Katerstimmung nach erneutem „Nein“ zur IGS-Oberstufe

Die Unvollendete

Mattina Berg (SPD) und Gunter Schwedesky (FDP) zählen im Stadtrat die Stimmzettel aus. Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker Und Farina Witte. Bernadette Nadermann wird Anfang kommenden Jahres aller Voraussicht nach mehr als bisher in den Fokus rücken. Als Erste Stadträtin ist sie die Stellvertreterin von Bürgermeister Andreas Weber (SPD) im Amt. Und der will im Januar seinen Posten zur Verfügung stellen und sich vorzeitig in den Ruhestand verabschieden. Nadermann wird übergangsweise übernehmen müssen – bis es einen neuen Bürgermeister gibt.

Die Erste Stadträtin selbst hegt aber keine Ambitionen und wird ihren Hut daher auch nicht in den Ring werfen. „Das schließe ich aus“, sagt sie auf Anfrage der Kreiszeitung. Viel mehr will sie am Morgen nach einer der denkwürdigsten Ratssitzungen der vergangenen Jahre auch noch nicht sagen. „Die Zukunft hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt“, gibt sie zu. Doch jetzt müsse sie das, was da in den vergangenen Tagen passiert ist, erst einmal sacken lassen. Schließlich sei es zu Entscheidungen von großer Tragweite für die IGS, die Stadt und für das Rathaus gekommen.

Der Stadtrat hatte am Donnerstagabend dem Antrag der Integrierten Gesamtschule (IGS) auf Einrichtung einer eigenen Oberstufe nach monatelangen Diskussionen zum zweiten Mal eine Absage erteilt. Andreas Weber hatte für diesen Fall angekündigt, im Januar einen Antrag auf vorzeitigen Ruhestand zu stellen. Nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses bestätigte er diese Entscheidung. Am Morgen danach glühen daher im Rathaus die Drähte, jeder telefoniert mit Kollegen. „Es entsteht ein Vakuum“, sagt einer der Verwaltungsmitarbeiter, „ähnlich wie damals, als Detlef Eichinger die Wahl gegen Andreas Weber verloren hatte.“ Wer wird neuer Chef im Rathaus? Diese Frage macht zurzeit die Runde am Pferdemarkt. Es ist eine Frage, die noch keiner beantworten kann.

„Die letzten Tage nagen an einem“, schildert Weber am Freitagmorgen seine Gefühlslage. Er sei „auch persönlich tief enttäuscht“ und bezeichnet es als „traurig“, dass Eike Holsten (CDU) in Sachen IGS-Oberstufe eine geheime Abstimmung beantragt hatte. „Ja, es tut richtig weh – auch, die Konsequenz meiner Entscheidung aufrecht zu erhalten bei den vielen positiven Rückmeldungen“, die ihn erreichten. Es sei eine tolle Aufgabe, als Bürgermeister in Rotenburg tätig zu sein, aber dennoch sei es richtig, zu gehen.

„Bürgermeister Weber hat eine Entscheidung getroffen, die ich sehr bedauere“, sagt Sven Thiemer am Morgen nach dem Nein des Stadtrates zu einer Obersufe in der IGS, deren Leiter er ist. Bedauerlich finde er auch, dass es der allgemeine Umgang mit politischen Amtsträgern und auch der raue Ton im Rat und den Ausschüssen sind, die Weber zum Rückzug bewogen hätten. Thiemer: „Es ist schwer, Schüler für Lokalpolitik zu begeistern, wenn ein solches Verhalten gezeigt wird. Viele unsere Schüler sind enttäuscht von der Politik.“ Er selbst und sein Team seien überzeugt vom Prinzip Gesamtschule und würden nun nicht leichtfertig die Schulformfrage stellen. Thiemer: „Es wird schwerer für uns ohne eine eigene Oberstufe, aber eine gute Schule zeichnet auch aus, dass sie auf solche Herausforderungen reagiert und Lösungen findet.“

Im IGS-Schulvorstand, der in der kommenden Woche tagt, werde man ausloten, in welche Richtung die Schule nun weiter arbeitet. „Unsere Schüler des aktuellen zehnten Jahrgangs haben nun leider nicht die Option, an der IGS ihr Abitur zu machen. Eltern und Schüler werden genau prüfen, welche Oberstufe sie anwählen, einige Eltern haben bereits angekündigt, sich in Richtung Oyten und Scheeßel zu orientieren“, berichtet der Schulleiter. Ob die IGS im kommenden Jahr wieder einen Antrag an den Stadtrat stellt, werde dann auch im Schulvorstand in der kommenden Woche entschieden.

Die IGS Rotenburg – die Unvollendete. „Schüler, Eltern und Lehrkräfte müssen den tragischen Entschluss nun aushalten“, erklärt Thiemer. Beim Treffen mit den Schülern des zehnten Jahrgangs am Vormittag habe er in traurige Gesichter geblickt, die Unverständnis widerspiegelten. Die Kollegen seien niedergeschlagen, „aber dennoch nicht mutlos“. Aus Sicht von Thiemer habe sich wieder einmal gezeigt, dass das Nein der Oberstufengegner aus einer diffusen Angst motiviert gewesen sei. „Klar benannt wurde diesmal aber auch, dass die CDU bei einer Oberstufe fürchtet, dass die IGS schon in Klasse fünf so attraktiv sein könnte, dass Schüler die IGS und nicht das Gymnasium anwählen. Das zeigt, dass durch das Nein die IGS gezielt geschwächt werden soll.“

Unabhängig von der Frage, wie die Zukunft der IGS aussehen wird, sind jetzt die Parteien gefordert, möglichst bald Kandidaten zu finden, die Interesse daran haben, auf dem Chefsessel im Rathaus Platz zu nehmen. Auch die Grünen. „Genau darüber musste ich vergangene Nacht nachdenken“, erklärt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat, Elisabeth Demowski. „Ja, auch wir sollten nach einem Kandidaten suchen und den Wählern ein Angebot machen“, fügt sie hinzu. Wer das sein könnte, lässt sie offen. Dass Weber gehen will „bedauere ich sehr“, so Dembowski. Der Stadt werde sein Abschied nicht gut tun. Sie unterstreicht ihren Wunsch nach einem anderen, einem besseren Umgang miteinander in den politischen Gremien. Genau darum soll es schon bald auch bei einem Treffen des CDU-Gemeindeverbandsvorstandes gehen, sagt dessen Vorsitzender Eike Holsten. Er spricht von einer Lagebewertung und der allgemeinen Sehnsucht nach einem besseren Gesprächsklima im Rat. Außerdem gebe es noch Fragezeichen, hinsichtlich der Abwicklung des geplanten Bürgermeister-Abschieds.

Das Gesprächsklima hatte zuletzt auch durch den Fraktionswechsel von Michael Niestädt (parteilos) gelitten. Nachdem dieser zunächst über die SPD-Liste in den Rat nachgerückt und dann zur CDU gewechselt war, veränderten sich die Merhheitsverhältnisse. Während der Ratssitzung erklärte Niestädt, nach seinem Wechsel seien eine Reihe von Drohungen per Postkarte bei ihm eingetrudelt. „Ich habe Strafanzeige erstattet“, sagte er. Dass sein Wechsel mit der IGS-Entscheidung zu tun haben könnte, dementierte er. „Ich unterliege dabei keinem Fraktionszwang“, so Niestädt. Aber er stimmte gegen die IGS-Oberstufe.

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