Experten warnen im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen vor Aktionismus

„Verständnis, Wärme und viel Ruhe“

Psychologe Andreas Thiel vom Diakonieklinikum Rotenburg rät dazu, Flüchtlingen nach ihrer Ankunft viel Zeit zu geben, um das Erlebte zu verarbeiten. - Foto: Diakonieklinikum

Rotenburg - Von Dieter Sell. In Schulungen für Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit warnt der Psychiater und Psychotherapeut Andreas Thiel vor übereiltem Aktionismus im Umgang mit den Asylsuchenden. Viele der Flüchtlinge kämen aus Kriegsgebieten und hätten Angst um Leib und Leben erleben müssen, sagt der Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Rotenburger Diakonieklinikum. „Für viele sind das belastende Traumata mit schwerwiegenden Folgen, andere können Erlebnisse dieser Art auch ohne professionelle Hilfe gut bewältigen.“

„Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen, brauchen sie zunächst Sicherheit, menschliche Wärme und Ruhe“, rät Thiel, der gemeinsam mit dem sozialpsychiatrischen Dienst im Landkreis Rotenburg Ehrenamtliche berät. „Nach der Ankunft hier kommt es darauf an, Geflüchteten zu vermitteln: Hier sind Sie erst einmal sicher, leben Sie sich ein, ich bin optimistisch, dass es für Sie besser werden kann.“

Der Mediziner verweist auch darauf, dass Flashbacks – durch Schlüsselreize ausgelöste blitzartige Erinnerungen an belastende Erlebnisse – und ein unsicherer Aufenthaltsstatus in Deutschland psychische Probleme verstärken können. „In erster Linie muss sich nach einer aufreibenden Flucht erst einmal das Umfeld beruhigen – und da können Ehrenamtliche ganz viel beitragen.“ Die Frage nach der Notwendigkeit einer professionellen ambulanten Therapie oder einer stationären Krankenhausbehandlung müsse in Ruhe geprüft werden.

Es komme darauf an, Mut zu machen und eine Perspektive auf Hoffnung zu eröffnen. Viele Menschen seien in der Lage, ein Trauma gut zu überleben, betont Thiel. „Es gibt Faktoren, die das Risiko einer anhaltenden Belastung verringern: etwa der Rückhalt von Familie, Freunden und eben auch Helfenden.“

Wenn sich mit der Zeit herausstelle, dass geflüchtete Menschen typische Beschwerden einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigten, könne immer noch reagiert werden. „Es ist ja fast nie ein akuter Notfall.“ Wenn die Angst hängenbleibe, wenn sich beispielsweise Alpträume und Herzrasen manifestierten und die innere Ruhe dauerhaft verloren gehe, müsse allerdings etwas passieren.

Das Zentrum für Psychosoziale Medizin gehört zum Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg. Alleine im Landkreis Rotenburg leben offiziellen Angaben zufolge etwa 3 000 Asylsuchende und Geflüchtete. Ein großer Teil dieser Menschen komme aus Kriegsgebieten und sei mit Bombardierungen, Zerstörungen oder persönlicher Lebensgefahr konfrontiert gewesen, heißt es. - epd

http://www.diako-online.de/Zentrum-fuer-Psychos.7564.0.html

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