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„TuSch“-Gruppe des Diakonischen Werks startet wieder: Hilfe für Trennungskinder

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Von: Ann-Christin Beims

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Wenn sich die Eltern trennen, müssen auch die Kinder lernen, mit der ungewohnten Situation umzugehen.
Wenn sich die Eltern trennen, müssen auch die Kinder lernen, mit der ungewohnten Situation umzugehen. © Imago Images / Shotshop

Rotenburg – Wenn Eltern sich trennen oder gar scheiden lassen, ist das ein Prozess, der viele Gefühle auslösen kann: Unsicherheit, Wut, Angst, Traurigkeit. Nicht nur bei den Erwachsenen, sondern auch bei Kindern. Und die können die einströmenden Gefühle meist weniger gut kanalisieren. Ein mögliches Ventil dafür bietet die seit einigen Jahren bestehende „TuSch“-Gruppe des Diakonischen Werks in Rotenburg.

Nach einer Pause soll es nun wieder losgehen, sagt die Familien- und Erziehungsberaterin Stefanie Greiner, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Benjamin Haase die Sieben- bis Zwölfjährigen darin unterstützt, ihre Gefühle wahrzunehmen und ausdrücken zu können.

In den Präventionsangeboten der Beratungsstelle ist das Gruppenangebot mittlerweile fester Bestandteil. Pandemiebedingt pausierte es jedoch zuletzt: Zwar war der Bedarf durchaus da, meint Greiner – doch sowohl Eltern als auch Kinder waren nach den Lockdowns noch zu sehr mit der „Umstellung auf Normalbetrieb“ beschäftigt.

Die Pandemie selbst hat viele häusliche Situationen verschärft, weiß auch die Jugendamtsleiterin des Landkreises, Ulrike Helle. Homeoffice und Homeschooling belasteten das Zusammenleben in den eigenen vier Wänden. Das Wegfallen von Betreuungsangeboten bedeutete zudem für viele Frauen einen Rückschritt zu alten Rollenmustern. Der Ausgleich fehlte, ob durch Freizeitangebote oder einfach den direkten Kontakt mit Freunden und Familie. In vielen Beziehungen kamen finanzielle Sorgen hinzu – durch steigende Preise in allen Bereichen, bei gleichzeitiger Kurzarbeit.

Ob es letztlich mehr Scheidungen gab, muss sich noch zeigen – denn dem Ganzen geht ein Trennungsjahr voraus. Aber: „Aus der Erfahrung der Beratungsstelle heraus kann berichtet werden, dass Paare, die sich für eine Trennung entscheiden, bereits schon über längeren Zeitraum in einer angespannten Beziehung lebten“, so Helle. Die Einschränkungen und Herausforderungen während der Pandemie sind zum Teil auslösender Faktor für eine Trennung.

Wenn es dann tatsächlich soweit ist, entweder, weil es längst zur Trennung oder Scheidung gekommen ist oder eines von beidem ansteht, wollen Greiner und Haase helfen. Um den pandemiebedingt anhaltenden Unsicherheiten gerecht zu werden, die Gruppe dennoch starten zu können, finden die Treffen in diesem Jahr ausschließlich draußen statt. „Das schafft den nötigen Freiraum, den die Kinder brauchen, um sich ihrer Stärken bewusst zu werden und den eigenen Wert immer wieder neu zu erkennen. Und es erzeugt statt der Ängste eher Selbstvertrauen.“

Infoabend für Eltern

Einen Eltern-Info-Abend über die Gruppe für Kinder in Trennungs- und Scheidungssituationen bietet das Diakonische Werk am Mittwoch, 20. April, um 18 Uhr in der Lebensberatung an der Glockengießerstraße 17 an. Anmeldungen unter 04261/ 6303960 oder per E-Mail an lebensberatung.rotenburg@evlka.de.

Wie groß das Interesse an einer festen Teilnahme sein wird, ist dennoch schwer zu sagen: Die Angst vor Ansteckung ist weiterhin vorhanden, auch eine gewisse Corona-Erschöpfung sei spürbar. Damit einhergehend die Sorge, dass es für die Kinder, die sich erst wieder an einen Präsenzunterricht mit gleichzeitig strukturierter Freizeitgestaltung gewöhnen müssen, zu viel sein könnte.

Ein Angebot vorzuhalten, bleibe aber wichtig. Zwar ist es die Entscheidung der Erwachsenen, ob sie sich trennen, und die Kinder werden nicht gefragt. „Allerdings sind sie in hohem Maß davon betroffen und herausgefordert, mit der neuen Situation umzugehen“, erklärt Greiner. Und da setzt „TuSch“ an, hilft, Bewältigungsstrategien für die neue, ungewohnte Situation zu finden. „Trennung muss gestaltet werden“, sagt Greiner – und da sind auch die Eltern gefordert, ihren Kindern einen sicheren Rahmen zu bieten.

Die Gruppe hilft den Kindern dabei, ihre Stärken zu entdecken, um diese in der veränderten Familienkonstellation zu nutzen. Bei der Gestaltung werden sie eingebunden. Flexibilität ist alles, denn jedes Kind hat andere Bedürfnisse. Und „Spiel, Action, Entspannung und Spaß“ kommen nicht zu kurz, so Greiner. Es gibt zudem feste Rituale, das so wichtige „ich weiß, was kommt“. Die Kinder sind zudem unter Gleichgesinnten. Sie merken im Austausch, dass sie nicht alleine mit ihren Gefühlen sind, erklärt Greiner.

Wer das erste Mal bei einem Treffen ist, kann selbst entscheiden, ob er dabei bleiben oder das Ganze abbrechen möchte. „Unsere Aufgabe ist es, für die Kinder einen sicheren Rahmen zu schaffen, dass sie dazu in der Lage sind“, so Greiner. In jedem Fall können die Kinder darauf vertrauen, dass alles, was sie in den Treffen sagen, vertraulich behandelt wird. Denn es gilt die Schweigepflicht. „Sie können sich auf uns verlassen und vertrauen.“

Jugendamt: Kinder erleben die Konflikte der Eltern mit

Auch die Erziehungsberatungsstelle im Landkreis Rotenburg bietet Kurse zur Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung. Neuerdings fällt darunter auch ein Gruppenangebot für Sieben- bis Zehnjährige unter dem Titel „Scheidungskinder: Und was wird jetzt mit mir?“. Bei gemeinsamen Spielen und mit weiteren Angeboten lernen die Kinder ab dem 26. April neue Möglichkeiten kennen, um mit Krisen besser umzugehen.

Kinder erleben die Konflikte der Eltern, selbst wenn diese nicht offen ausgetragen werden, weiß Ulrike Helle, Leiterin des Jugendamtes. Sie spüren Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit, bis hin zu Wut. „Manche Kinder reagieren mit Rückzug, andere versuchen, eine sie selbst überfordernde Rolle als Vermittler zwischen den Eltern einzunehmen“, erläutert Helle. Dabei komme es häufig zu Verhaltensauffälligkeiten oder psychoreaktiven Störungen. Manche Kinder übernehmen auch nicht altersgemäße Verantwortung.

Nicht selten komme es vor, dass Kinder von ihren Eltern instrumentalisiert werden: Sie ziehen den Nachwuchs in ihren Konflikt hinein, erwarten Solidarität und Parteinahme. Das Kind möchte aber die Beziehung zu beiden nicht gefährden und findet sich in einer ausweglosen Situation wieder. „Das gegenseitige Abwerten der Eltern bereitet dem Kind zunehmend Schwierigkeiten bei der Identifikation mit den Eltern. Es entwickeln sich vielfach Selbstwertprobleme“, so Helle. Umso wichtiger sei es daher, in einer solchen Familienkrise eine gute, auf Respekt füreinander basierende Ebene zu finden, so die Leiterin. Denn dann seien die Kinder in der Regel auch in der Lage, die Trennung zu bewältigen und Strategien zu entwickeln, die Lebensphase zu meistern.

Die Beratungsangebote seien entsprechend sehr offen und flexibel aufgebaut, sodass Familien individuell auf ihrem Weg betreut werden können. Und: „In der Beratung werden Scheidungsfolgen weder pathologisiert noch verharmlost“, betont Helle. „Es gibt keine Scheidung ,zum Nulltarif‘. Eltern können aber durchaus entscheiden, wie hoch der Preis sein soll, den das betroffene Kind bezahlt.“ Dabei unterstützen die Beratinnen. Auch in den Schulen beispielsweise stehen Sozialarbeiter bereit, die Kindern in solchen Krisen unterstützen können. Auch wissen diese um Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, auf die sie Eltern und Kinder hinweisen.

Der sechsteilige Kurs findet jeweils dienstags von 15.30 bis 17 Uhr in den Räumen der Beratungsstelle statt. Anmeldungen und weitere Informationen unter 04761/ 9834543.

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