Nach Diesel-Vorfall in Bellen

Transparenz nach zwei Jahren Schweigen

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Aus einer alten betriebseigenen Tankstelle und von einer Be- und Entladestation für Tankwagen rühren die Belastungen auf dem Exxon-Betriebsplatz her.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die markanteste Aussage: Schweigen. Die Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg lässt sich in ihrer ersten Sitzung nach der Kommunalwahl über die im Dezember bekannt gewordenen jüngsten Verunreinigungen auf dem „ExxonMobil“-Betriebsgelände in Bellen informieren.

Dieselkraftstoff und Bestandteile von Lagerstättenwasser waren dort schon vor Jahren in den Boden gesickert. Ende 2014 wurde das entdeckt. Ende 2016 wurde es publik. Warum so spät? Zunächst Stille. Es folgen verschiedene Erklärungsversuche. Dabei geht es, wie in der gesamten Debatte um Erdgasförderung, um daraus resultierende Belastungen und mögliche Zusammenhänge mit den erhöhten Krebszahlen in der Region in den vergangenen Jahren, oftmals um Zuständigkeiten. 

Wer hat wen wann informiert, wer hätte eingreifen müssen, wer muss tätig werden? Diesbezüglich scheint sich trotz der zugespitzten Debatte sowie der politischen und wirtschaftlichen Dimension der Gesamtsituation kaum etwas getan zu haben.

Versäumnisse in der Kommunikation

Mike Schreiter wirft das Wort „Transparenz“ in den Raum. Der 41-jährige Betriebsleiter für den Förderbetrieb Niedersachsen von RWE Dea mit Sitz in Langwedel-Holtebüttel (Kreis Verden) sieht viele Versäumnisse in der Kommunikation der vergangenen Jahre. Früher haben die verschiedenen Seiten „ihr Ding so nebenher“ gemacht, sagt er. Das müsse anders werden, davon seien aber noch viele Verantwortliche bei den Erdöl- und Erdgasunternehmen zu überzeugen: „Es gibt Zurückhaltung in der Unternehmensspitze.“

Immerhin war „ExxonMobil“ im Dezember selbst in die Offensive gegangen. Umwelt-Ingenieurin Daniela Davies, die neue Leiterin der Bellener Betriebsstätte, hatte über den Vorfall informiert, es wurden Gespräche mit den nächsten Anwohnern geführt. Der Kraftstoff und das Lagerstättenwasser im Boden rühren von einer betriebseigenen Tankstelle und von einer Be- und Entladestation für Tankwagen her, die in den 90er-Jahren aufgebaut wurden, seit fünf Jahren aber nicht mehr in Betrieb sind.

Boden wurde entsorgt

„Das Gebäude wurde Ende 2014 Stück für Stück zurückgebaut, und bei den Erdarbeiten wurde Dieselgeruch festgestellt. Daraufhin wurden 564 Kubikmeter Boden ausgekoffert und entsorgt“, so Hans-Hermann Nack von der Exxon-Unternehmenskommunikation. Nun sollen Rückstände aus dem Grundwasser gefiltert werden. „Die Technik steht bereit“, sagt Davies während der Sitzung im Rotenburger Kreishaus. Es fehlten nur noch letzte Ergebnisse, dann könne die auf ein Jahr geplante Maßnahme beginnen.

Soweit die Sachlage. Die wirft allerdings weitere Fragen auf, und die stellen die Mitglieder der Arbeitsgruppe. „Wir müssen kritisch sein“, sagt der neue Vorsitzende Hartmut Leefers (CDU), auch wenn man mit der Industrie „nicht im Kriegszustand“ sei. War das Problem also bekannt? „Wir wurden 2015 informiert“, sagt Gert Engelhardt, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau im Kreishaus. Eine Pflicht zur Information der Öffentlichkeit habe man jedoch nicht gesehen.

„Die Überwachung der Förderplätze obliegt dem Landesbergamt“, betont stattdessen Erster Kreisrat Torsten Lühring. „Die Behörde, die den Hut auf hat, bestimmt auch, wann informiert wird.“ Zudem sei man „im Fall Bellen“ vom Förderunternehmen „ExxonMobil“ darum gebeten worden, dass es selbst die Unterrichtung der Öffentlichkeit vornehmen wolle. Das sei ja schließlich auch geschehen. Ihre Aufgabe als untergeordnete Wasserbehörde habe man auch in diesem Fall voll wahrgenommen. Versäumnisse gebe es nicht.

Außenstelle des Landesbergamts ausgeschlossen

Die sieht das Landesbergamt bei sich auch nicht. Abteilungsleiter Ulrich Windhaus betont stattdessen, dass sämtliche Vorfälle in Niedersachsen auf der Homepage der Behörde veröffentlicht würden. Auch werde man künftig selbst aktiver in die Öffentlichkeit gehen, eine zusätzliche Pressesprecherin sei eingestellt. 

Dass das Landesbergamt allerdings wie gefordert eine eigene Außenstelle im Landkreis Rotenburg einrichtet, sei auszuschließen: „Die werden wir vom aktuellen Wirtschaftsministerium in Hannover nicht bekommen.“ Auch sei der jüngste Fall in Bellen kein außergewöhnlicher: „Wenn wir an alte Betriebsplätze herangehen, werden wir die Böden neu bewerten und auch viele Schäden sehen.“ Der heutige Maßstab sei ein anderer als vor Jahrzehnten.

Die Unternehmen Dea und Exxon, da ist man sich einig, sollen künftig Dauergäste in der Arbeitsgruppe sein. Der „kurze Draht“ helfe. Dea-Betriebsleiter Schreiter gibt zudem ein Versprechen mit auf den Weg: Künftig will das Unternehmen über die bisherigen, vereinfachten Mitteilungen zu Arbeiten an seinen Förderplätzen hinaus sämtliche eingesetzten und zu entsorgenden Chemikalien online veröffentlichen.

Ein Kommentar von Michael Krüger zum Fall:

Nichts gelernt - keine Infos

Sie haben offensichtlich nichts gelernt. Könnte mal jemand unsere Behörden im Landkreis und in Hannover darüber informieren, dass sich eine ganze Region sorgt, möglicherweise über Jahrzehnte von der Erdgasindustrie krank gemacht worden zu sein? 

Ende 2014 stellt „ExxonMobil“ unter einer alten Tankstelle auf dem Betriebsgelände in Bellen Schadstoffe fest. Die zuständigen Ämter werden entsprechend zeitnah informiert. Es folgt: Schweigen. Erst Ende 2016 wird zum Pressegespräch geladen. Nun mag das rein rechtlich in Ordnung sein und der Vorfall auch nicht so dramatisch, eher ein „Normalfall“ beim Rückbau alter Tankstellen. 

Angesichts der genau in diesem Zeitraum laufenden Debatte um mögliche Gründe für die erhöhten Krebszahlen in der Region ist das aber ein moralisches, menschliches Versagen. 

Die Behörden kungeln mit dem Unternehmen, das selbst sagen will, was los ist? Diese Aussage ist vor dem Hintergrund der Debatte kaum zu ertragen. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, beruft man sich auf Zuständigkeiten. Amtsschimmel par excellence. Die viel beschworene Transparenz bleibt ein Lippenbekenntnis.

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