Rotenburg: Interview mit zwei Polizistinnen, die auf Clan-Kriminalität spezialisiert sind

„Sie fühlen sich jetzt beobachteter“

Die Rotenburger Polizei nimmt die Clan-Kriminalität gezielt in den Fokus.
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Die Rotenburger Polizei nimmt die Clan-Kriminalität gezielt in den Fokus.

Rotenburg – Seit Ende Oktober 2020 gibt es eine Sicherheitspartnerschaft im Landkreis Rotenburg – daran sind neben der Polizei und den 13 Verwaltungseinheiten der Landkreis, das Gewerbeaufsichtsamt, das Finanzamt sowie der Zoll beteiligt. Mit der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Clan-Kriminalität in Stade arbeitet man eng zusammen. Bei der Polizeiinspektion Rotenburg kümmern sich zudem zwei Polizistinnen ausschließlich um dieses Thema.

Wir haben mit Polizeihauptkommissarin Larissa Pohlmann und Polizeioberkommissarin Anette Zeigler über ihre Arbeit, über die Situation im Landkreis und über die Probleme im Kampf gegen Clans gesprochen. Um die beiden Polizistinnen und ihre Familien zu schützen, haben wir ihre Namen geändert und auf ein Foto von ihnen verzichtet.

Seit wann machen Sie diesen Job, warum haben Sie sich dafür entschieden?

Larissa Pohlmann: Ende 2019 hat man mich nach den Auseinandersetzungen in Bremervörde gefragt, ob ich mir diese Aufgabe vorstellen könne. Bis dahin haben sich zwei Kollegen nebenamtlich um die Clan-Kriminalität gekümmert. Diese beiden Kollegen haben aber immer gesagt, das reiche nicht aus. Das Arbeitsaufkommen sei zu groß, um es nur nebenamtlich zu machen. Dann habe ich gesagt, dass ich mir das gut vorstellen kann und festgestellt, dass in diesem Feld tatsächlich viel zu tun ist. Später ist die Kollegin dazugekommen.

Anette Zeigler: Es war eine ganz normale Dienstposten-Ausschreibung. Mich interessiert das Thema einfach.

Was ist Ihre Aufgabe?

Zeigler: Wir befassen uns mit den clan-kriminellen Strukturen. Zu Anfang geht es erst einmal darum, die internen Strukturen der einzelnen Clans zu erfassen und aufzuhellen. Da sind wir mittlerweile weit fortgeschritten. Weiter interessieren uns Finanzflüsse – passen Einkommen und erworbene Güter wie Fahrzeuge oder Häuser zusammen? Gibt es Straftaten, die bisher noch nicht so offen feststellbar waren? Auch die möchten wir möglichst aufdecken. Insgesamt ist das ein sehr langwieriger Prozess. Wir sind Ansprechpartner für andere Dienststellen, auch das LKA und andere Bundesländer sind dabei. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, für die Kollegen ansprechbar zu sein, wenn sie es mit Straftaten zu tun haben, bei denen clankriminelles Verhalten mit reinspielt. Das heißt, dass wir auch bei den Ermittlungen unterstützend tätig sind. Wir recherchieren, wir ermitteln nicht. Das machen dann die Kollegen in den Fachbereichen.

Was ist denn Clan-Kriminalität, wo fängt sie an?

Pohlmann: Da gibt es bestimmte landesweit einheitliche Indikatoren. Es fängt zum Beispiel bei einer Großfamilie an, die den Rechtsstaat nicht akzeptiert, sondern hier nach ihren eigenen Regeln lebt und unsere Gesetze einfach nicht hinnimmt. Wir reden auch dann davon, wenn der Familien-Ehrbegriff deutlich nach oben gestellt, also über den Rechtsstaat gehoben wird. Es sind tatsächlich Großfamilien, wir sprechen daher von einem hohen Mobilisierungspotenzial. Es sind Familien, die sich miteinander vernetzen. Da können es in besonderen Lagen auch schon mal bis zu 50 oder mehr Personen sein, die gegen Polizisten oder andere Leute agieren. Das ist das Gefahrenpotenzial, was dahinter steckt und wir versuchen, aufzudecken.

Wir haben uns vor diesem Gespräch entschieden, Ihre Namen nicht zu nennen und auch kein Foto von Ihnen zu machen. Warum ist das so wichtig für Sie?

Pohlmann: Das ist vorgeschrieben, um uns und unser Privatleben zu schützen. Es ist schon so, dass es bereits Sanktionen der Familien gegenüber Polizeibeamten gegeben hat. Es geht also darum, in diese Gefahr gar nicht erst zu geraten.

Man hört immer wieder von den großen Fällen in großen Städten, wenn es um Clans geht. Ist die Qualität im Vorgehen der Clans in eher ländlichen Regionen ähnlich?

Pohlmann: Die Qualität ist niedrigschwelliger. Da reden wir nicht von großen Raubtaten, sondern es sind mehrheitlich Rohheitsdelikte, Körperverletzungen, Streitigkeiten innerhalb der Familien – aber auch mal bis hin zu versuchten Tötungsdelikten zwischen den Familien. Entführungen oder Sexualdelikte kommen ebenfalls vor. Was wir auch festgestellt haben, ist, dass es durchaus Bezüge zu den großen Städten gibt. Die Familien haben Verbindungen zum Beispiel nach Berlin, die dann dort mit tätig werden. Sie haben zum Teil ihr eigenes Netzwerk gebildet und unterstützen sich gegenseitig.

Seit Oktober gibt es nun die Sicherheitspartnerschaft. Wo und wie ist das bereits zu spüren?

Zeigler: Die haben wir gerade deswegen gegründet, weil das unsere Instrumente sind, die wir brauchen, um gegen diese clankriminellen Strukturen anzugehen. Dieses Netzwerk ist super aufgebaut. Wir merken das an allen Stellen. Es gibt sicherlich noch Ausbaupotenzial, aber wir haben ein Netzwerk gebildet, in dem wir schnell Informationen austauschen und gucken können, wie wir gegen gewisse Sachen vorgehen. Wir können somit schneller und niedrigschwelliger agieren.

Können Sie das etwas konkreter machen?

Zeigler: Wir brauchen eine gewisse Struktur, wenn es um Straftaten oder auch Ordnungswidrigkeiten geht. Es ist wichtig, zu erkennen, warum ein Fall eben so ist, wie er sich darstellt. Zum Beispiel im Finanzbereich. Warum meldet sich jemand ständig um? Gibt es familiäre Zusammenhänge? Warum wohnt der eine da und der andere dort? Wir haben in diesen Familien ganz häufige Wechsel dieser Art. Da kommt dann die Abstimmung mit dem Ordnungsamt zum Tragen.

Es klingt kompliziert, weil mit Tricks gearbeitet wird. Ist das nicht ein Wirrwarr?

Pohlmann: Natürlich sind erst mal unterschiedliche Ämter für verschiedene Themen zuständig. Wenn sie sich nicht austauschen, gehen eventuell wichtige Informationen verloren. Da geht es um Gewerbeanmeldungen, um Meldeanschriften, um Sozialleistungen, die gegebenenfalls bezogen werden. Wir versuchen zu klären, ob möglicherweise Lücken ausgenutzt werden. Darauf sind diese Familien scheinbar spezialisiert. Für uns ist es wichtig, das zu erkennen und aufzudecken, dafür ist die Sicherheitspartnerschaft gegründet worden.

Was steht Ihnen bei dieser komplizierten Arbeit am meisten im Weg?

Zeigler: Das ist der Datenschutz. Der hindert uns daran, offen viele Sachen mit anderen Behörden auszutauschen. Die Zusammenarbeit ist daher nicht so möglich, wie wir uns das wünschen. Wir nutzen das Recht aus – aber überschreiten die Grenzen nicht.

Wie sieht Ihr Tag aus, wühlen Sie nur Akten?

Pohlmann: Bei uns geht es ganz viel um Recherche, also um das Aufdecken von Familienstrukturen. Wir wollen herausfinden, wer zu wem gehört. Damit halten wir unser internes System auf dem Laufenden. Das ist dann wichtig, wenn es beispielsweise zu einem Vorfall in Göttingen kommt – mit einer Familie, die hier lebt. So lassen sich Zusammenhänge erkennen, wer also mit wem zusammenarbeitet, wer mit wem bekannt oder verwandt ist. Das zu recherchieren, ist unsere tägliche Arbeit.

Das bedeutet, dass die Kooperation über den Landkreis hinaus geht?

Pohlmann: Ganz genau. Natürlich kooperieren wir auch mit den anderen Polizeibehörden. Die fangen jetzt ja auch damit an, ihre Netzwerke zu bilden. Es entwickelt sich gerade so ein niedersachsenweites Netzwerk, aber eben auch länderübergreifend. Es gibt Kontakte zum Bundeskriminalamt und nach Berlin. Dort kommt es teilweise zu Taten, wovon wir vorher gar nichts wussten, obwohl der Täter vielleicht hier bei uns zu Hause ist.

Haben Sie das Gefühl, immer hinterherzulaufen?

Zeigler: Inzwischen nicht mehr. Bei aller Bescheidenheit können wir feststellen, inzwischen gut aufgestellt und recht weit zu sein. Mit zwei Kolleginnen, die sich darauf konzentrieren, haben wir diesen Schwerpunkt schon gut umgesetzt.

Hier in Rotenburg haben einige Menschen den Eindruck, in und mit den Clans geht es auch um Drogen. Ist das wirklich so?

Pohlmann: Das gibt es, aber Drogen stellen keinen Schwerpunkt dar. Der Schwerpunkt hier liegt bei den Rohheitsdelikten.

Woran machen Sie gute Arbeitsergebnisse fest?

Pohlmann: Wir machen gute Ergebnisse an der Zusammenarbeit mit den anderen Behörden und der Schwerpunktstaatsanwaltschaft fest. Als sich diese Schwerpunktstaatsanwaltschaft für den Bereich Clankriminalität aufgebaut hat, waren wir direkt mit im Boot. Das Verständnis füreinander ist viel besser geworden. Es wird gegen Delikte niedrigschwelliger vorgegangen. Es ist wie ein Puzzle. Nach und nach kommen Teile dazu. Irgendwann wird daraus ein Bild – das ist dann der Erfolg.

Zeigler: Wir arbeiten in unserer Sicherheitspartnerschaft nach dem Null-Toleranz-Prinzip und gehen gegen wirklich kleinste Verstöße an und ahnden sie. Bei wiederholten Verstößen wird es dann von Mal zu Mal teurer und spürbarer. Das ist das, was wir jetzt gut umgesetzt haben.

Vielleicht haben Sie die Möglichkeit, in die Strukturen hineinzuhorchen. Erzielen Sie mit dem Vorgehen eine Wirkung?

Zeigler: Ja, definitiv. Wir merken, dass sich die Clans beobachteter fühlen. Sie spüren, dass da Bewegung drin ist und sie mehr kontrolliert werden. Sie merken, dass man sie mehr auf dem Schirm hat.

Das heißt aber auch, dass Sie permanent am Ball bleiben müssen.

Pohlmann: Genau.

Zeigler: Es geht einfach darum, ihnen bewusst zu zeigen, dass das, was sie hier machen, so nicht funktioniert. Wir leben in einem Rechtsstaat, jeder hat sich an die Regeln zu halten. Das möchten wir bewusst so zeigen.

Ab welchem Alter werden Clan-Mitglieder auffällig?

Pohlmann: Eigentlich geht das schon im Jugendalter los – mit Rohheitsdelikten. Das ist generell dieses Verhalten und Verständnis der Familien. Das fängt mit Respektlosigkeit gegenüber der Polizei oder generell Amtsträgern an. So nach dem Motto „Die Polizei hat uns überhaupt nichts zu sagen. Unsere Familie steht über allem.“

Es geht auch um das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, das zuletzt bei den Schüssen am Kreisel auf die Probe gestellt worden ist. Was erreicht Sie da?

Pohlmann: An uns werden auch Bürgerbeschwerden herangetragen. Dann müssen wir uns überlegen, was dagegen zu tun ist. Das ist wichtig, auch, wenn es nur um kleinere Delikte oder Ordnungswidrigkeiten geht. Es ist wichtig, die oft erwähnten 1 000 Nadelstiche zu setzen, also weiter dranzubleiben und dagegen vorzugehen. Nur so lässt sich das Sicherheitsgefühl der Menschen stabilisieren.

Zeigler: In der Kreiselsache sind wir genau so vorgegangen, wie es die Null-Toleranz-Strategie vorgibt. Wir haben also alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die wir ausschöpfen konnten.

Reichen die zwei Stellen für diese Arbeit aus?

Zeigler: Das Thema wird immer größer. Wie in allen Bereichen könnten sich auch zehn Leute damit beschäftigen. Doch wir sind erst einmal gut aufgestellt und können die Arbeit so erledigen, wie wir das wollen.

Haben Sie nur Familien mit einem Hintergrund im Ausland im Blick?

Pohlmann: Nein, es geht nicht nur um spezielle Ethnien, im Fokus steht das strafbare Handeln. Wir wollen natürlich nicht irgendwelche Familien stigmatisieren.

Wie gehen Ihre „Kunden“ mit Ihnen um? Ändert sich ihr Verhalten, wenn es zu Ermittlungen kommt?

Zeigler: Das kann man nicht verallgemeinern, es ist unterschiedlich. In manchen Bereichen hilft es noch, mit Man-Power reinzugehen, sodass sie sich zurückziehen oder kooperieren. Es gibt aber Bereiche, in denen der Respekt einfach nicht vorhanden ist.

Zugleich scheint es in manchen Fällen schwierig zu sein, Zeugen zu finden, die auch aussagen.

Zeigler: Wir wissen, dass es zu Zeugenbeeinflussung kommt, aber es ist noch nicht so offensichtlich. Manchmal hören auch Kollegen von uns Sätze wie „Ich weiß, wo Du wohnst und wo Deine Kinder zur Schule gehen“. Es läuft bei der Clan-Kriminalität viel im Hintergrund, was wir noch aufdecken müssen. Gerade im Finanzbereich, um Vermögenswerte abzuschöpfen. Das sind so Ziele.

Von wie vielen Clans im Landkreis sprechen Sie?

Zeigler: Natürlich haben wir gewisse Familien im Fokus. Das sind aber keine Themen für die Öffentlichkeit, alleine schon aus personenschutzrechtlichen Gründen.

Pohlmann: Was uns zum Schluss aber noch ganz wichtig ist: Langfristiges Ziel sollte es natürlich sein, auch diese Menschen oder zumindest ihre nachfolgenden Generationen in unsere Gesellschaft und den Rechtsstaat zu integrieren.

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