Interview am Wochenende

Die Kreissprecher über den Zustand der Grünen: „Das ist jetzt eine andere Partei“

Hans-Jürgen Schnellrieder und Sabine Holsten führen seit 2018 die Kreisgrünen an. In dieser Zeit habe sich der Verband erneuert, sagen sie.
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Hans-Jürgen Schnellrieder und Sabine Holsten führen seit 2018 die Kreisgrünen an. In dieser Zeit habe sich der Verband erneuert, sagen sie.

Fintel/Rotenburg – In diesem Wahljahr liegen bewegte Wochen und Monate hinter den Grünen im Bund sowie im Landkreis Rotenburg. Aus dem Hype nach der Nominierung von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin ist die Partei längst wieder in den Raubtierkäfig Wahlkampf zurückgekehrt, die Umfrageergebnisse haben sich nach einigen negativen Schlagzeilen wieder eingependelt. Auch auf lokaler Ebene hätte es glücklicher laufen können für die Grünen. Insbesondere als der gemeinsam mit der SPD vorgeschlagene Landratskandidat Volker Harling seine Bewerbung zurückgezogen hat. Wie geht es der Partei jetzt? Wir haben bei den beiden Sprechern des Kreisverbandes, Sabine Holsten und Hans-Jürgen Schnellrieder, nachgefragt.

Die Umfragewerte der Grünen gingen lange Zeit durch die Decke, nun stockt es. Ist Annalena Baerbock immer noch die richtige Spitzenkandidatin?

Schnellrieder: Ja, wir wollen uns auch kein Urteil erlauben. Sie und Robert Habeck waren beide komfortable Kandidaten. Wichtig ist uns in der Partei, dass wir harmonisch gemeinsam arbeiten. Und ich glaube, das ist auch der Impuls gewesen, der zu uns in den Kreis runtergekommen ist. Wir haben uns das als Vorbild genommen und gesagt, dass Grüne sich nicht immer intern zu Tode diskutieren können. Wenn wir den Mut haben, nach außen mitregieren zu wollen, müssen wir intern an einem Strang ziehen.

Wieso profitieren die Grünen vor Ort so wenig von den guten Zahlen auf Bundesebene?

Holsten: Ich denke, wir haben davon profitiert.

Inwiefern?

Holsten: Das Bild, das über die Entscheidung zustandegekommen ist, war beispielhaft. Dem gegenüber hatten die Menschen Bilder mit Gezeter in anderen Parteien vor Augen und waren sichtlich genervt. Bei uns konnte man sehen, wie es gehen kann. Ich halte es aber auch gerne mit Anselm Grün, der sagt, dass wir als Menschen nicht immer alles bewerten sollen. Von daher können wir uns kein Urteil erlauben.

Aber wie haben Sie denn nun auf Ortsebene profitiert?

Holsten: Weil die Menschen erkannt haben, dass sich etwas ändern muss. Dafür stehen die Grünen schon lange. Immer dieses Hin und Her: Ich glaube, das sind manche schon leid. Auf uns als Kreisverband bezogen muss ich sagen, dass sich schon was verändert hat, und zwar im Umgang miteinander. Schnellrieder: Jede Partei vor Ort ist sozusagen vom Gemütszustand ihrer Bundespartei abhängig. Das sieht man auch bei den kleinen Schwankungen vor Ort, wenn sich Herr Laschet mal daneben benimmt.

Aber das hat mit Kommunalpolitik wenig zu tun.

Schnellrieder: Darauf will ich hinaus. Unser Ziel ist, dass die Grünen-Ortsverbände lokal mit der Politik der Grünen stärker sichtbar sind, damit die Abhängigkeit von Stimmungslagen im Land oder Bund weniger mit einfließt.

Sichtbar war bei den Kreisgrünen zuletzt ein eher unglückliches Bild. Ein Streit, der vielleicht mit der Demission von Elke Twesten seinen Ursprung hat und zuletzt lautstark gipfelte in der Auseinandersetzung mit den Ortsverbänden Scheeßel und Bothel. Ist dieser Streit beendet?

Schnellrieder: Sie treffen heute auf eine Partei, die mit der 2016er-Partei überhaupt nichts mehr zu tun hat – rein im Umgang miteinander.

Was hat sich verändert?

Schnellrieder: Das Miteinander hat sich verändert, die Professionalität hat sich gemacht. Wir sind geeinter. Wir sind jetzt in den Wahlkampf eingestiegen mit hundertprozentiger Zustimmung für die Art und Weise, wie wir das tun. Seit der Lösung von Scheeßel und Bothel sind die Leute beruhigt. Das ist jetzt eine andere Partei.

Ich höre ein bisschen heraus: Die Schuldigen des Streits liegen in Scheeßel und Bothel.

Schnellrieder: Es gibt keine Schuldigen dabei. Das müssen wir immer wieder sagen. Es gibt nur unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Zielen. Wir vertreten die Grünen-Ziele hier, und mancher passt sich an und mancher verändert sich. Für die einen ist die Veränderung etwas schwieriger als für den anderen. Holsten: Nicht nur die Ziele, sondern auch der Weg dorthin können ja dazu führen, dass man sich nicht einig ist. Daraus haben sich eben gewisse Konflikte entwickelt. Wir haben so viel Arbeit, die zu erledigen ist, und so viele gesellschaftliche Problemstellungen, dass wir uns im Nachhinein nicht damit aufhalten können, irgendwelche Motive zu ergründen. Darüber können wir ohnehin nur spekulieren. Da sollten wir ganz einfach nach vorne schauen. Schnellrieder: Gegenüber 2016 hat sich die Mitgliederzahl bei uns verdoppelt. In dieser Zeit sind alleine hundert Leute dazugekommen. Mit diesen neuen Mitgliedern haben wir einen viel breiteren Stamm an Kompetenzen und eine ganz andere Kultur, miteinander umzugehen. Das hat der Partei geholfen, und das ist analog zur Bundespartei.

Die Grünen vor Ort sprechen – wie eben auch schon – gerne von Veränderungen und Erneuerung. Sind eine 61-Jährige und ein 74-Jähriger als Sprecher dafür die richtigen?

Holsten: Wir haben eine ganze Menge Lebenserfahrung. Herr Schnellrieder kommt aus einem ganz anderen Kontext als ich. So bringen wir ganz andere Betrachtungsweisen mit ein. Man muss manchmal seinen Standpunkt verändern, um einen anderen Blick auf eine Sache zu bekommen. Und das können wir gewährleisten, weil wir einen entsprechenden Background haben. Aber nichtsdestotrotz liegt uns ganz besonders am Herzen, junge Menschen an die Partei heranzuführen. Dann kann man diesen jungen Menschen auch etwas mitgeben. Wenn jetzt nur junge Menschen dabei wären, würde dieses große Spektrum fehlen. Alles hat seine Zeit. Es ist der falsche Ansatz zu sagen, dass jemand zu jung oder zu alt ist. Entscheidend sind andere Dinge. Schnellrieder: Wir sind auch angetreten, um die Partei zu verjüngen. Das ist uns gelungen. Das kommt dadurch, weil wir Angebote für junge Leute haben und sie auch fördern.

Was muss sich denn ändern inhaltlich hier im Landkreis und in den Kommunen? Die wichtigen Entscheidungen treffen doch eh Hannover, Berlin und Brüssel.

Holsten: Beim Klima- und beim Artenschutz kann noch eine ganze Menge gemacht werden. Und das Schöne ist ja, dass es schon mögliche Projekte gibt. Wir haben ja einmal den kommunalen Klimaschutz in der Bauleitplanung, in der man gewisse Dinge vorausschauend betrachten kann. Kommunen können zum Beispiel die Artenvielfalt fördern bei Friedhöfen und Wegesrändern. Schnellrieder: Wenn wir was für den Klimaschutz tun, dann wird das nicht in Berlin gemacht, sondern das muss hier vor Ort passieren. Wir haben in keiner Kommune im Landkreis Rotenburg kommunalen Klimaschutz als zentrales Thema verankert. Wir müssen viel mehr aufpassen, dem Klimawandel entgegentreten und dabei lokal handeln, und nicht warten bis China das Kohlekraftwerk abgeschaltet hat.

Ihr Landratskandidat Volker Harling hat aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. Nun unterstützen Sie offiziell die ehemalige CDU-Kreistagsabgeordnete Gabriele Hornhardt. Warum?

Schnellrieder: Das mit der CDU ist so lange her, ich glaube, diese Verbindung hat sie nicht mehr – um das mal festzustellen. Wir unterstützen sie, weil sie mit ihren Themen unseren am nächsten kommt. Wir haben mit ihr den höchsten Deckungsgrad. Es ist wichtig, dass sich überhaupt jemand zur Wahl stellt, um nicht einfach der CDU den Landkreis zu überlassen. Wir brauchen Gegengewichte. Holsten: Frau Hornhardt ist authentisch. Sie steht zu dem, was sie sagt und meint es ernst. Das Gefühl habe ich bei Herrn Prietz nicht immer. Ich sage es mal so: Er ist auf dieser Linie wie Herr Laschet oder Söder, die viel reden und genau das Gegenteil tun. Schnellrieder: Wir sehen eine Verwaltung auch eher unpolitisch. Das ist der Grund, warum wir immer überparteiliche Kandidaten unterstützen. Politik und Verwaltung sind zwei Säulen, und die Politik muss immer mehr auf die Verwaltung einwirken, damit die Bürger das Recht bekommen, das sie brauchen. Deswegen ist es auch wichtig, dass es jetzt mehrere Kandidaten gibt.

Aber mal ganz ehrlich: Welche Chancen räumen Sie Frau Hornhardt gegen das CDU-Schwergewicht Marco Prietz ein?

Holsten: Das ist schwer zu sagen. Schnellrieder: Ich würde dem nicht vorgreifen wollen. Wir arbeiten daran, eine starke Fraktion im Kreistag zu bekommen. Dann entscheidet der Wähler über den Landrat, mit dem wir dann arbeiten können müssen. Insofern haben wir zu Marco Prietz auch ein entspanntes Verhältnis.

Doppelspitze seit 2018

Sabine Holsten und Hans-Jürgen Schnellrieder agieren seit November 2018 als Doppelspitze der Rotenburger Kreisgrünen. Holsten ist 61 Jahre alt und wohnt in Hemslingen. Sie ist seit Herbst 2016 Mitglied der Partei, sei ihr aber schon vorher zugetan gewesen, sagt sie. Sie ist und war zudem aktiv in mehreren Umwelt-, Opfer- und Menschenrechtsverbänden. „Wir haben in der Gesellschaft so viel Arbeit und zu wenige, die sich organisieren“, sagt sie. Schnellrieder hat 2011 den Finteler Ortsverband mitgegründet. Der ging aus einer Bürgerinitiative gegen einen Stall hervor. Er habe damals gesehen, dass alles von den älteren Parteien dominiert sei und habe mehr Transparenz gewollt. Im Kreisvorstand wechselte er als Nachfolger seiner Frau Gabriele. Zuvor sei der 74-Jährige eigenen Worten nach ihr „Hintergrundmann“ gewesen. 

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