„Der Versuch, zu bagatellisieren“

Erdgasförderung: Umweltmediziner Paul Matthias Bantz im Intwerview

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An der Bohrung Bötersen Z 11, die mitten auf der Rotenburger Rinne liegt, fokussiert sich der Streit: Gefährdet die Erdgasförderung Mensch und Trinkwasser?

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es ist etwas ruhiger geworden im Dauerstreit um die Folgen der Erdgasförderung. Doch das dürfte sich bald ändern. Die Industrie will auf Grundlage der seit Februar geltenden neuen Gesetze in hiesigen Förderstätten wieder fracken, kündigt große Investitionen an, auf der anderen Seite sind Ergebnisse und Erkenntnisse aus neuen Studien und Untersuchungen zu erwarten. Was führt zu den erhöhten Krebszahlen im Erdgas-Landkreis Rotenburg? Diese Frage ist noch unbeantwortet.

Mittwochabend ab 19.30 Uhr will die Rotenburger Ärzteschaft im Buhrfeindsaal des Diakonieklinikums über den aktuellen Stand der Debatte informieren. Und damit wieder für mehr Gesprächsstoff sorgen. Umweltmediziner Paul Matthias Bantz steht als Sprecher der Rotenburger Gruppe der IPPNW (Ärzte in sozialer Verantwortung) hinter der Veranstaltung.

Anfang 2016 hatten Sie mit 212 Kollegen für Aufsehen gesorgt, weil Sie sich mit einem offenen Brief an Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) gewandt hatten und mehr Aufklärungsarbeit gefordert haben. Hat sich seitdem etwas positiv verändert?

Paul Matthias Bantz: Auf vielen Ebenen zeigt sich Bewegung: Die Botheler Befragungsstudie ist abgeschlossen worden. Ein vom Gesundheitsministerium in Hannover initiiertes Expertengespräch ist mit Anwesenheit der Bürgerinitiativen, Politikern und uns Ärzten abgehalten worden. Hieraus folgend befinden sich weitere Studien in der konkreten Planung. Die Arbeit der Bürgerinitiativen findet Unterstützung durch um die Gesundheit ihrer Patienten bemühte Ärzte in der Region. Die Aufmerksamkeit der Politiker und der Öffentlichkeit wird auf dem Geschehen gehalten. Durch die mediale Aufmerksamkeit konnten wir viele nationale und internationale Kontakte knüpfen und uns in der Sache sehr gut vernetzen.

Paul Matthias Bantz


Es sind neue Studien zum Thema in Auftrag gegeben worden, auch wurden vom Landesbergamt die Förderstellen umfangreich auf Schadstoffe untersucht. Sie bemängeln, dass das Zeitverschwendung sei, weil es bereits Ergebnisse und Studien zu gefährlichen Stoffen der Erdgasförderung gäbe. Wieso gibt es da so unterschiedliche Ansichten?

Bantz: Es gibt international unterschiedliche Studiendesigns und unterschiedliche lokale Gegebenheiten. Ansätze und Hinweise können jedoch übernommen werden – und werden auch durch unsere Mitarbeit auf verschiedenen Ebenen. Unseres Erachtens reichen allerdings die vorhandenen Daten aus, um Kontrollen und Fördermoratorien im Sinne des Vorsorgeprinzips zu fordern. Die Untersuchung der Bohrschlammgruben ist eine sehr diffizile Angelegenheit: Das Ergebnis der Untersuchung auf Schadstoffe hängt stark von der Probenentnahmestelle ab.

In Ihrer Einladung zur Veranstaltung am Mittwoch sprechen Sie von klaren Zusammenhängen zwischen Krebserkrankungen und der Nähe des Wohnortes zu Bohrschlammgruben. Die Industrie interpretiert die Ergebnisse von Bothel anders und sieht sich sogar als entlastet. Wie ist das zu erklären?

Bantz: Die Pressevertreter der Erdölindustrie versuchen, das Gefährdungspotential der Erdgasförderung für die Bevölkerung zu bagatellisieren. Die Ergebnisse der Befragungsstudie – wie auf der Webseite des Landkreises veröffentlicht – zeigen jedoch diese Zusammenhänge. Unter anderem heißt es: „Insgesamt geben diese Analysen Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Wohnnähe zu Bohrschlammgruben und dem Auftreten hämatologischer Krebserkrankungen bei Männern.“

Nachdem die neue Fracking-Gesetzgebung in Kraft getreten ist, hat die Industrie „Investitionen in Milliardenhöhe“ angekündigt, um die Produktion anzuschieben. Sie wollen das verhindern, drohen mit rechtlichen Schritten. Wie soll das gehen?

Bantz: Wir wollen von uns aus keine rechtlichen Schritte einleiten, wurden aber darauf hingewiesen, dass es Diskrepanzen zwischen Bundes- und Landesrecht gibt. Der Schutz des Trinkwassers im Sinne des Vorsorgeprinzips nimmt hier eine neue Sonderstellung ein – die rechtlichen Gegebenheiten müssen erst noch ausgelotet werden. Unter Umständen wird dieses nur mit Hilfe juristischer Klärung zu erreichen sein, um lokale Handhabe für die Verwaltung zu schaffen.

Sie verweisen momentan auch auf Nachbesserungsbedarf bei der Aufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms beim Trinkwasserschutz. Tut der Landkreis aus Ihrer Sicht insgesamt genug zum Schutz des Wassers und der Menschen?

Bantz: Der Landkreis kann die Augen vor den Umweltbelastungen der Erdgasfördeung nicht verschließen und wird zeigen müssen, wie ernst er das Vorsorgeprinzip nimmt.

Was erwarten Sie von den neuen Regierungen in Berlin und Hannover?

Bantz: Cem Özdemir (Bundesvorsitzender der Grünen – Anm. d. Red.) versicherte uns bei einem Treffen im Sommer 2016: Sollte er in Regierungsverantwortung kommen, schaffe er das Fracking ab; soweit diese Partei. Im niedersächsischen Wahlkampf versicherten alle unsere Landtagskandidaten, sich für ein Frackingverbot einsetzen zu wollen. Es wird sicher weiterer intensiver Arbeit bedürfen, ehe sich die Entscheidungsträger dem Vorgehen der Regierungen anderer Staaten anschließen werden, die schon entsprechende Verbote ausgesprochen haben.

In der Region gibt es Bürgerinitiativen, dazu Parteien und auch Sie als engagierte Ärzte. Wäre eine bessere Vernetzung nicht wünschenswert, um mehr zu erreichen?

Bantz: Eine gute Vernetzung besteht bereits und wird auch weiter intensiviert.

Welche Erkenntnisse dürfen wir von der Veranstaltung morgen Abend erwarten?

Bantz: Wir werden auf die aktuelle Studienlage eingehen. Dr. Hermann Kruse, Chemiker vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel, wird uns verstehen helfen, mit welchen Umweltgiften wir rechnen müssen – und wie wir diese nachweisen können. Volker Meyer, Geschäftsführer Wasserversorgungsverband Rotenburg-Land, wird uns als Spezialist für unsere Trinkwasserversorgung vor Ort zeigen, was es zu schützen gilt. Als Ärzte wollen wir unsere Verantwortung bei der Vorbeugung von Erkrankungen mit Nachdruck übernehmen. Wer kommt, zeigt damit: Ich informiere mich und bleibe dran!

Die Veranstaltung unter dem Titel „Erdgasförderung: Risiken für Trinkwasser und Gesundheit“ beginnt Mittwoch um 19.30 Uhr im Buhrfeindsaal des Diakonieklinikums an der Elise-Averdiek-Straße 17. Der Eintritt ist kostenlos.

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