Interview am Wochenende

SPD-Urgestein Lothar Cordts verabschiedet sich aus der Politik

Die SPD im Rücken: Lothar Cordts verlässt den Kreistag und beendet seine politische Laufbahn.
+
Die SPD im Rücken: Lothar Cordts verlässt den Kreistag und beendet seine politische Laufbahn.

Nindorf – Wenn im Landkreis Rotenburg von der SPD die Rede ist, dann fällt auch immer wieder der Name Lothar Cordts. Das wird auch weiterhin der Fall sein. Aber nur dann, wenn die Genossen von „früher“ reden, denn in der aktuellen Kreistagspolitik will der 74-jährige Nindorfer nicht mehr mitmischen. Wir haben mit ihm über seine Zeit im Kreistag, über die bevorstehenden Wahlen, die SPD als solche und über das danach gesprochen.

Herr Cordts, was ging Ihnen zuerst durch den Kopf, als Sie von der Absage Volker Harlings als Landratskandidat gehört haben? Schließlich hat die SPD ihn unterstützt.

Natürlich war ich nach seiner Absage zunächst enttäuscht darüber, dass die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis keine echte Wahlmöglichkeit gehabt hätten. Aber schließlich geht die Gesundheit vor und deshalb ist sein Entschluss zu akzeptieren. Die aktuelle Entwicklung zeigt aber, dass wir nun doch eine echte Wahl haben werden.

Die SPD schickt keinen Kandidaten ins Rennen. Ist es heutzutage schwerer als früher, geeignete Personen für solche Posten oder auch nur für die Gremien in den Dörfern und Städten zu finden?

Ja, das trifft besonders auf jüngere Kandidatinnen und Kandidaten zu. Sie sind in der Regel mit der Gründung einer Familie, der Erziehung ihrer Kinder und dem Aufbau der beruflichen Karriere zeitlich ausgelastet. Außerdem zeigt sich besonders auf unterer kommunaler Ebene die Tendenz, nicht einer bestimmten Parteilinie folgen zu wollen.

Wie kann man gegensteuern?

Auf Kreisebene sind es oft die zahlreichen Sitzungstermine während der normalen Arbeitszeit, die abschrecken. Welcher Arbeitgeber fördert schon die Karriere einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters, der während der Arbeitszeit häufig für Sitzungen beurlaubt werden muss?

Die Lösung?

Eine Verschiebung der Ausschusssitzungen in den späten Nachmittag oder frühen Abend ist eine Möglichkeit. Im kommunalen Bereich finden die Sitzungen in der Regel zu angemessenen Zeiten statt. Gemeinsame Wählerlisten stellen inzwischen für mehrere Ortsräte eine Lösung dar. Eine Wählerliste für einen Ortsrat auch im Kernort könnte hier die Motivation steigern, sich politisch zu engagieren.

Entfernen sich selbst die kleinsten Ortsräte und auch der Kreistag immer mehr von der berühmten Lieschen Müller, weil die Politik kaum noch nachvollziehbar ist?

Das glaube ich für die Ebene der Kreispolitik und Ortsräte nicht. Es zeigt sich, dass Bürgerinnen und Bürger immer dann aktiv werden, wenn sie selbst von politischen Entscheidungen betroffen sind. Leider wird dabei in den Sozialen Medien oft die Ebene einer sachlichen und auf Fakten beruhenden Auseinandersetzung verlassen. Es entsteht der Eindruck, dass die Politiker an den Wünschen der Bevölkerung vorbei agieren. Dabei sind es in der Regel Einzelmeinungen, die von politikfeindlichen Personen aufgegriffen und verstärkt werden.

Deutschland braucht die SPD.

Lothar Cordts

Was muss dahingehend anders werden?

Die Mitglieder im Kreistag und den kommunalen Parlamenten sind Feierabendpolitiker , die viel Zeit für ihre politische Tätigkeit aufwenden. Nicht alle Entscheidungen treffen dabei auf ungeteilte Zustimmung. Die Aufgabe der Politiker ist es, den Bürgerinnen und Bürgern Möglichkeiten zu eröffnen, die Entscheidungen zu erläutern.

Wie könnte das funktionieren?

Die SPD-Fraktion hat dafür die Bürgerbox eingerichtet. Gleichzeitig dürfen die Politiker aber auch erwarten, dass die Gespräche auf sachlicher Ebene und ohne Beleidigungen geführt werden. Das gilt besonders im Umgang mit den Sozialen Medien.

Wie kam es eigentlich zu Ihrer Entscheidung, dem Kreistag nach zehn Jahren den Rücken zu kehren?

Mit dem Ausscheiden zum 1. November habe ich fast 40 Jahre Kommunalpolitik in unterschiedlichen Gremien hinter mir. Diese Zeit war von Sitzungsterminen bestimmt. Den Rest meines Lebens möchte ich ohne Termindruck gemeinsam mit meiner Frau verbringen. Sie hat während meiner politischen Tätigkeit oft zurückstecken müssen, wofür ich ihr nicht genug danken kann.

Wer soll in Ihre großen Fußstapfen treten?

Die Entscheidung aufzuhören, beruht natürlich auch darauf, dass die Nachfolge im Kreistag weitgehend geregelt ist. Mit Mathias Ullrich stellt sich ein jüngerer qualifizierter und engagierter Bewerber für meinen Platz im Kreistag zur Wahl.

Schwingt beim Blick zurück auch ein bisschen Frust mit, weil es offenbar immer schwieriger wird, sozialdemokratische Themen durchzusetzen?

Nein. Wer sich auf der politischen Ebene bewegt, weiß, dass er mit Abstimmungsniederlagen leben muss. Aber abgesehen davon bin ich nicht der Meinung, das sozialdemokratische Themen im Kreistag schwer umzusetzen waren. In der Wahlperiode 2011/2016 haben wir als Mehrheitsfraktion mit Grünen und WFB die Politik maßgeblich bestimmt. Leider wurden nicht alle Beschlüsse von der CDU-dominierten Verwaltung auch so umgesetzt. Aber auch in der jetzigen Periode hat die SPD-Kreistagsfraktion deutliche Spuren hinterlassen. Sowohl bei den Haushaltsberatungen, als auch im Umweltausschuss, den Sozialausschüssen und zuletzt bei der Entscheidung über Haaßel ist man unseren Anträgen weitgehend gefolgt.

Was hat in den all den Jahren mehr Spaß gemacht: Die Mehrheit des Kreistags hinter sich zu haben oder in der Opposition zu sitzen und den Regierenden auf die Finger zu schauen?

Die Frage beantwortet sich von selbst. Es ist natürlich angenehmer, aus einer Mehrheitsfraktion heraus zu agieren.

Das wird auf vielen Ebenen immer seltener. Sie gehören ja zu den Urgesteinen der Kreis-SPD. Wie sehen sie die Zukunft der Partei hier auf dem Land und im Bund?

Deutschland braucht die SPD zur Bewältigung der Zukunftsprobleme in unserem Land. Im Augenblick spiegeln die Umfragewerte das nicht wider, obwohl die wesentlichen Entscheidungen der Großen Koalition von SPD-Politikern vorbereitet und durchgesetzt wurden. Frau Merkel hat es aber geschickt verstanden, die Arbeit der SPD zur Profilierung ihrer Partei zu nutzen. Nach der Ära Merkel werden die Karten neu gemischt. Unser Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat sich als Finanzminister großes Ansehen erworben. Ich hoffe, dass es ihm gelingt, in einer entsprechenden Koalition die Vormachtstellung der CDU zu brechen.

Und im Land?

In Niedersachsen macht Stephan Weil eine gute Arbeit. Auch in den Umfragewerten liegt die SPD vorne. Die Große Koalition halte ich für keine gute Lösung in Niedersachsen. Ich hoffe, dass es bei der kommenden Wahl gelingt, die CDU auf die Oppositionsbänke zu verweisen.

Ihre schönsten Erlebnisse während Ihrer Kreistagstätigkeit?

Meine Wahl zum stellvertretenden Landrat auch mit den Stimmen der CDU. Und, dass ich in der Position während der Abiturentlassung 2016 im Ratsgymnasium Rotenburg auch aus Anlass unseres eigenen Abiturjubiläums vor meiner ehemaligen Klasse reden konnte.

Ihr schlimmstes Erlebnis?

Ich weiß nicht, ob es das schlimmste Erlebnis war. Aber die Entscheidung, das Martin-Luther-Krankenhaus in Zeven schließen zu müssen, hat mich doch sehr bewegt.

Zur Person

Lothar Cordts ist 74 Jahre alt und Vater zweier erwachsener Söhne. Der ehemalige Realschullehrer ist in Rotenburg geboren und in Westervesede aufgewachsen. Nach dem Abitur 1966 am Ratsgymnasium Rotenburg hat er Lehramt in Lüneburg studiert. 1969 folgte der Eintritt in den Schuldienst an der Volksschule in Visselhövede, 1974 die Realschullehrerprüfung, außerdem 1974 bis 2008 Fachseminarleiter für Geschichte und Sport am Studienseminar in Verden. 2012 erfolgte die Pensionierung. Im Nindorfer Ortsrat saß Cordts von 1986 bis 2011 und von 1996 bis 2019 im Stadtrat Visselhövede; ab 2006 als SPD-Fraktionsvorsitzender. In die Partei war er 2000 eingetreten. Seit 2011 ist er Kreistagsmitglied und stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender und war von 2014 bis 2016 stellvertretender Landrat.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

E.ON-Wallbox effektiv kostenlos: staatliche Förderung nutzen und Ökotarif abschließen

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Schlemmen im Sommer: Entdecken Sie kreative Rezepte im Magazin „Küchengeheimnisse“

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Der STERNGLAS Topseller im exklusiven Deal - 50 Euro sparen!

Meistgelesene Artikel

„Ich bin gut vorbereitet“

„Ich bin gut vorbereitet“

„Ich bin gut vorbereitet“
„Hoffnung muss ich ja haben“

„Hoffnung muss ich ja haben“

„Hoffnung muss ich ja haben“
Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Joost Meyer ist neuer Klimaschutzmanager in der Samtgemeinde Fintel

Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Joost Meyer ist neuer Klimaschutzmanager in der Samtgemeinde Fintel

Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Joost Meyer ist neuer Klimaschutzmanager in der Samtgemeinde Fintel
In Sottrum beginnt im Oktober der Breitbandausbau für schnelles Internet

In Sottrum beginnt im Oktober der Breitbandausbau für schnelles Internet

In Sottrum beginnt im Oktober der Breitbandausbau für schnelles Internet

Kommentare