Rotenburger Schulleiter sind skeptisch

Unterricht unter freiem Himmel: An der Praxis vorbei

Schulleiter Marc Puschmann beobachtet seine Schüler auf dem Pausenhof.
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In den Pausen spielen die Schüler auf dem Schulhof der Grafelschule. Dass dieser über längere Dauer auch für Unterricht genutzt werden könnte, sieht Schulleiter Marc Puschmann nicht.

Wenn die Inzidenzen steigen, wäre dann ein Unterricht unter freiem Himmel die Option, eine Schulschließung zu verhindern? Die Rotenburger Schulleiter sind da skeptisch.

Rotenburg – Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz drohen ab einer Inzidenz von 165 Schulschließungen. Um das zu verhindern, gibt es nun von einigen Politikern den Vorschlag von Unterricht unter freiem Himmel. So könnten die Schulhöfe, aber auch Wälder, Parks oder Sportplätze genutzt werden. Das ist aber an der Praxis vorbeigedacht, meint zum Beispiel IGS-Schulleiter Sven Thiemer. Und auch andere Schulleiter aus der Wümmestadt stehen der Idee skeptisch gegenüber.

Die Schüler sind erschöpft nach über einem Jahr Pandemie mit wechselndem Unterricht Zuhause und in der Schule. Trotz aller Herausforderungen klappt der Unterricht mittlerweile aber gut, und die Lehrer und vor allem Schüler sind froh, dass sie in die Schulen gehen können. Auch mit den Testungen läuft es bislang größtenteils reibungslos. Die Schüler machen mit, es gebe nur ganz wenige Ausnahmen, wo sich die Kinder weigern würden, erklärt Marc Puschmann, Schulleiter der Schule am Grafel. „Ein paar Kinder konnten in der Schule auch nachgetestet werden.“

Schnelltests: Umständliches Umverpacken

An der IGS und dem Ratsgymnasium ist die Verteilung der Tests ein großer Aufwand. Die Kits sind in Großverpackungen, die umverpackt werden müssen. Bei gut 2 000 Tests die Woche sehr zeitaufwendig; gut 80 Stunden brauchen sie, rechnet IGS-Chef Sven Thiemer vor. Die Anleitung müsse vervielfältigt werden, und da die Sets für medizinisches Personal gedacht waren, sind die Nasenabstrich-Tupfer auszutauschen. Die Komponenten gibt es zusammengepackt in einem Briefumschlag: „Wahnsinnig professionell“, merkt Thiemer an – das Mensa-Personal und die Bufdis helfen dabei. Ratsgymnasium-Leiterin Iris Rehder sagt, der Bausatz stärke nicht das Vertrauen der Schüler, und sie würden die Arbeit lieber in den Unterricht stecken. „Das ist anders als abgesprochen.“ Auch an den BBS müssen die Tests mitunter umverpackt werden, das Land hat bei vielen Anbietern bestellt. Dort übernehmen das die Schüler. „Das ist machbar, wenn auch nicht ideal“, so Lars Meier, der stellvertretende Schulleiter.

Der Idee, Unterricht im Freien abzuhalten, stehen die Schulleiter jedoch skeptisch gegenüber. Das sei für einzelne Stunden oder Exkursionen sicherlich machbar und werde vor allem im Sommer bei großer Hitze auch gerne mal wahrgenommen, dauerhaft biete sich das nicht an. Dafür reicht bei den meisten Schulen allein der Platz gar nicht aus, und es sei keine Option, Lehrer und Schüler durch die halbe Stadt zum nächsten Park zu schicken. „Wir belegen im Schnitt 40 bis 50 Räume“, sagt Iris Rehder, die das Ratsgymnasium leitet. „Hin und wieder ist das sicher spontan machbar, aber das ist kein tragfähiges Konzept. Wie man verlässlich modernen Unterricht draußen machen soll, erschließt sich mir nicht.“

Ohnehin ist beispielsweise der Schulhof an der Grafelschule seit Beginn der Bauarbeiten für den Anbau kleiner – für zwölf halbe Klassen ist das entsprechend keine Möglichkeit. Auch könnte die Ablenkung für die Schüler je nach Ort zu groß sein, befürchtet Puschmann.

Von Ministeriumsseite gab es dazu bislang noch keinen Vorstoß. Auch würde es sicherlich von manch anderer Seite Gegenwind geben, beispielsweise von den Eltern, so Puschmann. „Kein W-Lan, kein Board“, da sind die Unterrichtsmöglichkeiten eingeschränkt. „Partiell können wir Dinge draußen machen, aber nicht drei Stunden am Stück.“ Denn Platz ist die eine Geschichte, aber auch im Freien müsste es gewisse Grundvoraussetzungen für Unterricht geben. „Wir können die Schüler nicht einfach auf den Asphalt setzen“, sagt Thiemer.

Man bräuchte Sitzgelegenheiten, auch falle die Mediennutzung in dieser Zeit aus. In Zeiten, in denen mit interaktiven Tafeln, Hörbeispielen und Videos gearbeitet wird, sei das schwierig. „Manchmal passt es, manchmal nicht“, bringt Thiemer die Sicht vieler Schulleiter auf den Punkt. Auch die Akustik sei draußen eine völlig andere. „Dann muss der Unterricht anders geplant werden.“

Gruppenweise den Unterricht nach draußen zu verlegen, zum Beispiel für Mathespiele in der Grundschule, sei eine Option. Generell setzt das aber natürlich gutes Wetter voraus – und bei diesem reißen die Lehrer ohnehin die Fenster in ihren Klassenzimmern weit auf. „Das ist dann quasi wie draußen“, kommentiert Thiemer. Für Rehder ist die norddeutsche Witterung dazu ebenfalls viel zu unbeständig.

Auch an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg, mit der Vielzahl an Schülern, ist ein Freiluftunterricht in Ausnahmefällen möglich, aber keine Dauerlösung. „Dann ist es Zuhause sicher einfacher“, meint der stellvertretende Schulleiter Lars Meier. Er sieht es ebenfalls als gute Option für einzelne Gruppen, stundenweise, gerade an heißen Sommertagen, aber „realistisch gesehen kann ich mir das nicht vorstellen“.

Die Hoffnung, dass die Zahlen im Landkreis Rotenburg nicht extrem ansteigen und die Schulen wie derzeit geöffnet bleiben können, ist bei allen hoch. „Der Unterricht läuft, da haben wir hier noch Glück“, sagt Meier. „Noch ist alles machbar.“

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