Nabu Rotenburg lädt zur Pilzwanderung mit Experte Jörg Albers ein

„Und was ist das denn für einer?“

Wie im Märchenwald: Der Fliegenpilz ist und bleibt ein Hingucker.
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Wie im Märchenwald: Der Fliegenpilz ist und bleibt ein Hingucker.

Rotenburg / Brockel – Ilse Trecker ist mit ihrem Mann Frank schon am Tag zuvor angereist. Für die Teilnahme an der Pilzwanderung des Nabu Rotenburg hatten die beiden aus Ilsede einen Gutschein zu ihrer Silberhochzeit geschenkt bekommen. „Wir sind sowieso sehr viel in den Pilzen unterwegs“, verrät die Frau, die den langen Weg in den Landkreis Rotenburg auf sich genommen hat, weil es ein solches Angebot in der Region Wolfsburg/Braunschweig so nicht gebe.

Der Nabu liegt mit dieser Veranstaltung schon seit vielen Jahren also genau richtig. Nur wenige Tage nach der Terminbekanntgabe ist sie in der Regel auch schon ausgebucht. Zum dritten Mal hat der Nabu-Kreisvorsitzende Roland Meyer den Pilzsachverständigen Jörg Albers aus Tostedt als Experten dazu gebeten, der sich vor allem einer Frage in den dreieinhalb Stunden immer wieder konfrontiert sieht: „Und was ist das denn für einer?“

Mario Schulz ist an diesem Morgen zusammen mit seiner Mutter aus Bremerhaven angereist. Auch dort gebe es derartige Veranstaltungen nicht. „Es war super“, sagt er nach dem Abschlusstreffen. „Ich bin im nächsten Jahr ganz bestimmt wieder dabei.“ Kein Wunder: Albers kennt aus dem Stegreif unglaublich viele Pilze und kann den Teilnehmern dieser Wanderung im Trochel einiges Wissenswerte mit auf den Heimweg geben. „Wir haben heute um die 50 verschiedene Pilze gefunden“, sagt er am Ende. Das Potenzial im Trochel sei „bestimmt mehr das Zehnfache“.

Rund 10 000 verschiedene Großpilzarten seien in Deutschland zu finden, knapp die Hälfte davon auch in Niedersachsen. „Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für die Pilze“, sagt der Mykologe. Er gehört dem Naturwissenschaftlichen Verein in Bremen an, ist in der Notfalldiagnostik unterwegs, hält Vorträge, bietet Exkursionen an und veröffentlicht zum Thema Pilze. „Pilze“, sagt er, „sind extrem vielfältige und in allen Lebensräumen unserer Erde gegenwärtige Organismen.“ Pilze stellen – neben den Pflanzen und Tieren – ein eigenes Reich der Lebewesen dar, mit einem enormen Formenspektrum und weltweit vielen Millionen verschiedenen Arten.

Dass die Pilze nach wie vor bei vielen Menschen angesagt sind, findet Albers nicht ungewöhnlich: „Das war eigentlich schon immer so.“ Einerseits geht es um Nahrungsbeschaffung, andererseits um eine Rückbesinnung zur Natur. Ihm gehe es in erster Linie um ihre Bedeutung als Organismen-Gruppe in der Natur. „Ohne Pilze würde es die Natur so, wie wir sie kennen, nicht geben.“ Daher sei es sein Anliegen, ein Bewusstsein für die Natur nicht nur zu wecken, sondern zu erhalten und zu schärfen.

Ein Blick in die Körbe der Teilnehmer lässt erahnen, dass sie sich um zusätzliches Wissen über die Pilze bemühen, um die Vielfalt auch in der Bratpfanne zu erweitern. Die Ausbeute von August Lindemann (85) und seinem Kumpel Heinrich Haase-Böschen (83) ist allerdings mager: „Ich habe lieber zugehört, was Herr Albers so zu berichten hatte. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht“, sagt Haase-Böschen. Sein Begleiter ist sich sicher: „Künftig werde ich nicht mehr nur nach den drei Pilzarten Ausschau halten, die ich bislang gesammelt habe.“

Roland Meyer macht deutlich, welches Ziel er mit solchen Veranstaltungen im Auge hat: „Wir sind kein Koch-Club.“ Erst, wenn man genau hinschaue, lasse sich die Artenvielfalt in der Natur erahnen. Mit einer solchen Wanderung würden die Teilnehmer animiert genau hinzuschauen – und wenn dann als „Lohn“ essbare Pilze in den Körben landen, mache das Ganze noch mehr Spaß. Von Nutzen sind die Pilze auch für die Umwelt. Sie haben verschiedene Lebensstrategien. Die Folgefortsetzer leben von abgestorbener, organischer Substanz („Abfallbeseitiger“), die anderen gehen eine Lebensgemeinschaft mit Pflanzen, häufig Gehölzen ein, sagt Albers. Sie versorgen diese mit Wasser und Nährsalzen, und erhalten im Gegenzug Photosyntheseprodukte wie Zucker. Kuhmaul, Ziegenlippe, Flaschenbovist oder Fliegenpilz: Die Bandbreite der Funde im Trochel ist groß, sorgt für Erstaunen und löst Respekt vor der Artenvielfalt aus. Stellt sich nur noch eine Frage: Was ist essbar, was nicht? Albers hat die Antworten parat.

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