Ellen Gause kandidiert für Bündnis 90 / Die Grünen bei der Bundestagswahl

Urgrün

Ellen Gause steht am Rande des Clusterplatzes Fulde. Hier fällt für sie genau das Thema zusammen, das die Region bewegt: das Spannungsgebiet zwischen Erdgasförderung und Umweltschutz. - Foto: Krüger

Walsrode/Rotenburg - Von Michael Krüger. Ausgerechnet hier. Ellen Gause hat ihr Fahrrad am Rand einer Schotterpiste abgestellt und blickt auf Stahl. Hohe Zäune, Rohre, Fördertürme, Tanks, Container. Der Clusterplatz in der Gemarkung Fulde am Stadtrand von Walsrode war mal als zentraler Verpressort für Lagerstättenwasser im Gespräch, Erdgas fördert „ExxonMobil“ hier seit Jahrzehnten. Und genau hierhin hat die 51-jährige Grünen-Politikerin zum persönlichen Gespräch geladen. Und nicht in den heimischen Garten.

Eine Chance rechnet sich Gause nicht aus. „Es wäre ein Weltwunder“, sagt sie zur Perspektive, am Sonntag kommender Woche als Direktkandidatin bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis den Platzhirschen Lars Klingbeil (SPD) und Kathrin Rösel (CDU) irgendwie den Sieg streitig machen zu können. „Ich habe doch keine Chance“, sagt sie, um gleich im nächsten Satz einzuschränken: „Durch die Kandidatur habe ich immerhin die Chance, Sachen zu sagen, die man sagen muss.“ Und Ellen Gause hat viel zu sagen – sachlich ruhig, aber bestimmt und auch mal mit einem verschmitzten Lächeln.

Gauses Sprung ins kalte politische Wasser begann erst vor sechs Jahren. Zur Kommunalwahl 2011 suchte die Walsroder Stadtratsfraktion der Grünen Kandidaten. Ellen Gause ließ sich nicht lange bitten. Warum auch? „Das Interesse an den Themen war bei mir immer da.“ Und auch das Engagement passt, urgrüne Themen, nur eben nicht in der Partei: Gause ist Mitglied bei Greenpeace und beim WWF, engagiert sich für Campact, hilft auch mal beim BUND. Dass sie bei der einst reinen Öko-Partei damit eher dem klassischen Bild als der heutigen Realität entspricht, weiß sie selbst: „Ich habe auch bei den Grünen Leute getroffen, die sich noch nie mit Umwelt befasst haben.“ Ein Vorwurf sei das aber nicht, vielmehr der Aufruf, sich zu trauen: „Jeder, der mitmacht, bewirkt etwas.“ Gause macht mit. 2011 tritt sie in die Partei ein und wird in den Stadtrat gewählt.

Mittlerweile ist sie Vorsitzende der dreiköpfigen Grünen-Fraktion, auch beim Orts- und Kreisverband Heidekreis steht sie an der Spitze. Und dann kam die Frage nach der Kandidatur für die Bundestagswahl. Auf der Bundesliste der Grünen steht sie nicht, direkt oder nicht nach Berlin also, ein tägliches Abrackern im hoffnungslosen Wahlkampf, wieso eigentlich? „Ich will, dass wir möglichst viele Stimmen bekommen, damit die anderen die Themen aufnehmen müssen.“ Und welche das sind, das liege ja auf der Hand beziehungsweise direkt vor der Haustür nicht nur ihrer Heimat Walsrode: Nitratbelastungen im Grundwasser, Vermaisung, Fracking. Grüne Themen eben.

„Ich bin verheiratet, habe drei erwachsene Kinder, zwei Hunde und zehn Hühner.“ So steigt die ehrenamtliche Leichtathletik-Trainerin Ellen Gause derzeit gerne auf den verschiedenen Online-Plattformen in ihre Vorstellung ein. Facebook hat sie entdeckt als Kandidatin, hat Cem Özdemir genau wie Lars Klingbeil, Gregor Gysi und Helge Schneider „geliked“, aber ihr eigenes Porträt sucht man draußen an den Laternenpfählen des Wahlkreises vergeblich. Die sind gepflastert mit Klingbeil und Rösel. „Wir sollten weg vom Personenwahlkampf“, sagt Gause. Weniger Köpfe, mehr Themen. Dabei gibt es über die Person hinter der Kandidatin so viel zu erzählen: Wie die in Hamburg geborene im beschaulichen Bierde bei Walsrode aufwächst, dort zum Gymnasium geht und doch mit 18 alle Zelte abbricht. „Ich fand Schule immer uninteressant und am Leben vorbei.“ Gause Bildungsrevolution führt sie zur Lehre als Garten- und Landschaftsbauerin, sie fährt Taxi, um über die Runden zu kommen, steht auch mal am Fließband, Akkordarbeit. Sie reist durch die Welt, mit dem Rucksack für jeweils drei Monate in verschiedene Länder. Was sie dort sieht, bringt sie zum Nachdenken. In Indien ist sie fassungslos, wie in einem relativ reichen Land so viele Menschen leiden müssen: „Das ist haarsträubend.“ Auch habe es sie „umgehauen“, wie „schonungslos wir mit der Umwelt umgehen“. Mit Mann und den drei Kindern geht es später mit dem Zelt und per Auto in den Urlaub. Naturerfahrungen. Heute – der Sohn 25, die Töchter 20 und 18 – sind die Kinder alle aus dem Haus, studieren. Das Fernweh packt Gause nicht mehr, Urlaube mit dem Flugzeug sind für sie aus ökologischen Gründen sowieso tabu. Ihr Reich sind 600 Quadratmeter Garten: „Der ist ein Lehrstück für Lebensraum.“ Bunt sei er, genug Platz für Sträucher, Hecken, Blumen und allerlei Nutzpflanzen, dazwischen neun Hennen, ein Hahn und zwei Hunde aus dem Tierheim, ihr Ehemann und sie.

Doch für Gartenidylle bleibt derzeit wenig Zeit, es ist Wahlkampf. Und deswegen steht Ellen Gause in Sandalen, Jeans und T-Shirt am Erdgasfeld, und es fallen Formulierungen wie „die Macht der Konzerne“ und „Alles hängt am Geld“. Man müsse anfangen, nachzudenken, denn die Folgekosten unserer Lebenshaltung seien höher als ein sofortiger Ausstieg. „Alles läuft auf einen unguten Punkt hinaus“, sagt Gause, die jetzt gerade nicht lächelt. Und da hat sie ihre anderen politischen Forderungen wie den Ruf nach mehr Volksentscheiden, Tempo 130 auf allen Autobahnen, die Abschaffung der Kirchensteuer, einen höheren Spitzensteuersatz, die Legalisierung von Cannabis und den Subventionsstopp für Kohleförderung noch gar nicht angerissen. Ein paar Tage sind ja aber noch, sich mit grünen Themen Gehör zu verschaffen.

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