„Überlassen Sie den Eltern die Wahl“

Info-Abend über die Einführung einer Oberstufe an der IGS zeigt Dissens

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Großes Interesse bei der Info-Veranstaltung im Ratssaal: Eltern, Lehrer, Politiker und die betroffenen Schulleiter stellten ihre Standpunkte dar. Inge Kerlinski (o.l.) leitet die IGS Osterholz-Scharmbeck inklusive Oberstufe und warb für das Konzept.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Bekommt die Integrierte Gesamtschule (IGS) Rotenburg eine Oberstufe? Oder soll eine Kooperation für einen fließenden Übergang in die Rotenburger Gymnasien gefördert werden? Die Meinungen sind geteilt, das Interesse an der Thematik groß.

Rund 130 Gäste folgten der Einladung von Bürgermeister Andreas Weber (SPD) zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Ratssaal. Dazu hatte die Stadt die Leitende Regierungsschuldirektorin Marianne Assenheimer und die Schulleiterin der IGS Osterholz-Scharmbeck, Inge Kerlinski, eingeladen. Und auch die Rotenburger Rektoren des Ratsgymnasiums, der IGS sowie der Berufsbildenden Schulen (BBS) kamen zu Wort.

Dezernentin sieht hohe Hürden

Weber betonte zu Beginn, dass es „heute keine Podiumsdiskussion ist, sondern ein Vortrag“. Es gebe schon frühzeitig Positionsfestigungen, Befindlichkeiten, kritische Äußerungen, die seiner Meinung nach teilweise ein bisschen überzogen und überbewertet seien. „Ich hoffe, dass wir in Zukunft sachorientierter herangehen“, sagte Weber.

Marianne Assenheimer machte die Gäste darauf aufmerksam, „dass die Erweiterung einer Gesamtschule nur erfolgen darf, wenn die Entwicklung der Schülerzahlen dies erfordert“. Die Hürden für die Umsetzung sind daher aus Sicht der Dezernentin der Landesschulbehörde nicht gerade gering. Der nächste Schritt der IGS Rotenburg wäre zunächst eine Befragung der Eltern im Sommer 2018. „Zudem müsste die Schule nachweisen, dass sie auf zehn Jahre hin, 54 Schüler mit der Absicht in eine Oberstufe zu gehen, vorhalten kann“, betonte Assenheimer.

Schulleiter beklagt voreilig gebildete Urteile

IGS-Schulleiter Sven Thiemer habe den Eindruck, dass sich bereits viele ein Urteil gebildet haben, ohne dass die verschiedenen Positionen ausreichend ausgetauscht wurden. „Mehr als die Hälfte unserer Lehrkräfte haben das Lehramt für Gymnasien studiert“, argumentierte er. Kritiker würden oft als Begründung gegen eine Oberstufe die Zahlen der Schüler mit einer gymnasialen Empfehlung bei der Anmeldung in Klasse fünf anführen. „Sprechen Sie allen anderen Kindern nun ab, dass diese kein Abitur machen können?“, fragte der IGS-Leiter etwas provokant.

Die BBS mit ihrem Berufsgymnasium zeige, dass Realschüler ihr Abitur schaffen können. „Selbst hauptschulempfohlene Kinder können das erreichen. Nicht viele, aber es gibt sie“, meinte Thiemer. Kontinuität sei der Wunsch vieler Eltern, das möchte die IGS Rotenburg auch bieten. Konkurrenzgedanken gebe es dabei nicht. Es gehe Thiemer nicht um besser oder schlechter, es gehe um „anders“. „Eltern wählen uns als Schule, oder als Schulform, bewusst aus, oder eben nicht. Überlassen Sie doch den Eltern und den Kindern die Wahl, wo die Beschulung stattfinden soll.“

„Warum Schülern einen Wechsel zumuten?“

Dass eine IGS inklusive Oberstufe funktionieren kann, legte Inge Kerlinski in ihrem Redebeitrag dar. Die Schulleiterin in Osterholz-Scharmbeck mit mehr als zehn Jahren Erfahrung: „Wir sind zwar an gymnasiale Vorgaben gebunden, unsere Arbeitsweise ist aber eine andere“, erklärte sie. Durch die Fächervernetzung seien schon viele Projekte entstanden, die sich bis heute bewährt haben: Zum Beispiel veranstalten Schüler seit mehreren Jahren Benefizkonzerte für eine Schule in Äthiopien. Auch Kerlinski habe schon oft gemerkt, wie sehr die Eltern die Kontinuität auf ihrer Schule schätzen. „Warum sollten wir den Schülern noch einen Wechsel zumuten?“ Um ihre Überzeugung einer gelingenden IGS samt Oberschule besser zu vermitteln, nahm Kerlinski ihren Schülervertreter Sören Ehrichs mit in den Ratssaal. „Wenn ich die Möglichkeit habe zwischen drei Schulen zu wählen, ist das doch super“, sagte er auch als Vertreter seiner Generation.

Für Iris Rehder, Schulleiterin des Ratsgymnasiums, sei es unstrittig, den Schülern die besten Bildungschancen zu bieten. Anhand eines Beispiels in der Gesamtschule in Hambergen „wurde allerdings aus gutem Grund gegen eine Oberstufe entschieden“, argumentierte sie. Dort gebe es einen „super Übergang“ zur Oberstufe in Osterholz-Scharmbeck. Rheder sagte: „Ich würde gerne von so einem Übergang lernen und wie man ihn macht.“

Angst sei ein schlechter Berater

Ein drittes gymnasiales Angebot sei für sie aber aufgrund der vergleichsweise geringen Einwohnerzahl in Rotenburg problematisch: „Spielräume fehlen mangels Masse.“ Wolf Hertz-Kleptow schloss sich seiner Vorrednerin an. Der Oberstudiendirektor der BBS Rotenburg möchte für einen besseren Austausch eine Arbeitsgruppe mit allen betroffenen Schulleitungen und politischen Vertretern gründen. Aktuell bietet die BBS sieben Profile in ihrem Berufsgymnasium an. Diesen Umfang sehe Hertz-Kleptow bei einer dritten Oberstufe gefährdet.

Kerlinski war sichtlich genervt von den Kooperationsgedanken der beiden Gymnasien: „Die IGS muss das gleiche Recht auf eine Oberstufe haben, wenn die Anforderungen erfüllt sind.“ Angst vor Veränderung sei ein schlechter Berater. Die Eltern und Schüler seien das Wichtigste. Der Saal stimmte mit viel Beifall zu. Eine Mutter war von dem Konzept noch nicht überzeugt: „Das ist Ihnen heute nicht gelungen.“

Laut Weber sollen aber noch weitere Veranstaltungen folgen. Er bat die Gäste, ihre Emotionen herauszunehmen, denn „das bringt uns nicht weiter. Wir müssen zusammenarbeiten“. Die IGS Rotenburg hofft auf einen Antrag für eine Oberstufe seitens der Stadt Mitte 2018.

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