Ein Gespräch mit Diakonisse Christa Godemann und Praktikant Philip Süthoff

Über Gott, Pandemie und die Welt

Christia Godemann und Philip Süthoff treffen sich im Mutterhaus zu einem Gespräch.
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Christia Godemann und Philip Süthoff treffen sich im Mutterhaus zu einem Gespräch.

Rotenburg – Henrik Pröhl hat die Diakonisse Christa Godemann und Praktikant Philip Süthoff zu einem Gespräch im Diakonissen-Mutterhaus getroffen. Pröhl ist Öffentlichkeitsbeauftragter bei den Rotenburger Werken und immer wieder auch als Autor für die Rotenburger Kreiszeitung tätig.

Zunächst ist festzustellen, dass Philip Süthoff (36) und ich (56) zusammengerechnet so alt sind wie Sie, Schwester Christa, nämlich 92 Jahre.

Christa Godemann: Nun ja, nicht ganz, im Februar nächsten Jahres ist es soweit, aber das werd ich wohl noch schaffen.

Sie blicken auf ein langes Leben und eine lange Zeit als Diakonisse in Rotenburg zurück.

Godemann: 1948 bin ich hierher gekommen. Ich wollte Krankenschwester werden. Im Osten, wo ich herkomme, kam ich nicht klar. Da ging es auf Umwegen nach Rotenburg und auf den Kalandshof. Da hieß es: Bleib man bei uns, wir haben Arbeit genug.

Warum sind sie nicht Krankenschwester geworden?

Godemann: Da hat jemand anderes über mich entschieden. Letztlich wurde ich beruflich das, was man heute Ergotherapeutin nennt.

Krankenschwester oder Diakonisse – das ist schon ein Unterschied.

Philip Süthoff: Immerhin haben Sie sich damit für Kinderlosigkeit entschieden. Damals hieß es, die Unverheirateten kommen unter die Haube.

Interessant, wo dieses Sprachbild eigentlich herkommt.

Godemann: Wissen Sie, Familie stand für mich im Hintergrund, und sehr viel später war das Thema trotz einiger Zweifel, das gebe ich zu, erledigt.

Süthoff: Sie haben mir mal von einem Diakon erzählt, mit dem Sie sich angefreundet haben.

Godemann: Oh ja, das ist lange her. Er war Diakon-Schüler. Eines Tages haben wir uns ganz bewusst getrennt.

Wenn ich heute Konfirmandinnen frage, ob sie Diakonisse werden möchten, ernte ich ein Schmunzeln. Nix zu machen.

Godemann: Damals gab es einen Frauen-Überschuss nach dem Krieg. Da war das Leben der Diakonisse eine Option für alleinstehende Frauen.

Die Zeiten sind offenbar vorbei.

Godemann: In Salomo heißt es: „Alles hat seine Zeit.“ Es ist klug, zu akzeptieren, wenn etwas vorüber ist.

Sie sind ein Auslaufmodell.

Godemann: Die Schwesternschaft ist am Schwinden. Früher gab es bis zu 160 Diakonissen in Rotenburg, jetzt sind wir nur noch 13. Aber Diakonie bleibt. Wenn sie übrigens von Konfirmanden sprechen, die fragen bei Hausführungen, die in Corona-Zeiten natürlich nicht stattgefunden haben, manchmal, ob wir auch Männer mit aufs Zimmer nehmen dürfen. Wir dürfen, aber wir tun es nicht.

Philip, für Sie wäre Ehe- und Kinderlosigkeit unvorstellbar, oder?

Süthoff: Stimmt, ich habe Frau und Tochter, sie sind mir das Wichtigste.

Godemann: Für sie ist Familie die Lebensgemeinschaft. Mutterhaus und Schwesternschaft ist meine Lebensgemeinschaft.

Sie sind seit September Praktikant im Mutterhaus und haben sich durch vorherige Archiv-Arbeit sehr für die Geschichte des Mutterhauses und die Diakonissen interessiert.

Süthoff: Richtig. Christa Godemann und die anderen Diakonissen faszinieren mich. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen. Für mich verkörpern sie Selbstlosigkeit und Bescheidenheit, und sie stellen sich in den Dienst.

Godemann: Sind wir wo bescheiden? Ich weiß gar nicht. Aber sicherlich gelten hier wie auch im Kloster Armut, Enthaltsamkeit und Gehorsam als Sendungsprinzip.

Haben Sie das gehört, Philip? Sendungsdisziplin! Noch Fragen?

Süthoff: Genau das beeindruckt mich. Diese strengen Regeln, diese Gewissheit, der Glaube und die Disziplin, die Pflicht zu tun.

Godemann: Es gibt schon manchmal Zweifel. Ich war Gott nicht immer so nah wie jetzt. Aber ich weiß, dass er da ist und mein Leben lenkt. Und ich bin dankbar, dass ich so gut mit Gottes Hilfe durchs Leben gekommen bin.

Nun, Philip, wo haben Sie ihre Zweifel?

Süthoff: Ganz ehrlich, Dankbarkeit kommt bei mir gar nicht vor. In meinem Freundeskreis weiß keiner etwas damit anzufangen. Dankbarkeit ist out.

Was sagen sie dazu, Schwester Christa?

Godemann: Ich habe immer den Wunsch, Danke zu sagen. Abends, bevor ich hier im Haus den Fahrstuhl abschließe, gehe ich immer in unsere Kapelle und gebe dem lieben Gott den Tag zurück.

Eine innige Beziehung. Meinen sie, Philip, dass Sie für Dankbarkeit jemanden brauchen, an den Sie sich richtet?

Godemann: Sie haben eine Frau, ein Kind, reicht das nicht schon für Dankbarkeit?

Pröhl: Vielleicht ist Dankbarkeit eine Frage des Alters, der Lebenserfahrung?

Godemann: Das mag wohl sein. Das Leben ist ja nicht nur Friede und Freude. Nichts ist selbstverständlich, und je älter ich werde, desto klarer wird mir das.

Süthoff: Vielleicht ist es wirklich eine Frage des Alters.

Wo, Schwester Christa, kommt eigentlich ihre Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion her?

Godemann: Ich setze mich mit dem Leben und dem, was um mich herum geschieht, auseinander. Ich schaue Nachrichten im Fernsehen und ich lese viel Zeitung, aber auch Romane, Historisches, Krimis und auch Schund-Romane.

Sie schreiben auch eigene Texte, haben ein Buch herausgebracht. Das hält den Geist wach.

Godemann: Das kann man sagen.

Dann dürften sie sich auch mit dem Thema Pandemie sehr beschäftigen.

Godemann: Und ob. Ich habe eine ganz spezielle Vorstellung.

Wir sind gespannt.

Godemann: Ich sehe die Pandemie als Heimsuchung, vielleicht wie damals die Pest. Wenn sie einen Sinn hat, dann, um zu Gott zurückzukehren. Sehen sie, es gibt Hunger und Millionäre. Die Schere klafft gerade in Pandemie-Zeiten immer weiter auseinander. Das ist doch Irrsinn. Einsicht der Menschen ist dringend nötig, täte gut.

Süthoff: Ganz so würde ich es nicht formulieren, aber ich kann ihnen folgen. Meine Familie und ich sind neu in Rotenburg. Als die Pandemie kam, konnten wir keine neuen Kontakte aufnehmen oder pflegen. Das hat uns zunächst gestört. Dann aber merkt man, was für ein ausschweifendes Leben wir geführt haben. Dann kommt die Besinnung. Wir haben verstanden, wir bemerken, dass Abstand halten vernünftig und unumgänglich ist. Meine Tochter wächst mit Corona auf, sie kennt es gar nicht anders, als Maske zu tragen. Es klingt paradox, aber wir müssen zusammenstehen, um Abstand zu halten. Es ist die Phase der Konzentration auf Wichtiges.

Wie passen da Querdenker in ihr Bild?

Süthoff: Bei Querdenkern geht es um Egoismus.

Godemann: Das sind Extremisten und Verrückte. Aber ich möchte nicht über sie richten. Wir Alten sollten ja gar nicht mitreden.

Warum nicht? Es geht vor allem auch um sie als Risiko-Gruppe.

Godemann: Wieder ein Grund dankbar zu sein, dass in diesem Land auch wir Alten berücksichtigt werden.

Für Sie, Philip, endet die Zeit ihres Praktikums. Was passiert danach?

Süthoff: Ich fange in einer Wohngemeinschaft der Rotenburger Werke an zu arbeiten. Der Umgang mit Menschen mit Behinderung ist mir aus der Vergangenheit vertraut. Mal sehen, was draus wird.

Sie, Schwester Christa, blicken auf ein langes Leben zurück. Was bleibt ihnen?

Godemann: Solange ich lebe, möchte ich mit keinem in Unfrieden leben. Nach dem Tod möchte ich all denen begegnen, die ich um Verzeihung bitten möchte.

Von Henrik Pröhl

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