Isabel Varell liest, singt und tröstet im Wachtelhof mit Geschichten aus ihrem Leben

Überstehen, weitergehen

Mal lesend, mal singend, aber immer ganz nah dran am Publikum im Landhausgarten des Wachtelhofs war Isabel Varell mit Geschichten aus ihrem Leben. - Fotos: Diercks

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Wie im Fluge vergeht der Abend mit Entertainerin Isabel Varell am Donnerstag im Landhaus Wachtelhof. Die Schlagersängerin, Schauspielerin und jetzt Autorin stellt im Garten des Hotels ihr autobiografisches Werk „Mittlere Reife“ vor.

Lückenlos schildert die 54-jährige Isabel Varell von der Scheidung ihrer Eltern, der Schläge zuhause, dem Schulversagen bis hin zur Ehe mit Drafi Deutscher und Dschungelcamp ihre Gefühle und Gedanken. Nah, warm und ehrlich. Manchem Gast spricht sie aus dem Herzen, andere wärmt sie mit ihrer positiven Einstellung und Lebensphilosophie. „Alles in mir weigert sich, aufzuhören albern zu sein“, sagt Varell, die vor Energie nur so zu strotzen scheint.

Froh ist sie auch darüber, ihr inneres Kind liebevoll an der Hand zu halten und nicht mehr loszulassen. Für sie essenziell, wie sie sagt. „Ich war ein schwer erziehbares Kind, bin von zwei Schulen geflogen, lag mit 14 mit einer Alkoholvergiftung auf der Intensivstation und habe mit 15 Feuer gelegt“, berichtet Varell.

Von heute auf morgen verliert sie als noch sehr kleines Mädchen ihr Zuhause, als sich ihre Mutter von ihrem Vater trennt. Die Zweisamkeit ist künftig geprägt von Schläge durch Rohrstock und bloßer Hand. Ein „nicht nachvollziehbares Gewitter“ sei es immer gewesen. Oft habe sie danach gedacht, sie will nicht mehr leben. „Ich kann heute kein einziges Kind in dem Alter ansehen, ohne daran zu denken. Man kann von außen nicht erkennen, durch welche Hölle Kinder gehen“, sagt Varell. Ihre Mutter prophezeite ihr, in der Gosse zu landen.

Auf einmal fragt sie ins Publikum „Wie geht es dir?“ und philosophiert über diese häufige nur als Floskel gestellte Frage. Varell mahnt, dass es sicherlich viele Menschen gibt, die gerne die Hand gereicht bekommen möchten, „um auf den Spielplätzen dieser Welt mitspielen zu dürfen“.

Die Sängerin schilderte ihre ersten Schritte als Läuferin. Der lange Weg, bis sie endlich – ohne Schnappatmung zu bekommen – den Laufsteg der Außenalster in Hamburg absolvierte. Wie sie spürte, dass Laufen ihr Ding ist? Ihr wurde mit den ersten Schritten klar, dass es ihr nicht darum ging, Kleidergröße 36 zu behalten, sondern darum, zu laufen. Vielleicht sogar wegzulaufen „vor einer kaum erklärbaren Angst“. Und: wie das Laufen nicht nur den Körper bewegt, sondern auch ihr Inneres.

Varells Schilderungen über das Laufen, Emotionen, Erinnerungen, Kummer, Gedanken und Ideen sind so intensiv, dass es einer Zuschauerin die Tränen in die Augen treibt. Und Varell damit von der Bühne. Sie steigt von ihrem Podest und umarmt diese Frau ganz spontan.

Einen, der offenbar früh erkannte, wieviel Isabel Varell einmal zu erzählen haben wird, war Hape Kerkeling, mit dem sie bis heute eng befreundet ist: „Isabel, merk dir das alles, was du mir da gerade erzählst! Schreib das auf! Hörst du? Du musst das aufschreiben. Eines Tages schreibst du ein Buch über dein Leben. Sonst vergisst du das!“

Das konnte sich die Schauspielerin überhaupt nicht vorstellen. Allein der Gedanke daran, wie anstrengend das alles ist. Nicht nur, weil sie es erlebt hat. Sie war zudem Legasthenikerin. Durch viel üben und dem varell’schen Lebensmotto „Überstehen, weitergehen“ meisterte sie das genauso wie andere schwere Aufgaben. Genauso vielfältig wie ihre bisherige Vita fallen die Resümees aus Isabel Varells Biografie aus: „Ich bin dankbar für alles, was ich erleben darf. Ich verschwende keinen Gedanken daran, was andere denken. Was du bist, muss aus dir selbst entstehen.“

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