Tschernobylhilfe Rotenburg bringt einmal jährlich Hilfsgüter nach Masuren

Hin zur Kehrseite

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Beim Entladen helfen alle mit.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Polen, das Musterland: Kaum in der Europäischen Union (EU), geht das Wirtschaftswachstum durch die Decke. Städte wie Warschau, Krakau, Danzig und Posnan boomen. Indes: Es gibt eine Kehrseite. Insbesondere alte und kranke Menschen leiden unter sozialer Not. Vor allem auf dem Land abseits der boomenden Zentren sind die Polen davon betroffen – so auch in Masuren.

Um die soziale Not zu lindern, fahren die Mitglieder der Tschernobylhilfe Rotenburg/Wümme einmal jährlich nach Angerburg, dem heutigen Wegorzewo, und nach Rastenburg. Die Stadt heißt seit 1945 Ketrzyn. Ein Team von acht Leuten war von Ende Juli bis Anfang August wieder vor Ort, um Altenheime, Schulen, Kindergärten und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zu beliefern.

Dass beim oftmals hochgelobten Nachbarn längst nicht alles Gold ist, was glänzt, haben die engagierten Mitglieder des kleinen Vereins bei ihrem aktuellen Einsatz wieder feststellen können. „Bei den großen Discountern, die wir auch hier haben, sind Lebensmittel teurer als in Deutschland“, sagt Pressereferentin Nicole Glitz noch immer ein bisschen fassungslos. Nach dem Beitritt zur EU hätten die Polen „westliche Preise, aber keine westlichen Einkommen“ bekommen, ergänzt sie.

Die Mitglieder des Vereins machen die Einkommens- und Preisschere an einem Beispiel deutlich: Selbst eine leitende Krankenschwester müsse dort mit einem Nettoeinkommen von 1250 Zloty auskommen. Je nach Kurs sind es umgerechnet zwischen 310 und 330 Euro. Eine gewöhnliche Krankenschwester kommt gerade einmal auf ein Gehalt von 220 Euro. Davon gehen allein 160 Euro für die Miete drauf. „Um Essen oder Kleidung zu kaufen, bleibt da nicht viel“, weiß Vereinskassenwart Rudolf Schwiebert.

Nicht gerade leicht haben es auch die Rentner. Die staatliche Einheitsrente in Polen liegt bei umgerechnet 350 Euro. Wer keinen Partner mit einem zweiten Einkommen hat, kommt ebenso wenig über die Runden. Wenn jedoch Frau und Mann Geld aus der Rentenkasse bekommen, geht es ihnen recht gut.

Diese Erfahrung haben die Rotenburger Helfer ebenso gemacht wie die Aktiven der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Verden, die seit vielen Jahren unter anderem nach Zielona Gora (Grünberg) fahren.

In jetzt zehn Jahren Engagement haben er und seine Mitstreiter immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass die Menschen im Nordosten des Landes sehnsüchtig auf die Hilfe aus dem Landkreis Rotenburg warten. Vor allem die Bekleidung geht weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Verteilt werden sie über die Sozialstation, und zwar in erster Linie an die Altenheime.

Mit einem von Oetjen Logistik gestellten Lkw mit Anhänger sowie einem Begleitfahrzeug haben die Helfer allein nach Angerburg unter anderem 284 Kartons Textilien, 32 Kartons Schuhe, 81 Kartons Bettwäsche, ein elektrisches Pflegebett, zwei Toilettenstühle und 16 Rollatoren mit Körben geliefert.

Ähnlich umfangreich sind die Güter für Rastenburg ausgefallen. Dazu zählen zum Beispiel 282 Kartons mit Textilien, 34 Kartons mit Schuhen, 84 Kartons Bettwäsche, ein elektrisches Pflegebett und 17 Rollatoren mit Körben. In einem extra gepackten Begleitanhänger haben die Rotenburger zudem Material für diverse Schulen mitgebracht.

Dass sie dieses Engagement überhaupt an den Tag legen können, sei in erster Linie der Spendenbereitschaft der Menschen im Landkreis zu verdanken, sind sich die Aktiven einig. Das finanzielle Risiko tragen die beiden Kreisgemeinschaften Angerburg und Rastenburg. Bis zum vergangenen Jahr war auch die Kreisgemeinschaft aus Lötzen mit im Boot.

Vor Ort sind es die Sozialämter, die für eine gerechte Verteilung der Hilfsgüter sorgen. Darauf legen die Mitglieder der Tschernobylhilfe wert. „Wir wollten nicht, dass nur die deutsche Minderheit profitiert“, sagt Kassierer Schwiebert. Beide Seiten, also deutsche Minderheit und Polen, sollten Nutznießer der Hilfe sein.

Dass die Rotenburger nicht mehr nach Belarus fahren, hat in erster Linie mit den bürokratischen Zollabfertigungen zu tun. Das wollten sie sich nicht mehr antun. Den Menschen in Polen etwas Gutes zu tun, sei viel einfacher.

Für ihre Aktionen sind die Mitglieder des Vereins auf der Suche nach Spendern. Die Bankverbindung lautet DE10 2415 1235 0026 4225 50, Kreissparkasse Rotenburg-Bremervörde. Weitere Informationen gibt es unter www.tschernobylhilfe-row.net im Internet.

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