Wirtschaftsförderin über den demografischen Wandel

„Uns fehlen die Kinder!“

Was und wie viel davon kann sich der Landkreis noch leisten, wenn die Bevölkerung deutlich altert? Foto: Michael Weber / imago images

Rotenburg – Die Diskussionen darüber, was wir uns noch leisten können, werden zunehmen. Davon ist Gesa Weiss überzeugt. Seit über 20 Jahren arbeitet die Wirtschaftsförderin beim Landkreis. Die Bevölkerungsentwicklung, die hier nicht anders verläuft wie überall sonst in ländlichen Gebieten Deutschlands, bereitet ihr schon lange Sorgen – und viel Arbeit: „Es ist aus demografischer Sicht spannend, was auf uns zukommt – aber auch beängstigend“, sagt die 47-Jährige.

In der vergangenen Woche hatte Weiss im Kreistagsausschuss für Wirtschaft und Verkehr Zahlen zur demografischen Entwicklung der Region vorgestellt. Dort, wo über die Einrichtung neuer Buslinien zur Anbindung auch der hintersten Ecken des Landkreises, Förderprogramme zur wirtschaftlichen Entwicklung oder Perspektiven für digitale Lösungen diskutiert wird, rammte Weiss einen Pflock ein: „Uns fehlen die Kinder“, so das kurz umrissene Problem mit großen Auswirkungen. Seit nunmehr 50 Jahren gebe es in Deutschland ein Geburtendefizit, auch der Landkreis habe in den vergangenen Jahren rund ein Prozent seiner Bevölkerung verloren, lediglich abgebremst durch den Zuzug der vielen Flüchtlinge vor allem 2015. Und die Verluste seien im Landkreis noch stärker als im landes- oder bundesweiten Vergleich in der jüngeren Generation unter 25 Jahren zu finden. Die Zahl der Jungen falle, die der Alten steige. Das Berlin-Institut hat erst vor wenigen Tagen für den Landkreis einen Bevölkerungsverlust bis zum Jahr 2035 von bis zu zehn Prozent prognostiziert. Aktuell leben gut 163 000 Menschen hier.

Gesa Weiss ist für die Wirtschaftsförderung des Landkreises zuständig. Foto: Krüger

Auch als Privatperson spüre man längst die Auswirkungen dieser Entwicklung, sagt Weiss. Die Wartezeit auf einen Arzttermin wird länger, Handwerker sind schwierig zu bekommen, Restaurants schließen wegen fehlender Mitarbeiter früher. Und die Situation werde sich weiter verschärfen, denn jetzt gehe nach und nach die Generation der „Babyboomer“ in Rente. Weiss: „Auf zwei Personen, die den Arbeitsmarkt verlassen, kommt nur eine nach.“ Jeder fünfte Arbeitnehmer im Landkreis sei bereits älter als 55 Jahre. Firmen konkurrierten um Nachwuchs, den es nicht gibt. Im Landkreis mache sich das insbesondere im Bereich der Pflegekräfte bemerkbar, mit den großen Arbeitgebern Diakonieklinikum und Rotenburger Werke. Dort laufen zahlreiche Förderprogramme, doch das reiche nicht aus. Pflegeberufe müssten institutionell aufgewertet werden, was natürlich nicht allein vor Ort gelöst werden könne. „Das Thema ist seit Jahrzehnten bekannt“, bedauert Weiss, geschehen sei wenig. „Nachhaltigkeit haben wir als Generation nicht hinbekommen – weder klimatisch noch demografisch.“ Jahrgänge, die fehlen, könnten nur noch durch Zuwanderung aufgefüllt werden. Weiss: „Arbeitslosigkeit wird nicht das Thema der nächsten Generationen. Eher Arbeitsüberlastung.“

Und nun? Die Kreisverwaltung selbst hat sich der Wirtschaftsförderung nach einer entsprechenden politischen Entscheidung freiwillig angenommen. Unternehmen werden bei ihrem Weg, mit dem demografischen Wandel umzugehen, beratend unterstützt, dazu legt Weiss einen Schwerpunkt auf Informationen zur Existenzgründung. „Wir schließen eine Lücke sinnvoll, da wir für alle Branchen zuständig sind.“ Es seien „kleine Stellschrauben, an denen wir etwas tun müssen“, betont die Mutter zweier Kinder. Ihre Aufgabe sei es, Themen ins Bewusstsein zu rücken, zu sensibilisieren und statistisch aufzubereiten.

Blickt man auf die aktuellen Zahlen, ist ja eigentlich noch alles wunderbar. Mit zuletzt 3,6 Prozent ist die Arbeitslosenquote im Landkreis so niedrig wie nie zuvor, die Wirtschaft brummt. Darauf angesprochen, kommt von Weiss sofort ein „Ja, aber...“. Denn durch zunehmend fehlendes Personal kann die Nachfrage gar nicht mehr bedient werden, zudem gibt es eine daraus resultierende Scheu vor Investitionen. Auch im Landkreis müssten Lösungen gefunden und vor allem auch unangenehme Fragen zur Entwicklung des ländlichen Raums gestellt werden. Welche Schule ist noch notwendig? Die Tendenz, dass dabei die Gebiete an den Hauptverkehrsachsen und die Mittelzentren wachsen und Dörfer Probleme bekommen, werde schwerlich aufzuhalten sein. Dennoch gebe es auch Chancen – wenn alle Beteiligten entsprechend mutig agierten.

Die Programme des Landkreises

„Wir tun schon einiges“, sagt Wirtschaftsförderin Gesa Weiss, wohlwissend, dass die vom Landkreis angeschobenen Projekte und Initiativen nur „kleine Stellschrauben“ sind. Dem demografischen Wandel müssen sich alle Bereiche der Gesellschaft stellen, Weiss und ihre Kollegen aus der Stabstelle Kreisentwicklung sind nur einige Akteure von vielen. Angesprochen auf das, was aus der Verwaltung heraus selbst bewegt werden kann, nennt Weiss Maßnahmen zur Stärkung des Ehrenamts, Beratung beim „Age-Management“ in Firmen, um die Älteren über den Ruhestand hinaus in den Arbeitsmarkt einzubeziehen, Informationen zu individuell angepassten Arbeits(zeit)modellen, die Integration von Flüchtlingen, das Immobilien-Förderprogramm „Jung kauft alt“, Hilfe beim Kita-Ausbau und klassischerweise die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen durchs kreiseigene Jobcenter. Ein erfolgreiches Projekt sei „Passt!“, mit dem kleinere Unternehmen bei der Vermarktung ihrer Ausbildungsplätze unterstützt werden. Dafür sind in den vergangenen zwei Jahren bereits 100 Kunden akquiriert worden. Unter dem Motto „Ausbildung stärken, Fachkräfte sichern“ werden unter anderem individuelle Videos erstellt.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

EU-Parlament verschiebt von der Leyens Kommissions-Start

EU-Parlament verschiebt von der Leyens Kommissions-Start

Nienburg: Händler präsentieren sich bei Autoschau

Nienburg: Händler präsentieren sich bei Autoschau

Brexit-Unterhändler arbeiten an den letzten Hindernissen

Brexit-Unterhändler arbeiten an den letzten Hindernissen

Neue E-Book-Reader: Dem kleinen Tolino geht ein Licht auf

Neue E-Book-Reader: Dem kleinen Tolino geht ein Licht auf

Meistgelesene Artikel

Schweine-Lkw-Fahrer übersieht Stauende: A1 zwölf Stunden gesperrt

Schweine-Lkw-Fahrer übersieht Stauende: A1 zwölf Stunden gesperrt

Autofahrer gerät mit Joint in der Hand in Polizeikontrolle

Autofahrer gerät mit Joint in der Hand in Polizeikontrolle

Leichenfund in Zeven-Aspe: Supermarkt-Kunde entdeckt toten Mann

Leichenfund in Zeven-Aspe: Supermarkt-Kunde entdeckt toten Mann

Unfall an Einmündung bei Abbendorf: Drei Verletzte und hoher Schaden

Unfall an Einmündung bei Abbendorf: Drei Verletzte und hoher Schaden

Kommentare