Rotenburger Gewerbetreibende: Kaum Publikum in der Innenstadt

„Tumultartige Reaktionen“: Notbremse birgt weiter Probleme

Ein Schild vor einem Geschäft erklärt, wie sich Kunden zu verhalten haben.
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Die Einzelhändler haben Vorgaben, an die sie sich halten müssen. Das verärgert dennoch viele Kunden.

Testpflicht für Babys und Kleinkinder, sonst kein Zutritt zum Geschäft? Laut Landesverordnung zur Notbremse ist dem so. Das sorgt aber in der Praxis für einige Probleme in der Rotenburger Innenstadt.

  • Testpflicht für jeden Kunden ohne Ausnahme sorgt für Unmut.
  • Einzelhändlern sind die Hände gebunden.
  • Testpflicht, auch für Kinder, Donnerstag Thema im Sozialausschuss des Landtags.

Rotenburg – Die Notbremse sollte vieles vereinheitlichen. Die Regeln für alle verständlich: Ausgangssperre in Hochinzidenzkommunen, einkaufen mit negativem Schnelltest und Termin, ausgenommen in Geschäften des täglichen Bedarfs, die Schulen machen größtenteils Distanzunterricht. Doch ganz so einfach ist sie nicht umzusetzen. Bereits zu Beginn der Woche zeichneten sich erste Probleme ab. Mitte der Woche wird es nicht besser. So sind Kinder in der Landesverordnung beim Thema Einzelhandel vergessen worden. Dürfen sie in die Geschäfte ohne Test? Viele Einzelhändler sagen – gezwungenermaßen – Nein, weil es keine klare Erlaubnis gibt. Und das, sagt Cornelia Gewiehs, Vorsitzende der Rotenburger IG City Marketing, „hat vor einigen Geschäften am Dienstag zu tumultartigen Reaktionen geführt“.

Der Einzelhandel in der Innenstadt kämpft in dieser Woche mehr als in den Wochen zuvor. Die Kunden bleiben aus, einige sind verunsichert, andere möchten einfach nicht auf diese Weise einkaufen gehen. Schon Anfang der Woche hegte Gewiehs die Befürchtung, dass die kommenden Tage wenig Umsatz bringen werden. „Nach der Notbremse haben wir kaum noch Publikum in der Innenstadt. Die wenigen, die noch kommen, werden zusätzlich verprellt, vor allem Menschen mit Kindern“, schreibt Gewiehs daher in einem dringenden Appell an Landtagsmitglied Eike Holsten (CDU). Sie fordert, dass etwas in der niedersächsischen Verordnung passieren muss – schnell. Andere Bundesländer hätten da bereits Änderungen eingefügt.

Ohnehin scheinen die Aussagen uneinheitlich, wird Einzelhändlern gespiegelt: Laut Auskunft des Gesundheitsamts gegenüber einer Kundin müssten, so wurde es Gewiehs berichtet, „nicht nur Erwachsene, sondern auch Kleinkinder und sogar Babys, die per Kinderwagen in den Laden geschoben werden, getestet sein“. Babys testen? „Da hört es auf“, sagt Gewiehs ganz deutlich. Und mit der Meinung steht sie nicht alleine da. Besonders prekär: Einer Kundin sei gesagt worden, sie könne ja auch zum Drogeriemarkt gehen für Spielzeug, da bräuchte sie keinen Test. „So eine Ignoranz gegenüber dem Einzelhandel erlebe ich selten“, so Gewiehs.

Es ist eine Situation, die für Eltern nicht tragbar ist. Zwar kennen Schulkinder mittlerweile das Prozedere, aber insbesondere Babys testen, das geht vielen eindeutig zu weit. „Das ist unverhältnismäßig“, sagt auch Timo Röhrs – als Privatmensch. Als Einzelhändler muss sich der Inhaber eines Spielwarengeschäfts jedoch an die Vorgaben halten, wenn er öffnen möchte – und sieht sich vielen wütenden Kunden gegenüber – an der Tür wie am Telefon. „Da wird teilweise schon nicht mehr zugehört.“

Röhrs handelt nach Verordnung und lässt niemanden ohne Test rein, egal wie alt. Damit handelt er erstmal richtig, sagt auch Eike Holsten. Das Spielwarengeschäft besuchen viele Eltern, gerne mit ihren Kindern. Seit zwei Wochen steht Röhrs daher in Kontakt mit Gesundheits- und Ordnungsamt, „aber da ist keine Ausnahme formuliert“. Auch der Spielwarenverband konnte nichts sagen, weil es je nach Bundesland anders gelöst wird.

Deswegen zieht Röhrs nach Tumulten am Dienstag seine Konsequenzen: Er öffnet für Publikumsverkehr vorerst nicht und bietet stattdessen Abholservice auf Vorbestellung an. „Reine Notwehr“, kommentiert Gewiehs. „Ich möchte keine Kunden weiter verärgern. Die zwei Tage waren das Schlimmste, was man hätte machen können für die Kundenbeziehungen. In unserem Laden gehören insbesondere Kinder zum Großteil unserer Kunden und sind, wie jeder andere, immer willkommen. Wenn mir verschiedene Stellen die gleiche Auskunft geben, dass es keine Ausnahme gibt, sind mir die Hände gebunden. Ich muss mich daran halten und darf ungetestete Personen nicht reinlassen“, sagt Röhrs.

Am Mittwochmittag merkt er an: „Die drei Stunden heute waren entspannt.“ Die Leute bestellen, holen sich ihre Sachen ab. Problemlos. Obwohl er öffnen dürfte per „Click & Meet“, könne er das nicht verantworten: „Diese Situationen vor dem Laden und die wütenden Reaktionen der Kunden haben mir die Entscheidung nicht schwer gemacht, meinen Geschäftsbetrieb vorerst freiwillig einzuschränken. Die zwei Tage brachten sehr viel negative Stimmung.“

Sehr negativ äußerte sich eine Kundin am Dienstag in der Altkreis-Gruppe bei Facebook, nachdem sie draußen bleiben musste. Der Post wurde von den Moderatoren gelöscht – rufschädigend, so die Begründung. Dennoch sah sich Röhrs veranlasst, in einer langen Stellungnahme etwas dazu zu sagen. Er spricht von „anstrengenden Tagen“, davon, dass es nicht darum gehe, niemanden in den Laden lassen zu wollen. Den Unmut könne er, selber Vater, sehr gut verstehen. Aber es geht um Gesundheitsschutz, um Verantwortung.

Viel positive Rückmeldung gab es daraufhin; ein klasse Statement sei es, sie machen das wunderbar. Balsam in einem solchen Moment. Und eben ob der Unsicherheit sei es aus unternehmerischer Sicht richtig, vorsichtig zu handeln, wird er bestärkt. Auch für den Landkreis ist es eine „unbefriedigende Situation“, so Sprecherin Christine Huchzermeier. Er setzt die Verordnung um, erlässt aber keine eigenen Regeln. „Der Landkreis hat keine rechtlichen Möglichkeiten, bestehende bundes- oder landesrechtliche Regelungen zu lockern. Diese könnten allenfalls verschärft werden.“ Dass darin keine Ausnahmen für Kinder formuliert sind, ist bekannt, dafür seien aber Bund oder Land zuständig.

Darüber wird in Hannover diskutiert, weiß Holsten. Die neue Verordnung ist am Donnerstag Thema im Sozialausschuss, dann geht es auch um den Punkt Kinder. „Es ist wichtig, jetzt zu klären, wie das geregelt wird. Es wird mit Nachdruck auf die Agenda gesetzt.“ Eine Frage ist auch, ob eine generelle Testpflicht unter einer Inzidenz von 100 eingeführt wird – „das halte ich nicht für zielführend“, so Holsten. Das würde es gerade Innenstädten wie der in Rotenburg schwerer machen. Schon jetzt gibt es Einbußen, verärgerte Kunden und damit unnötigen Stress.

Kommentar: Frust gegen Einzelhandel - ein bisschen mehr Ruhe

Die Einzelhändler haben es in diesen Wochen nicht leicht. Ständig neue Vorgaben und Verordnungen – es herrscht mitunter ein heilloses Durcheinander. Bei einem kurzen Besuch in einer Drogerie hörte ich am Dienstag in kurzer Zeit fünf Mal: „Sie müssen einen Wagen nehmen. Jeder von ihnen.“ Und mindestens fünf Mal gab es verärgerte Antworten oder Diskussionen. „Aber wir sind doch zusammen?“ Verständnislose Gesichter. Jeder Einzelhändler, mit dem ich gesprochen habe, kann den Frust der Kunden verstehen. Auch sie sind gefrustet. Aber sie können an der Situation nichts ändern. Wenn die Landesverordnung beispielsweise – was wirklich undurchdacht ist – Kinder an dieser Stelle nicht aufführt, müssen die Geschäftsleute handeln, wie sie es eben tun. Statt Verständnis in einer für alle Seiten schwierigen Lage zu haben, stürmen verärgerte Kunden die sozialen Medien und machen ihrer Wut Luft mit Äußerungen, die unter die Gürtellinie gehen? Das ist nicht fair, das ist frech. Die Einzelhändler handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Jetzt ist die Landespolitik gefragt, zu regeln – dringend und praxisnah. Und von den Menschen ist Verständnis gefragt, keine Anklage.

Von Ann-Christin Beims

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