MEIN BUCH UND ICH Der Rotenburger Fritz Strunk schreibt an seiner Biografie

Viel zu erzählen

Die Erinnerungen seines Lebens trägt Fritz Strunk für seine Biografie zusammen, unter anderem von einer Reise auf dem Jakobsweg.
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Die Erinnerungen seines Lebens trägt Fritz Strunk für seine Biografie zusammen, unter anderem von einer Reise auf dem Jakobsweg.
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
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Rotenburg – Fritz Strunk sitzt mit seiner Frau Eleonore am Esstisch seines Häuschens. Vor sich eine Tasse Tee, daneben das Stövchen, in dem ein Teelicht behaglich flackert, während es draußen ungemütlich wird. Er schwelgt in Erinnerungen und davon hat er in 77 Lebensjahren einige gesammelt. Die bringt er gerade in Buchform – eine Idee seiner Familie. „Der Auslöser waren meine Kinder, die gefragt haben, was ich so alles gemacht habe“, erinnert er sich. Ob es in einem Verlag erscheint oder am Ende ein Stück Familiengeschichte für die Liebsten bleibt, weiß er noch nicht.

Strunk, der seit seinem Renteneintritt als Jobcoach arbeitet, aktuell in der Vita Akademie, und Flüchtlingen bei ihrem Einstieg in den Berufsalltag hilft, hat dabei und auch vorher schon so einiges erlebt. Und vielleicht, sagt er, interessiert sich ein Verlag dafür. Wenn nicht, ist das auch gut. Denn seine Kinder und Enkel, die wollen ihre Familiengeschichte auf jeden Fall lesen. Auch, wenn er rückblickend ein paar Dinge anders gemacht hätte. „Ich hätte gerne studiert“, erklärt der Rotenburger. Bildung, es ist das Thema, das den 77-Jährigen umtreibt, auf das er im Laufe des Gesprächs immer wieder kommt. „Ich wäre froh, mehr Bildung zu haben, heute haben die jungen Leute viel mehr Möglichkeiten“, erklärt er. Strunk selbst wird 1942 in Bad Salzuflen geboren, besucht die katholische Volksschule im Ort und macht seine mittlere Reife. Dann ist Schluss. Es habe sich nicht gelohnt, gibt er offen zu – das habe auch sein Lehrer gesagt. Sein Vater war im Krieg gefallen, seine Mutter zieht ihn und seinen Bruder alleine groß – streng, diszipliniert. An Liebe mangelt es nicht, am Geld schon. Also beginnt Strunk eine Ausbildung zum Klempner und Installateur. Obwohl er gerne Koch wäre. „Aber keine Chance nach dem Krieg“, meint er. Mit 14 habe er seine Lehre begonnen, bereits ab elf Jahren habe er in der Landwirtschaft mitgearbeitet. „Von dem bisschen Geld habe ich meiner Mutter etwas gekauft.“

Erst als er nach Norderney geht, wo er zunächst als Klempner arbeitet, tut sich für ihn eine Chance auf, seinen Traum zu verwirklichen – der ihm ein wenig im Blut liegt. „Mein Großvater war Feldkoch im preußischen Infanterieregiment“, so Strunk. Schon als Kind habe er nach der Schule für seine Mutter gekocht. Auf Norderney bekommt er das Angebot, das er nicht ablehnen kann: eine zweite Ausbildung, zum Koch. „Dann habe ich noch meinen Hotelkaufmann angehängt – mit Fleiß ist alles möglich.“

Er ist ein unruhiger Geist, wie er von sich sagt. Strunk heiratet seine erste Frau, bekommt mit ihr drei Kinder, aber „ich war immer unterwegs“. Die Ehe zerbricht später. Für Strunk geht es aber erstmal von Norderney aus für ein Jahr nach Frankreich, danach in die Schweiz und zurück nach Deutschland, wo er ab 1966 seine Militärzeit absolviert. „Ich war sehr gerne dabei“, beschreibt er die für ihn prägende Zeit. Neun Jahre, mit einer anschließenden Ausbildung an der Hotelfachschule Altötting. „Es war immer mein Ziel, weiterzumachen. Ich wollte das kompensieren, was ich nicht konnte, aber wollte“, verweist er wieder auf seine Schulbildung.

Strunk geht nach Porta Westfalica, ist drei Jahre im „Gallisch Germanischen Gasthaus“ tätig – ein Gasthaus, das Journalisten des „Stern“ auf den Plan ruft, die 1978 darüber berichten. Später fährt er mit Reportern des Magazins auf den Großmarkt nach Paris. „Das war ein Heidenspaß – die waren hackedicht, als wir zurückgefahren sind, weil sie an jedem Stand was geschenkt bekommen haben“, sagt er und grinst.

Später zieht es Strunk erneut nach Frankreich, er kocht im „Le Crabbe“ in der Nähe von Marseille. Sein Leben verändert sich noch einmal grundlegend, als er den Vorstandsvorsitzenden von Siemens kennenlernt – 1985 wechselt Strunk dorthin als Leiter der Casino Betriebe für die Region Nord. 20 Jahre ist er für die „Restaurants und Services“ zuständig, ein „enormer Aufstieg“, sagt er – vom Schuljungen mit der mittleren Reife in die Chefetage eines Großkonzerns. Aber er kocht nicht mehr, er managt. „Wenn ich gekocht habe, dann nur noch als Freundschaftsdienst.“ Dafür möbelt er alles ein wenig auf, führt die Bio- und Vollwertküche ein. „Man muss immer was Neues bringen“, weiß er.

Auch eine neue Frau ist an seiner Seite, Eleonore, die er ein paar Jahr zuvor am Bodensee kennengelernt hat – sie führte eine Ballettschule, er war zu der Zeit Direktor eines Hotels. Sie bringt zwei Kinder mit, die Strunk im Laufe der Zeit adoptiert. Heute hat er zwölf Enkel und sieben Urenkel. Eleonore und Fritz Strunk sind seit 40 Jahren verheiratet. Als die Frage nach einem Wohnort aufkommt – Strunk ist vor allem bei Siemens überall in Norddeutschland unterwegs –, hört das Paar in Rotenburg auf dem Kartoffelmarkt, dass viele seiner Kollegen sich in der Wümmestadt niedergelassen haben. „Hier möchte ich mal wohnen“, sei ihm da klar geworden. 1995 ziehen sie zunächst nach Ahausen, 2013 nach Rotenburg.

Sein in all den Jahren geschaffenes Netzwerk kommt ihm bei seiner Arbeit als Jobcoach zugute: Strunk ist bei den Rotenburger Wirtschaftssenioren, kann seine Kontakte nutzen, um anderen zu helfen – und das auch mal auf unkonventionelle Weise. „Ich nehme die Leute an die Hand, fahre mit ihnen direkt zu den Arbeitgebern hin.“

Schon 2005 ist er in Pension gegangen, aber an ein Aufhören denkt Strunk nicht. Daher erkundigt er sich beim Landkreis, wo sein Wissen gebraucht wird. „Ich bin ein sozialer Menschen, mochte es schon immer, Jüngere und Ältere wieder in Arbeit zu bringen.“ Vor allem den jüngeren Menschen möchte er helfen. „Ich binde dabei alle mit ein.“ So kommt er zuerst zum Bildungsträger Grone Schule, später in die Vita Akademie. Er lehrt Langzeitarbeitslose, gibt ihnen Tipps an die Hand für den (Neu-)Start und versucht, zu vermitteln. „Dazu herrscht auch eine gute Zusammenarbeit mit dem Jobcenter des Landkreises – da kenne ich auch andere.“

Später folgt die Arbeit mit Migranten, besonders, als die erste Flüchtlingswelle im Landkreis eintrifft. „Sie liegen mir besonders am Herzen“, so Strunk. Eines ist ihm gleich aufgefallen: „Sie stehen auf, wenn ich reinkomme, stellen mir einen Stuhl hin“, berichtet er.

„Der Respekt ist in diesen Kulturen sehr ausgeprägt.“ Da fällt ihm eine Gruppe Russen ein, die er mal im Unterricht hatte. Einer sitzt unbeteiligt an seinem Platz, Cap auf dem Kopf, Fuß auf dem Tisch. Das geht über zwei Tage, dann holt Strunk sich von einem russischen Bekannten Rat. Dieser lehrt ihn zu sagen, der junge Mann soll seine Kappe abnehmen. Am nächsten Tag verwendet ihn Strunk – forsch, in bester militärischer Manier. „Plötzlich saßen alle gerade“, sagt er und lacht.

Für eine Gruppe alleinerziehender Frauen macht er 2014 in Zeven etwas besonderes möglich: ein Auto. Keine der Frauen kann sich ein eigenes Auto leisten ohne Job – aber ohne Auto auch kein Job. Durch die mobile Möglichkeit kommen sie nach und nach in sozialversicherungspflichtige Jobs. Und es gibt auch die Momente, die „ich mein Leben lang nicht vergessen werde“. Nach einem Kochkurs mit Langzeitarbeitslosen in Bremervörde, bei dem sie ein Fünf-Gänge-Menü zubereiten und den Tisch eindecken, wird er zu seinem Geburtstag dorthin noch einmal eingeladen. „Die Schüler haben aus Holz mein Wohnmobil nachgebaut“, erinnert er sich. Für ihn etwas besonderes, da es ihn an Reisen mit seiner Frau erinnert – nach Spanien, Frankreich, Dänemark. Auch auf dem Jakobsweg ist Strunk unterwegs nach seinem Renteneintritt, mit dem Fahrrad geht es nach Santiago de Compostela. Und er ist Templer: Strunk gehört dem Orden OSMTH an – dem Ordo Supremus Militaris Templi Hierosolymitani. Seit 2011 unterstützt die Komturei Rotenburg Projekte in der Region.

Und nun soll es doch langsam gut sein. Ende September wird Strunk seinen Jobcoach-Nagel an die Wand hängen, dann soll Schluss sein – oder fast: Bis Frühjahr will er für ein paar Stunden die Woche noch weitermachen – um seiner Kollegin Roueida Kara den Übergang in der Vita Akademie zu erleichtern. Vor zehn Jahren noch sei das alles einfacher gewesen, resümiert er. Vor allem Akademiker aus dem Ausland seien heute viel schwieriger unterzubringen. Und: „Ohne familiären Rückhalt wäre das alles nicht machbar gewesen“, sagt er und blickt zu seiner Frau. Strunk könnte noch so viel mehr Anekdoten erzählen. Wird er auch. In seiner Biografie. Und jetzt, jetzt muss er erstmal wieder los. Ein Schützling, den er in einen Job bringen möchte, wartet auf ihn.

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