Helferin engagiert sich wegen des durch Corona ausgelösten Personalmangels bei der Rotenburger Tafel.
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Eine freiwillige Helferin engagiert sich wegen des durch Corona ausgelösten Personalmangels bei der Rotenburger Tafel.

Rotenburg – Der 5. Dezember ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. Das Ehrenamt hat sehr viele Gesichter: In Deutschland engagieren sich laut Bundesregierung 31 Millionen Menschen freiwillig und leisten damit einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft. Das gilt auch für viele Frauen und Männer im Landkreis. Dass dieses Engagement hier sehr ernst genommen wird, zeigt sich nicht zuletzt an der Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Arbeit, die im Kreishaus von Sandra Pragmann und Gerlinde Wozniak betrieben wird. „Wir haben zum Glück nach wie vor eine große Bereitschaft zum Engagement. Es wird aber wohl zukünftig nicht mehr für alle Bereiche und Posten ausreichen“, sagt Pragmann gegenüber der Rotenburger Kreiszeitung.

Sie beobachte schon länger den Nachwuchsmangel in den Vorständen der Vereine. Viele Ältere würden ihre Vorstandsposten in den kommenden Jahren abgeben. Nicht immer ließen sich dann Menschen für die Nachfolge finden. Die Gründe seien vielfältig: fehlende Zeit, verkrustete Strukturen, fehlende Digitalisierung, unattraktive Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig erlebe sie mit Gerlinde Wozniak Menschen, die sich einbringen und Dinge anpacken oder verändern möchten. „Es gibt viele Männer und Frauen, die bei Bedarf bereit sind, neue Wege in den Vereinen einzuschlagen, Posten zu teilen, neue Mitglieder zu gewinnen oder neue Zielgruppen anzusprechen. Wir erleben selbstbewusste Ehrenamtliche, die mit entscheiden und gestalten wollen.“ Die Arbeit trägt also Früchte. „Unbedingt. Wir können es leider nicht messen. Aber unsere Angebote werden angenommen, Menschen bedanken sich für unsere Öffentlichkeitsarbeit und unsere Arbeit, die ja auch eine große Wirkung auf jeden Freiwilligen haben kann.“ Nur ein Teil der Freiwilligen käme zu ihr in das Büro oder in die Veranstaltungen, aber viele nutzten die Informationen und sähen es als Anerkennung ihrer Arbeit, dass es die Ehrenamtskoordination gibt. Doch nicht zuletzt im Ehrenamt haben die Menschen mit der Pandemie zu kämpfen. Viele fühlen sich ausgebremst. „Insbesondere diejenigen, die einzelne Menschen begleiten oder betreuen möchten – etwa in der Nachhilfe, Seniorenbegleitung und Hospizarbeit, als Sprachlotsen oder Familienpaten – können aktuell nicht aktiv sein. Dies macht beide Seiten unglücklich. Wir hoffen, dass diese Menschen alle durchhalten und dann weiter freiwillig aktiv sind“, sagt Pragmann.

Obwohl es in vielen Bereichen des freiwilligen Engagements derzeit also nahezu oder vollkommen stillsteht, sei im Büro von Sandra Pragmann und ihrer Kollegin noch viel los. „Wir haben viele Anfragen und Beratungen zu unterschiedlichsten Themen.“ Da gehe es zwar auch oft um die Auswirkungen der Corona-Pandemie, aber auch um andere Dinge. Gerade jetzt herrschten große Hilfsbereitschaft und der Wille, sich freiwillig zu engagieren. „Wir beraten also Menschen bei der Suche nach dem passenden Engagement.“

Gleichzeitig laufe die Corona-Freiwilligenbörse weiter. Es gebe Freiwillige aus dem gesamten Kreisgebiet, die sich bereit erklärten, Einkaufsdienste, Besorgungen und ähnliches zu übernehmen für Menschen, die der Risikogruppe angehören, in Quarantäne sind oder direkt vom Corona-Virus betroffen sind. Pragmann: „Hierbei übernehmen wir die Vermittlung.“ Und auch die Digitalisierung des Ehrenamts nehme aktuell einen hohen Stellenwert und einen ebenso hohen Zeitaufwand ein.

Ein wenig ausgebremst ist auch die Koordinierungsstelle selbst. „Wir bieten online Seminare an. Im Moment konzentrieren wir uns auf das Thema Corona und die Vereine.“ Diese Angebote würden sehr gut angenommen und seien jedes Mal ausgebucht. Um in der aktuellen Situation Menschen zu Hause zu erreichen, habe man die Projekte „Telefonjoker“ und „Telefonischer Adventskranz“ ins Leben gerufen und auch dort eine rege Teilnahme.

Im Hintergrund arbeiten die beiden Damen bereits an der Vorbereitung für das kommende Jahr. Zu Beginn wollen sie hauptsächlich mit digitalen Angeboten starten und dann im weiteren Verlauf ihre Vorort-Veranstaltungen wieder stattfinden lassen – sobald das möglich ist. „Wir haben wieder viel vor und neben unseren etablierten Angeboten auch neue Angebote in petto“, verspricht Pragmann.

In diesem Jahr sind die Probleme vor Ort noch ganz andere: Viele Freiwillige hätten in der aktuellen Situation eine komplette Pause vom Ehrenamt. Diejenigen die noch aktiv sind, sorgten sich darum, ob die anderen wieder zurückkommen werden. „Es ist vielfach völlig offen, ob auch nach Corona noch die gleiche Bereitschaft zur Mitarbeit besteht oder ob Angebote wegfallen werden“, fasst Pragmann die Rückmeldungen zusammen. Ehrenamtliche fragten sich, wie sie jetzt ihre Arbeit sicher erledigen können. Dabei gehe es um die Hilfe vor Ort, aber auch die rechtlich korrekte Arbeit im Verein. Viele Abläufe seien bisher analog gelaufen und die Vereine auf das Digitale nicht vorbereitet. „Auch fürchten einige Vereine um ihre finanzielle Grundlage, wenn jetzt Einnahmen wegbrechen. Die Mehrheit sorgt sich jedoch darum, den Kontakt zu ihren Mitgliedern und Zielgruppen zu verlieren.“

Wenn vom Tag des Ehrenamts die Rede ist, stellt sich vor allem eine Frage: Wo werden zurzeit ganz besonders Menschen gebraucht, die sich in den Dienst anderer Menschen stellen? „Besonders dort, wo in den Organisationen der direkte Kontakt wegfällt, braucht es Alternativangebote. Das können Online-Angebote, Bringdienste und Fahrdienste sein“, erklärt Pragmann. Es gelte jetzt, den Kontakt zur jeweiligen Zielgruppe zu halten und den Menschen zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind.  men

Gerlinde Wozniak (l.) und Sandra Pragmann kümmern sich in der Koordinierungsstelle um das Ehrenamt im Landkreis Rotenburg.

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