Sprung in Trauerpfützen

Verein Hospizarbeit unterstützt Kinder bei der Verarbeitung von Todesfällen

Zweimal im Monat unterstützen Almuth Baack-Bione (r.) und das Team der Ehrenamtlichen des Vereins Hospizarbeit in der Region Rotenburg Kinder und Jugendliche beim Verlust eines geliebten Menschen.
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Zweimal im Monat unterstützen Almuth Baack-Bione (r.) und das Team der Ehrenamtlichen des Vereins Hospizarbeit in der Region Rotenburg Kinder und Jugendliche beim Verlust eines geliebten Menschen.

Zweimal im Monat kommen trauernde Kinder und Jugendliche in der Rotenburger Lindenschule zusammen. Doch die Treffen, in denen sie lernen, besser mit dem Verlust umzugehen, sind manchmal auch sehr fröhlich. Denn Kinder trauern anders.

Rotenburg - Im einen Moment können sie weinen, schreien, verzweifelt sein, im nächsten Moment lachend durch die Gegend rennen: Kinder trauern anders, verarbeiten Erlebnisse anders als Erwachsene. Ein Umstand, den die „Großen“ daher oft nicht verstehen, ihnen fällt es schwer, damit umzugehen. An diesem Punkt kommt der Verein Hospizarbeit in der Region Rotenburg ins Spiel, der für Kinder und Jugendliche mit einer Trauergruppe eine Anlaufstelle bietet.

Denn eine Besonderheit bei trauernden Kindern: Sie springen in „Trauerpfützen“, nennt es Sozialarbeiterin Almuth Baack-Bione. Das Wort Trauergruppe trifft allerdings nicht ganz die Treffen, die in der Rotenburger Lindenschule zweimal im Monat stattfinden – denn es wird neben dem Reden und Zuhören auch viel gelacht und gespielt. „Wir müssen nicht nur reden“, betont Baack-Bione.

Ein junges Mädchen ist heute das erste Mal dabei. Sie hat vor einem Jahr ihren Vater verloren, zum Treffen kommt sie jetzt erst. „Manchmal kommt es später hoch“, erklärt Baack-Bione, die unterstützt von neun Ehrenamtlichen die zurzeit 15 Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen vier und 17 Jahren in der Rotenburger Lindenschule betreut.

Die Anlaufstelle ist wichtig für sie. Dort sind die Kinder und Jugendlichen unter Gleichgesinnten, „sie sitzen alle in einem Boot und können sich gegenseitig stützen“. Und die Großen würden auf die Kleinen eingehen, ist ihr in den vier Jahren, seit sie dabei ist, aufgefallen. Die Gruppe selbst gibt es seit sechs Jahren – und der Bedarf ist da. Es sei nicht immer einfach gewesen anfangs, weiß sie zu berichten – zeitweise hätten wenige Ehrenamtliche das Angebot alleine gewuppt, um es aufrecht zu erhalten. „Die sind alle mit Herzblut dabei“, sagt die 71-Jährige.

Normalerweise geht Baack-Bione zu neuen Teilnehmern in die Familie, lernt sie kennen, erklärt, was sie in der Gruppe machen. Das ist aufgrund von Corona nicht immer möglich, wenngleich sie alles versucht hätten, den Kontakt auch während der Lockdown-Phasen aufrecht zu erhalten, um die Kinder nicht alleine zu lassen. Wichtig sei auch, dass ein Angehöriger sie zu den Treffen bringt. Gerade für die Jüngsten, damit jemand Vertrautes in der Nähe ist, zu dem sie jederzeit gehen können. Auch die Erwachsenen haben in der Zeit die Möglichkeit, mit einer der Trauerbegleiterinnen zu sprechen.

Das, was die Kinder dann brauchen, ist so unterschiedlich wie die Kinder selbst: Die einen sind offen, teilen sich mit, fragen und sagen klar, was sie möchten und was nicht. Die anderen sind ruhig, beobachten, möchten nicht reden, aber dabei sein. Manche sind nur ein paar Mal dabei, vielleicht ist es nichts für sie oder das reicht ihnen. Andere kommen seit Jahren – sie fühlen sich wohl und verstanden. Die Kinder und Jugendlichen sagen selber, wenn für sie der richtige Zeitpunkt zum Verlassen der Gruppe gekommen ist.

Zu Beginn treffen sich immer alle in einem großen Kreis, danach geht es in kleine Gruppen. Am Schluss finden sich alle wieder in großer Runde zusammen.

Die Lebensgeschichten der Kinder sind nicht immer einfach zu verdauen, manche mussten schon jung viel ertragen. Auch harte Themen wie Suizid oder Mord müssen verarbeitet werden. „Der Tod ist für uns immer da, aber an manchen Geschichten knabbert man mehr“, gibt Baack-Bione zu.

Kindertrauergruppe

Jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat kommt die Gruppe des Vereins Hospizarbeit in der Region Rotenburg von 16.30 bis 18 Uhr in der Lindenschule zusammen. Fragen beantwortet der Verein unter der Nummer 04261/ 2097888 oder per E-Mail an info@hospiz-row.de.

Nur eins sei schade: „Trauer ist noch oft ein Tabu-Thema“, zu Unrecht, findet sie. Manchmal meinen Eltern, ihre Kinder sind noch zu jung oder bekommen das noch nicht mit. Doch Kinder fragen und man sollte sie ernst nehmen. Auch über das Thema Tod sprechen sie, je nach Altersstufe, so offen es geht. Und sind die Kinder emotional, sollen und dürfen sie es herauslassen – zum Beispiel an Musikinstrumenten.

Manchmal braucht es auch eine 1:1-Betreuung, wenn das Kind sehr unruhig ist oder aggressiv. Denn jedes verarbeitet seine Erlebnisse auf andere Art und Weise. Jedes von ihnen hat eine nahestehende Person verloren, seien es Eltern, Großeltern oder Geschwister. Andere haben traumatische Szenen miterlebt. Es gibt verschiedene Arten, wie die geschulten Ehrenamtlichen auf die Kinder eingehen. Jedes Treffen hat dabei ein eigenes Motto. An diesem Tag werden Erinnerungskisten gebaut. Besondere kleine Schatztruhen, in die die Kinder und Jugendlichen die Dinge legen, die sie an den Verstorbenen erinnern. Wenn sie möchten, erzählen sie von ihm oder ihr, zünden Kerzen an.

Finanziell sind sie bisher immer gut mit Spenden versorgt worden, konnten so unterschiedlichste Dinge für die Arbeit mit den Kindern anschaffen. Die Lindenschule unterstützt sie, stellt ihnen die Räume zur Verfügung und sie können ihre Materialien dort lagern. Der Nachteil: Sie müssen immer ein wenig improvisieren. Eigene Räume wären schön, sagt Baack-Bione. Zugleich ist sie der Schule sehr dankbar, denn sie bietet ihnen viel Platz, drinnen und draußen. Und den benötigen sie, damit sich die Kinder auch austoben können.

Aber einen Wunsch, den hätte sie, wie so viele Vereine: Wenn sich weitere Ehrenamtliche finden würden, die diese Aufgabe mit übernehmen – gerne auch Männer, aktuell sind es nur Frauen im Team. Zu zehnt ist es machbar, doch sind manche schon älter. „Es braucht Kreativität, Offenheit und Zuverlässigkeit“, sagt Baack-Bione. „Und man sollte die Kinder so annehmen, wie sie sind.“

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