Pilzanalyse und Abstandsstudie Themen der AG Erdgas

Viele Fragen, kaum Antworten

Die Untersuchung von Pilzen, die in der Nähe von Erdgasförderanlagen gewachsen sind, hat keine Auffälligkeiten ergeben. Foto: Imago

Rotenburg - Von Michael Krüger. Seit knapp fünf Jahren hat es die Region amtlich, dass es ein Problem gibt. Im September 2014 wurde klar: Die Zahl der hämatologischen Krebserkrankungen bei älteren Männern in Bothel ist nach einer Auswertung des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen signifikant erhöht, das gleiche Ergebnis folgte wenig später für Rotenburg. Warum das so ist, ist bis heute unklar. Viele Untersuchungen sind angeschoben, doch das, was Stück für Stück an die Öffentlichkeit dringt, kann die Sorgen der Bevölkerung und vor allem der Betroffenen nicht vertreiben. Der Verdacht auf Zusammenhänge mit der Erdgasförderung steht vehement im Raum – und die Kritiker bleiben lautstark.

Die Vertreter von Vermilion Energy haben es sich möglicherweise etwas einfacher vorgestellt. Mitten in die Debatte um die Krebszahlen platzte der Konzern mit der Ankündigung, im Raum Visselhövede neu nach Gas bohren zu wollen. „Das hier ist verbrannte Erde“, poltert Grünen-Mitglied Ulrich Thiart am Mittwoch in der Sitzung der AG Erdgas des Kreistags in Richtung von Jürgen Rückheim und Sandra Finger. Der Vertreter der Geschäftsführung hat seine Unternehmenssprecherin in den Sitzungssaal des Rotenburger Kreishauses mitgebracht. Das neben Dea und Exxon dritte Unternehmen, das in der Region Gas fördern will, soll sein Projekt vorstellen. Es ist eines zur Unzeit, dürften die Vermilion-Verantwortlichen spätestens jetzt festgestellt haben, der Gegenwind ist groß, politisch wie seitens der Bürgerinitiativen. Zudem bleibt der Konzern vage: Der Tagesordnungspunkt „Geplante Erkundungsbohrung der Vermilion Energy Germany bei Visselhövede“ bleibt ein halbstündiger Vortrag zur Konzernstruktur – ohne Details zu nennen. Bislang hat Vermilion das Vorhaben der Politik im Kreishaus und in Visselhövede nur hinter verschlossenen Türen vorgestellt, ein „Nachbarschaftsforum“ für die Öffentlichkeit wurde kurzfristig gestrichen und wird jetzt bis Juni versprochen. „Es kommt was auf sie zu!“, sagt Thiart, es klingt ein wenig wie eine Drohung. Beim Thema Erdgas liegen manche Nerven blank.

Im gleichen Maße, wie sich die Förderunternehmen hinter Gesetzestreue, Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen nach Vorgaben verschanzen, fällt es denjenigen, die um Aufklärung gebeten werden, schwer, Klarheit zu schaffen. So obliegt es Kreisveterinär Dr. Joachim Wiedner, die Ergebnisse von Pilzuntersuchungen zu erläutern, die auf Anregung der Arbeitsgruppe im vergangenen Jahr vorgenommen worden waren. 16 Proben von Pilzen, die in unmittelbarer Nähe von zwölf Förder- oder Verpressanlagen gewachsen waren, hatte das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit analysiert, dazu mit Pilzen verglichen, die im Nordkreis, fernab der Förderung, gesammelt wurden. Ergebnis: keine Auffälligkeiten. Die EU-Grenzwerte für Schadstoffe wie Schwermetalle, die für Pilze aus professionellen Farmen gelten, die in den Lebensmittelhandel gelangen, hätten die wilden Pflanzen nicht überschritten. Die AG-Mitglieder sprechen sich dafür aus, die Analyse in diesem Jahr zu wiederholen, was wiederum den Ersten Kreisrat Torsten Lühring stört. „Das ist ja das grundlegende Prinzip hier, wenn die Ergebnisse nicht passen, noch mal zu messen.“ Dieses Verhalten schüre das Misstrauen gegenüber der Verwaltung, kontert Ulrich Thiart auch hier. Man müsse schließlich bedenken: „Die Krebsfälle sind nicht weniger geworden, und die Leute wollen Ergebnisse.“

Zufall ausgeschlossen, hieß es, als das Gesundheitsamt des Landkreises nach Auswertung der Krebsstudie von Bothel aus dem Jahr 2014 einen Zusammenhang erkannt hatte: Die signifikant erhöhte Zahl hämatologischer Krebsfälle bei älteren Männern in der Samtgemeinde Bothel steht im Zusammenhang der Wohnortnähe zu Bohrschlammgruben. Ein Fünf-Millionen-Euro-Förderprogramm mit Landesmitteln und Zuschüssen der Industrie wurde aufgelegt, 24 Bohrschlammgruben im Kreisgebiet als Verdachtsflächen ausgemacht. Alle sind mittlerweile ins Förderprogramm aufgenommen, betont Gert Engelhardt, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau im Kreishaus, in der dreistündigen Sitzung der AG Erdgas. Auch auf Radioaktivität werde getestet. Einige Gruben, in denen Kommunen und Förderunternehmen in der Pionierzeit nach Belieben alle möglichen Sachen „verklappt“ haben, werden nach auffälligen Werten mittlerweile genauer betrachtet, andere blieben unauffällig. Wie die Gruben durch welchen Wirkungskreis und welche Stoffe zu den Krebserkrankungen beitragen oder immer noch tun: Das ist wie alles zum Thema noch weitgehend unklar.

Hier wie da: Die Eindeutigkeit fehlt. Das muss auch Umweltepidemiologie Michael Hoopmann konstatieren, dem es obliegt, die im Dezember veröffentlichten Ergebnisse zur sogenannten Anstandsstudie des niedersächsischen Gesundheitsministeriums vorzustellen. Ein genereller Zusammenhang von der Wohnortnähe an Krebs Erkrankter zu Förderanlagen oder Bohrschlammgruben wurde darin nicht erkannt, wohl aber erhärtete sich der Verdacht für die Region. „Statistischer Zufall nicht ausgeschlossen“, gibt Hoopmann zu bedenken. Auch sage die Studie nichts aus über auslösende Faktoren. Zudem weise das Krebsregister für die vergangenen Jahre nicht aus, dass es in der Region noch allgemein erhöhte Erkrankungszahlen gibt. Vielleicht seien die Fallzahlen zu gering, sodass sie „im allgemeinen Rauschen untergehen“. Es werde weiter analysiert. Im Juni soll es die Ergebnisse der „Humanbiomonitoring“-Studie geben, die die persönlichen aktuellen Belastungen von Anwohnern Bothels mit Benzol und Quecksilber untersucht.

Vier Prozent der Landkreisbewohner, heißt es, leben in einem Umkreis von einem Kilometer um die nächste Gas-Förderanlage. Das sind mehr als 6 500 Menschen, alle im Altkreis Rotenburg. Auf Antworten hoffen nicht nur sie.

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