Unsere Mitarbeiterin schwimmt mit einem Flussschwimmer sechs Kilometer in der fast noch winterlichen Wümme

Ein Selbstversuch: Flusspartie bei sechs Grad

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Im Selbstversuch boten die geschwommenen sechs Flusskilometer ein völlig neues Naturerlebnis.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Worauf hab ich mich da bloß eingelassen? Vor mir liegen sechs Kilometer Wümme. Kälte kriecht mir in den Neoprenanzug. In der sieben Millimeter dicken Wurstpelle, die mir die Scheeßeler DLRG geliehen hat, bin ich wendig wie in einer Ritterrüstung. Ich schnalle die Flossen an – Ronolulu sei dank – und lasse mich ins Wasser sinken. Sechs Grad Wümme dringen mir durch den Kragen ins Mark. Vorher hat „der Froschmann“ mir geholfen, die Dreifingerhandschuhe anzuziehen.

Die Ausrüstung – neben einer Neoprenmontur ein umgerüstetes Board.

Eigentlich heißt er Thomas Benjes und ist an all dem hier Schuld. Irgendwie. Als ich Mitte Januar beim Fotografieren in den überfluteten Wümmewiesen kurz vor Rotenburg zum ersten Mal auf ihn traf, hatte ich ihn zunächst für ein großes Tier gehalten, mit Flossen im XL-Format. Als er sich aufrichtete, seine Flossen abstreifte und auf mich zuwatete, traute ich meinen Augen kaum. „Flussschwimmen als Hobby?“ – darüber wollte ich berichten. Zunächst hatte der Naturliebhaber gezögert – er befürchtete Nachahmer, die die Umwelt zerstören könnten -, hat schließlich aber doch eingewilligt. Unter einer Bedingung: Mitschwimmen!

Nach der nächsten Schlechtwetterperiode stechen wir in See, kurz vor Lauenbrück. Die Strömung erfasst uns, es geht los in Richtung Helvesieker Brücke; ein Teilstück der Wümme, das auch meinem Begleiter neu ist. Ich selbst kenne es nur vom Paddeln – und wundere mit über den Perspektivwechsel, die es mit sich bringt, „tiefergelegt“, also fast auf Augenhöhe mit der Wasseroberfläche zu sein. „Die Wasserläufer sind ja schon draußen“, ruft Benjes verzückt. Er wird mich im Laufe der 2,5 Stunden auf vieles aufmerksam machen, was meinen ungeschulten Augen entgehen würde: Den Zaunkönig oder den „Tschilp“-Rufen des Zilpzalps.

Es sind die kleinen Entdeckungen, die Benjes begeistern: Der Wechsel zwischen Reet, Steilufern, überhängenden Ästen, die Weißwangengänse am Rand der überfluteten Wiese. Entspannung statt Adrenalin: Einen Kick sucht der Sportler schon lange nicht mehr, selbst bei anderen Sportarten wie Segeln, Canjoning, Paragliden steht das Naturerlebnis im Vordergrund: Deshalb hat er Griffe und Kinnmulde am handelsüblichen Bodyboard befestigt. „Wenn das ginge, würde ich mir auch eine Halterung für eine Kaffeetasse draufschrauben“, schmunzelt der 59-Jährige.

Anfänglich planschen meine Flossen, als hätte ein Nilpferd Großwaschtag. Doch es wird besser. Irgendwann lerne ich, in der Strömung zu bleiben. Gerät man ins Kehrwasser, wirkt das wie die Standspur. Bereits nach einigen Kehren: Eine Gebirgsstelze, mit neongelbem Brustkleid. Wir setzen mit dem Beinschlag auf und treiben ganz still, vorbei an den letzten winterlichen Überresten und den ersten Anzeichen des Frühlings, wie erste Weidenkätzchen. Bald gleiten wir an Kranichen, Nil- und Kanadagänsen und ein paar Rehen vorbei.

Seit etwa vier Jahren hilft Thomas Benjes’ ungewöhnliches Hobby dem Rotenburger gegen Winterfrust.

Sich über die nach dem letzten Orkan querliegenden Baumstämme zu hieven, die den Flusslauf blockieren, während die Strömung uns in Richtung drückt, erfordert etwas Körpereinsatz. Dumm, dass ich meine Füße kaum noch spüre – der Rest ist warm. Ich drehe mich um: Auf dem Rücken, wo weder Neoprenkapuze noch der mittlerweile etwas starre Nacken die Sicht einschränken, ist der Blick auf die Wümmelandschaft mit Reet-Ufern, abgestorbenen Bäumen, die mit ihrer Moos-Patina an verwunschene Schlösser erinnern, und darüber dem mittlerweile blauen Himmel mit weißen Schäfchenwolken fast majestätisch. Meine Arme fangen an, vom Klammern an das Bodyboard zu reißen, die Füße werden kalt und der Nacken allmählich starr. Sich im Wasser zu drehen, verschafft Erleichterung – und fühlt sich an wie Schweben.

Vor uns taucht ein Steg auf. Den kenne ich! Er verbindet den Nordpfad zwischen Griemshop und der Vareler Heide. Nur rund 20 Zentimeter trennen die Steg-Unterkante von der Wasseroberfläche. Sollen wir tauchen? Wir entscheiden uns für die sichere Variante und schwimmen zum Ufer. Das nächste Problem: Meine Füße sind so verfroren, dass es nicht leicht fällt zu stehen, geschweige denn nach Taucherart rückwärts an Land zu staksen.

Nach einigen Minuten kehrt das Leben in meine Zehen zurück. Weiter geht’s. Links huscht ein kleines Pelztier über einen sonnenbeschienenen Baumstamm – ein Hermelin? Oder doch nur das ein Mauswiesel, quasi der „kleine Bruder“? Wir grübeln darüber nach, jeder für sich – gesprochen wird wenig, das würde die Tiere vertreiben. „Die Natur ist ein guter Pädagoge: Sie lehrt die Menschen sanft“, wird Benjes später beim dampfenden Kaffee erklären. Auch bei seiner Arbeit, dem Planen von naturnaher Außenanlagen für Kindergärten und Schulen, geht es dem Mitbegründer der „Holunderschule“ um das Erleben von Natur. Hier sind wir „näher drin“, wie Benjes es formuliert.

Zwei Rehe, die am Ufer äsen, bemerken uns erst, als wir in zirka zwei Metern Entfernung unter einigen Ästen hindurchgleiten. Wir grinsen uns an wie zwei Paparazzi, denen das Einschleichen in eine verborgene Welt gelungen ist. Das ist ihm schon öfter so gegangen: „Die Tiere erwarten wohl nicht, dass jemand auf dem Wasserweg unterwegs ist und gucken manchmal zunächst in die falsche Richtung.“ Und nicht nur Tiere: Einmal habe er ein streitendes Ehepaar am Ufer der Seeve überrascht – „man rechnet ja nicht unbedingt damit, dass ich um die Ecke komme.“ Seeve, Oste, Veerse, Rodau oder Wiedau: In den vier Jahren, die Benjes sein Hobby betreibt, hat er fast alle lokalen Flüsse durchschwommen. Sein Herz schlägt jedoch nach wie vor für die Wümme: „Hier habe ich meine Kindheit verbracht; das ist wie nach Hause kommen.“

Der einsetzende Regen kann uns in unseren Neoprenanzügen nichts anhaben. Auch er hat seinen Reiz: Erst mit den Augen dicht über der Wasseroberfläche sieht man, dass die kleinen Tropfen noch einige Zehntelsekunden auf dem Wasser tanzen, bevor sie untergehen. Nach rund zwei Stunden hören wir die Straße: „Wir sind wohl gleich da“, spricht Benjes meine Gedanken aus, fast klingt es etwas enttäuscht. Ja, schade. Andererseits: Mir ist die Kälte in die Gliedmaßen gekrochen – mein Begleiter ist mit einigen Neoprenschichten mehr gut gerüstet. 200 Euro im Internet, mehr müsse man nicht ausgeben, meint er.

Am Endpunkt hat sich neben unserem Fahrzeug ein Angler niedergelassen. Er starrt uns ungläubig an. Benjes kennt das schon: „Nach der ersten Irritation kommt meist die Frage: ‚Warum macht man das?‘“ Wenn Benjes den Leuten erklärt, wie er auf die Idee kam, die winterliche Untätigkeit und den damit verbundenen Frust zu überbrücken, erntet er oft Interesse, „einige wollen sogar mitschwimmen.“ Gemacht hat es aber noch keiner, bis heute. Für mich steht fest: Ich will wieder los, irgendwann. Vielleicht sollte ich warten, bis ich meine Zehen wieder spüren kann.

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