20 Jahre nach Terrorangriff

„Ich war mittendrin“: SPD-Generalsekretär erinnert sich an „9/11“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sitzt auf den Stufen einer Treppe im Deutschen Bundestag.
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SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil erlebte 2001 die Anschläge in New York.

Rotenburg – Die Anschläge vom 11. September („9/11“) jähren sich an diesem Samstag zum 20. Mal. Einer, der damals in New York war und diese Anschläge hautnah miterlebt hat, ist heute Generalsekretär der SPD: Lars Klingbeil aus Munster. In zwei Wochen kandidiert er erneut im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ für den Bundestag. Im Interview spricht er über 9/11 und das, was es mit ihm gemacht hat.

  • Klingbeil: „Ich war nicht weit vom World Trade Center entfernt.“
  • Noch am Vorabend war er mit Freunden an den Zwillingstürmen.
  • Am 26. September will er sein Bundestags-Direktmandat verteidigen.

Herr Klingbeil, wo waren Sie an diesem Morgen, und wie haben Sie es erlebt, als am 11. September 2001 Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers gesteuert haben und fast 3 000 Menschen ums Leben gekommen sind?

Ich war nicht weit vom World Trade Center entfernt. Ich habe zu dem Zeitpunkt in Manhattan gelebt und gearbeitet. Mein damaliges Büro war vielleicht zwei Kilometer vom Anschlagsort entfernt. Noch am Vorabend stand ich mit Freunden kurz vor Mitternacht vor dem World Trade Center, wir waren um die Ecke was trinken und kamen an den Gebäuden vorbei.

Wie genau haben Sie von den Anschlägen erfahren – oder haben Sie zufällig sogar gesehen, wie es passierte?

Ich kam kurz vor 9 Uhr morgens ins Büro. Ich war gerade ein bis zwei Minuten dort, als ich hörte, wie die Sekretärin ans Telefon ging und auf einmal laut schrie. Sie kam dann zu mir und sagte, da sei gerade ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Ich habe instinktiv meine Eltern in Munster angerufen, um zu sagen: Alles ist ok. Damals dachten wir im ersten Moment alle an einen Unfall mit einem kleinen Sportflugzeug. Als das zweite Flugzeug einschlug, war dann allerdings klar, dass es sich um einen Anschlag handelt.

War Ihnen an diesem Tag schon klar, dass dieser fürchterliche Anschlag die Welt nachhaltig verändern würde?

Wir mussten nach dem zweiten Flieger aus Sicherheitsgründen unser Bürogebäude verlassen. Es gab das Gerücht, es wären noch mehr Flieger in der Luft. Mein damaliger Chef sagte beim Rausgehen: Dieser Tag wird die Welt verändern. Er sollte recht behalten. Mich hat die Situation damals eher überfordert. Unser Büro war dann einige Tage dicht, da ja auch die ganze Infrastruktur zusammengebrochen war und Telefon und Internet nicht gingen. Über einen Mitbewohner im Wohnheim bin ich dann als helfende Hand bei der ARD gelandet und habe dort geholfen, Nachrichtensendungen zu produzieren, zu recherchieren oder Videobänder am Ground Zero auszutauschen. Ich habe damals eher funktioniert, die wirkliche Verarbeitung kam erst Wochen später.

Warum waren Sie damals eigentlich in New York?

Ich habe ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in New York gemacht und wollte vor allem die Vereinten Nationen kennenlernen. Während der Zeit, in der ich da war, habe ich die Vereinten Nationen allerdings kein einziges Mal betreten.

Welche Bilder sind es, die sich an diesem Tag bei Ihnen für immer eingebrannt haben?

Abends haben sich die Menschen an öffentlichen Plätzen getroffen, um zu reden, zu trauern und zu verarbeiten, was dort passiert ist. Das hat mich sehr bewegt, da war ich abends auch. Überall hingen Bilder von Menschen, die vermisst wurden. Ganz Manhattan war plakatiert. Einmal sprach mich eine junge Frau an und sagte, ich sehe aus wie ihr Freund, den sie vermisst, aber er würde bestimmt wieder kommen. Solche Begegnungen haben sich in meinen Kopf eingebrannt. Die Stadt hat wahnsinnig gelitten.

Wie war es Ihnen eigentlich möglich, das, was da passiert war, überhaupt zu verarbeiten?

Ich lese noch heute sehr viel über 9/11 und schaue Dokus, die neu erscheinen. Das ist schon ein Ereignis in meinem Leben, das mich sehr geprägt hat. Jeder Mensch weiß, wo er am 11. September 2001 war, und ich war mittendrin. Das ist schon sehr verrückt.

Welche Wirkung hatte dieser Anschlag auf Ihr weiteres Leben?

Das war für mich persönlich ein sehr entscheidender Wendepunkt. Ich habe mich danach sehr intensiv mit Außen- und Sicherheitspolitik auseinandergesetzt, bin später zurück in die USA nach Washington gegangen und habe dort meine Magisterarbeit über US-Verteidigungspolitik geschrieben. Mein Verhältnis zur Bundeswehr und zu Militäreinsätzen hat sich durch diese furchtbaren Anschläge sehr verändert. Ohne 9/11 hätte ich vielleicht nie das Interesse an Sicherheitspolitik entdeckt und wäre vielleicht auch nicht im Verteidigungsausschuss gelandet.

Nach den Anschlägen: Das World Trade Center brennt, später stürzen beide Türme ein.

Die Anschläge von Al-Kaida veranlassen die Amerikaner 2001 zu einem Militäreinsatz in Afghanistan. Später beteiligen sich auch die Deutschen an ISAF. Fast genau 20 Jahre später kommt es zum überstürzten Abzug aus Afghanistan – verbunden mit einer menschlichen Tragödie. Was ist schief gelaufen?

Ich habe sehr darunter gelitten, was in den vergangenen Wochen in Afghanistan passiert ist. Es fühlt sich nicht gut an, und deswegen ist es auch mein Anspruch, dass dort schonungslos aufgeklärt wird, wie es zu diesen eklatanten Entwicklungen kommen konnte. Wie konnten die Nachrichtendienste die Lage so falsch einschätzen? Wie konnte es sein, dass die afghanische Armee und Regierung so schnell kapitulieren? Wie konnte es sein, dass die USA Hals über Kopf das Land verlassen und statt eines geordneten Übergangs ein Chaos hinterlassen? Auch wir müssen uns fragen, welche Fehler wir gemacht haben. Gerade geht es noch sehr akut um die Frage, wie wir weitere Ortskräfte aus dem Land holen können, aber danach muss aufgeklärt werden und es müssen auch Konsequenzen für künftige Einsätze gezogen werden. Das sind wir übrigens auch denen schuldig, die dort für uns im Einsatz waren: Unseren Soldatinnen und Soldaten, ihren Familien und Angehörigen. 2011 war ich selbst vor Ort, um mir ein Bild von der Lage zu machen und mit Munsteraner und Rotenburger Soldatinnen und Soldaten zu sprechen. Wir dürfen niemals vergessen, dass 59 Soldaten ihr Leben dort verloren haben. Ich kenne auch persönlich Menschen, die dort gefallen sind.

Vor 20 Jahren sind völlig verzweifelte Menschen aus dem World Trade Center in den Tod gesprungen, im August klammern sich Afghanen in Kabul an startende Flugzeuge und fallen in die Tiefe. Was machen solche Bilder mit Ihnen?

Wenn ich solche Bilder sehe, zerreißt es mich.

Der islamistische Terror ist immer noch allgegenwärtig. Mit militärischen Mitteln scheint man ihn nicht bekämpfen zu können. Wie kann es weitergehen?

Militär kann Gewalt stoppen und Strukturen zerschlagen. Um Terroristen den Nährboden abzugraben, braucht es Entwicklung, Überzeugung und Perspektiven. In Afghanistan selbst gab es ja riesige Erfolge: Demokratische Wahlen, Pressefreiheit, medizinischer Fortschritt und ein Ausbau an Bildung – gerade für Frauen. Gerade deswegen ist es so schlimm, dass nun die Taliban wieder die Macht übernehmen.

Die Anschläge von New York jähren sich an diesem Samstag zum 20. Mal. Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre in einer veränderten Welt: Welche Lehren müssen wir ziehen?

Es gab einen Irrglauben der USA, dass man mit einem Militäreinsatz Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bringen kann. Das ist für mich die größte Lehre. Für Deutschland würde ich sagen: Wir hätten viel offensiver den Sinn des Einsatzes kommunizieren müssen. Seit 2014 haben wir ja vor allem afghanische Soldaten ausgebildet.

Wie lassen sich diese Schlussfolgerungen politisch umsetzen, welcher Weg ist einzuschlagen?

Für den kommenden Bundestag wollen wir die Einsetzung einer Expertenkommission, die den Einsatz in Afghanistan schonungslos auswertet und Konsequenzen vorschlägt. Für künftige Mandate und für die laufenden Einsätze der Bundeswehr.

Nun fällt dieser 11. September auf den Tag vor der Kommunalwahl in Niedersachsen, in zwei Wochen wollen Sie als Generalsekretär ihren Parteichef Olaf Scholz zum Kanzler machen. Eignet sich das Thema 9/11 zum Wahlkampf?

Nein, das ist kein Wahlkampfthema. Aber ein Tag, an dem wir uns bewusst machen sollten, dass es ein hoher Wert ist, sicher und in Freiheit zu leben.

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