Tour mit Hindernissen

Oliver Hartjen in voller Fahrt bergab.

Während die Radprofis sich bei der Tour de France noch über diverse Bergpässe quälen müssen, haben die Amateur-Fahrer der Tour Transalp 2019 („Europas größtes Jedermann-Rennen“) ihre Alpenetappen schon geschafft. Unter ihnen acht Teilnehmer aus unserer Region: 19 Pässe, 19 000 Höhenmeter, gut 800 Kilometer an sieben Tagen kreuz und quer über die Alpen. Aber ganz wie geplant lief es dann doch nicht.

VON MICHAEL SCHWEKENDIEK

Rotenburg – Apotheker René Große und Rechtsanwalt Oliver Hartjen aus Rotenburg hatten sich ein Jahr lang vorbereitet um die – nicht nur für Laien – schwierige Strecke zu meistern. Sie hatten in den Bergen trainiert, das Miteinander getestet, gecheckt, welche Verpflegung ihnen unterwegs am besten bekam – und dann das: vier Tage vor dem Start verletzt sich Große bei einem einfachen Haushaltsunfall am Fuß. Drei Sehnen gerissen, sofortige OP. An eine Radtour ist nicht mal im Traum zu denken. Damit platzt ein zweites Team, nachdem schon Mustafa Bacinovic, Arzt aus Rotenburg, verletzungsbedingt passen musste. Er ließ damit bereits einen Solisten zurück.

Glücklicherweise gibt es die Möglichkeit, auch alleine zu starten, was die Sache allerdings nicht einfacher macht. Doch die zwei Übriggebliebenen zu einem neuen Team zusammenzufassen, klappt nicht mal eben. So eine Fahrt im Duo muss eingeübt werden, da müssen nicht nur Mentalität, sondern auch Tempo und Kraft zusammenpassen. Somit bleiben also aus der Region drei Zweierteams und zwei Einzelfahrer, einer von ihnen Oliver Hartjen. Mit ihnen unterwegs: etliche hundert Hobby-Sportler aus fast 40 Nationen, unter anderen aber auch Annika Zimmermann, ZDF-Sportmoderatorin, oder Udo Bölts, ehemaliger Radprofi und Teammitglied von Jan Ullrich. Große lässt es sich nicht nehmen, im Begleitfahrzeug und Rollstuhl mitzufahren.

Bestes Wetter dann beim Auftakt in Innsbruck. Es geht durchs Stubaital über den Brenner nach Brixen in Südtirol. Die 40 Grad machen den an der Strecke stehenden Begleitern fast mehr zu schaffen als den Fahrern. Jörg Hansemann, Versicherungskaufmann aus Rotenburg, sorgt im Begleitfahrzeug dafür, dass Gepäck und Ausrüstung von A nach B kommen, die Hotelzimmer fertig sind und das erste Getränk nach den Tagesstrapazen bereitsteht. „Ein echter Luxus“, wie Hartjen bemerkt. Er freut sich, dass die erste Etappe so glatt lief und er auch als Solo-Fahrer zurechtkommt. Die Hitze beeinträchtigt ihn nicht besonders. „Keine Armschützer oder Beinlinge, keine spezielle Regenkleidung oder Hemden – immer nur das leichteste Trikot. Super!“

Happy am Ziel – alle haben es geschafft.

Die Euphorie schwindet allerdings schon am zweiten Tag. Die längste Etappe steht an. 143 Kilometer von Brixen nach Kaltern. Und schon recht bald kommt der erste richtige Berg, das „Penser Joch“, 2 211 Meter hoch. „Extrem anspruchsvolle Streckenführung, eine Katastrophe“, stellt Hartjen sehr bald fest. Er bekommt Krämpfe in beiden Beinen, schleppt sich das Joch hoch und mühsam wieder herunter bis Bozen. Da ist aber erst die Hälfte geschafft. Hartjen ist „alle, leer“, will nicht mehr. Aber schon steht der nächste Aufstieg an: „Welcher Perversling hat sich das bloß ausgedacht!?“ Er plant, den Berg auszulassen.

Man könnte auch „untenrum“ von Bozen nach Kaltern radeln – was allerdings den Ausschluss oder eine Zeitstrafe von vielen Stunden zur Folge hätte. Jan Ullrich, man erinnert sich, hat mehrfach ähnliche Durststrecken am Berg erlebt. Und genau da ist von besagtem Udo Bölts der Zuruf überliefert: „Quäl dich, du Sau!“ Hartjen quält sich tatsächlich auch den nächsten Berg hoch („Diese Etappe noch – dann ist Schluss!“) und kommt nach sieben Stunden in Kaltern an. Fix und fertig. Da warten seine Mitstreiter, seine Ehefrau Michaela und Jörg Hansemann, der „Tourmanager“. Gutes Essen, gute Nacht – und am anderen Morgen sitzt er doch wieder auf dem Sattel, genau wie seine Teamkollegen.

Es wird schöner. Die Stille auf den Berggipfeln berührt ihn, der Blick auf die Gletscher, und das gute Miteinander aller Fahrer zieht ihn mit. „Ein tolles Gemeinschaftserlebnis.“ Auch das Fahrerglück scheint Hartjen hold zu sein: Kein Sturz, keine Panne, keine brenzlige Situation. „Ich hatte Sonne in meinen Speichen“, zitiert er irgendeinen unbekannten französischen Radfahrer. Nach sieben Tagen der Blick von der letzten Passhöhe auf den Gardasee und das Ziel, Riva del Garda. „Unbeschreiblich!“ Hartjens Ziel war nicht, als Erster durch das Ziel zu rauschen. Er wollte „schöne Momente erleben“, den inneren Schweinehund besiegen und vor allem genießen. „Nach der Woche war ich richtig wehmütig“, stellt er fest. „Und im Nachherein war das Schlimmste die Rückfahrt mit dem Auto. 16 Stunden! Drei Stunden Vollsperrung der Autobahn bei 38 Grad.“

Irgendwann steht die „Transalp“ vielleicht noch einmal an. Sicher nicht im nächsten Jahr. Dazu ist die Vorbereitung zu anstrengend. Sein ursprünglicher Teamkollege René Große hätte aber noch „eine Rechnung offen“.

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