Ratsgymnasium schließt Elian Kemnade aus / Mutter schaltet die Schulbehörde ein

Unterricht statt Klassenfahrt

Songül und Elian Kemnade verstehen das Vorgehen des Ratsgymnasium nicht und fühlen sich unfair behandelt. - Foto: Filipiak

Rotenburg - Von Sophie Filipiak. Der 16-jährige Elian ist am Boden zerstört. Seit Monaten hat sich der Schüler am Ratsgymnasium auf seine erste Klassenfahrt gefreut, die am Montag gestartet ist. Aber in der vergangenen Woche erhielt er die niederschmetternde Nachricht: Er darf nicht mit.

Er und seine Mutter Songül Kemnade wissen aber nicht, warum. Die Argumente der Schule sind für sie nicht nachvollziehbar. Denn obwohl ihr Sohn unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet, sei er im Unterricht immer gut zurechtgekommen und nicht auffällig gewesen.

Das Ratsgymnasium aber argumentiert mit zwei Vorfällen aus dem vergangenen Monat. Elian und seine Clique sollen in der schulleigenen Bibliothek einen dortigen Mitarbeiter beleidigt haben. Einer der Jugendlichen soll sogar mit Schlägen gedroht haben. Das bestreiten die Schüler auch nicht. Elian bekam als einziger Bibliotheksverbot, da er den Mitarbeiter mit Prügel gedroht haben soll. „Das stimmt aber nicht“, versichert der 16-Jährige. Das sei einer seiner Freunde gewesen, der die Tat auch zugegeben hatte. Davon wolle aber die Schulleitung nichts wissen.

Vor Pfingsten erhielt die Familie Kemnade dann einen Brief vom Ratsgymnasium: Sollte sich Elian noch einmal auffällig verhalten, werde er von der bevorstehenden Klassenfahrt ausgeschlossen. Der Schüler hatte so viel Angst, dass er nach den Pfingstferien nicht wieder zur Schule ging. „Er fuhr morgens mit dem Rad los und ich dachte, er wäre im Gymnasium“, erinnert sich seine Mutter. Dann erhielt sie eine Nachricht von einem Klassenkameraden von Elian, wo dieser denn stecke. Die Sache klärte sich schnell auf, nach einigen Stunden tauchte der Schüler „völlig niedergeschlagen“, so Songül Kemnade, wieder zu Hause auf. „Er verhält sich eigentlich nie so“, erklärt seine Schwester Acelya. „Das passt gar nicht zu ihm.“

Seine Mutter kontaktierte sofort die Klassenlehrerin und entschuldigte sich für das Verhalten. „Sie hat mir dann versichert, dass Elian noch an der Klassenfahrt teilnehmen könne“, so Songül Kemnade. Auch ein anderer Pädagoge, der die Klassenfahrt begleiten sollte, hätte im Gespräch kein Problem gehabt.

Dann kam die für die Familie Kemnade knapp eine Woche vor der Klassenfahrt die überraschende Nachricht: Elian darf doch nicht mit. In der Begründung heißt es, dass die Lehrer „ihm aufgrund des bislang gezeigten Verhaltens kein uneingeschränktes Vertrauen entgegenbringen können“. Seine Klassenlehrerin habe Angst, dass der Jugendliche während der Klassenfahrt einfach verschwindet, hatte sie zudem im Gespräch erklärt. Elians Eltern vermuten nun, dass nicht nur ADHS ausschlaggebend für die Entscheidung sein könnte, sondern es auch einen rassistischen Hintergrund geben könnte.

Die Schulleitung des Ratsgymnasiums wollte sich nicht direkt zu der Angelegenheit und den Vorwürfen äußern, sondern verwies an die niedersächsische Landesschulbehörde. „Ein Ausschluss von einer Klassenfahrt kann im Rahmen der Ergreifung von Erziehungsmitteln erfolgen“, erklärt Pressesprecher Christopher Winkler. Diese Maßnahmen sind laut Paragraph 61 des Niedersächsischen Schulgesetzes zulässig, wenn ein Schüler beispielsweise den Unterricht beeinträchtigt oder aber der Schule fernbleibt. Sollte der Ausschluss von einer Klassenfahrt geplant sein, seien die Erziehungsberechtigten so früh wie möglich zu informieren.

Davor muss aber die Schule den Sachverhalt ermitteln und Verhältnismäßigkeitserwägungen anstellen, erläutert Winkler. Zu dem Fall von Elian könne aber die Behörde keine genauen Angaben machen, „da hier schutzwürdige persönliche Belange des Betroffenen tangiert sind“.

Ein rassistischer Hintergrund werde aber von der Schule entschieden verneint, so der Pressesprecher. „Sofern dies Gegenstand der Beschwerde der Eltern an die Niedersächsische Landesschulbehörde ist, wird den Vorwürfen im Rahmen der Prüfung des Sachverhalts nachgegangen.“

Beschwerden von Erziehungsberechtigten werden in der Behörde sehr ernst genommen, versichert Winkler. „Sollte sich der Ausschluss als rechtswidrig erweisen, werden die Beteiligten für zukünftige Fälle beraten, um einem Wiederholungsfall vorzubeugen“, fügt er hinzu. Falls Verstöße gegen dienstrechtliche Vorschriften oder beamtenrechtliche Pflichten vorlägen, wären entsprechende dienstrechtliche Aktionen zu prüfen. Dazu gebe es einen Maßnahmenkatalog, der vom konkreten Fall abhänge.

Elian wird für die Dauer der Klassenfahrt in der Parallelklasse unterrichtet. „Meine Freunde verstehen den Ausschluss nicht“, sagt der 16-Jährige. „Viele haben sich darüber sehr aufgeregt.“ Für den Vorfall in der Bibliothek habe er sich sofort entschuldigt und das Verbot ohne Murren akzeptiert. „Ich gebe meinen Lehrern keine Widerworte“, erklärt er. Seine Mutter hingegen denkt bereits darüber nach, ihn von der Schule zu nehmen. Auch der geplante Wechsel eines der jüngeren Geschwister an das Ratsgymnasium überlegt sie sich noch einmal.

Elian nimmt im Übrigen schon länger keine Medikamente mehr. Sein Arzt hat ihm attestiert, dass er die Symptome im Griff habe.

Mehr zum Thema:

Als wäre sie noch da: Zu Besuch bei Astrid Lindgren

Als wäre sie noch da: Zu Besuch bei Astrid Lindgren

Trumps Mauer wird auch Tiere voneinander trennen

Trumps Mauer wird auch Tiere voneinander trennen

Lautstarker Protest gegen Trump am "Not My President's Day"

Lautstarker Protest gegen Trump am "Not My President's Day"

Flugzeug stürzt auf Einkaufszentrum: Fünf Menschen sterben

Flugzeug stürzt auf Einkaufszentrum: Fünf Menschen sterben

Meistgelesene Artikel

Zwei Sanitäter vom Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung freigesprochen

Zwei Sanitäter vom Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung freigesprochen

CDU schickt Eike Holsten ins Rennen

CDU schickt Eike Holsten ins Rennen

Laster mit 23.000 Liter Milch kippt auf der A1 bei Reeßum um

Laster mit 23.000 Liter Milch kippt auf der A1 bei Reeßum um

Nach Unfall: Einjähriges Mädchen erliegt Verletzungen

Nach Unfall: Einjähriges Mädchen erliegt Verletzungen

Kommentare