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Schock nach Polizisten-Tötung sitzt tief – auch bei der Rotenburger Polizei

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Von: Guido Menker

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Rotenburgs Polizeichef Jörg Wesemann befestigt einen Trauerflor an einem der Streifenwagen.
Rotenburgs Polizeichef Jörg Wesemann befestigt einen Trauerflor an einem der Streifenwagen. © Menker

Rotenburg – Der Schock sitzt tief. Auch bei der Polizeiinspektion in Rotenburg. Und zugleich macht sich Fassungslosigkeit breit. Zwei junge Polizisten sind am Montag in der Pfalz im Dienst erschossen worden. „Ich war und bin immer noch geschockt und fassungslos“, sagt Jörg Wesemann, seit November neuer Chef der Polizei im Landkreis Rotenburg.

„Solche traurigen Nachrichten seien anfangs immer von einem Informationsdefizit geprägt.“ Man malt sich aus, was möglicherweise vor sich gegangen ist“, schildert Wesemann, was die Nachricht vom Montag bei ihm ausgelöst hat. Zwei junge Polizisten sind in der Pfalz bei einer Fahrzeugkontrolle erschossen worden. Bundesweit trauern Polizisten um ihre Kollegen – auch im Landkreis Rotenburg sind die Polizeifahrzeuge mit Trauerflor unterwegs.

Angesichts dieser Nachricht kam Wesemann sofort die Tötung zweier Kollegen aus Holzminden Anfang der 90er-Jahre in den Sinn, sagt er: „Sie wurden damals von den sogenannten Jüschke-Brüdern per Notruf zu einem angeblichen Wildunfall in einen tödlichen Hinterhalt gelockt und hatten einfach keine Chance.“

In der Nacht zum Montag dieser Woche sind nun eine junge Kollegin, noch im Studium und Praktikum, und ihr nur ein wenig älterer Kollege durch rohe Gewalt zu Tode gekommen. „Ich habe im dienstlichen Umfeld ständig mit jungen Menschen im Polizeidienst zu tun, kommuniziere jeden Tag mit ihnen und bin ihnen sehr nahe und verbunden. Unser Sohn ist 22 Jahre alt und ebenfalls bei der Polizei“, erklärt Wesemann. Er stelle sich vor, was das im engen Kollegenkreis und vor allem auch bei den Angehörigen auslöst. „Wenn Sie die aktuellen Präsenzen in den sozialen Medien verfolgen, werden Sie zahlreiche Mitarbeitende der Polizei finden, die in ihren Status ein Polizeiwappen mit einem schwarzen Balken als Ausdruck der Trauer und tiefen Verbundenheit einstellen.“

Weniger Respekt gegenüber Polizeibeamten „ist tatsächlich auch hier zu spüren“

Der Respekt gegenüber Polizeibeamten nimmt immer mehr ab – auch im Landkreis Rotenburg, bestätigt Jörg Wesemann. „Das ist tatsächlich auch hier zu spüren. Viele Menschen vergessen derzeit wohl, dass hinter den Uniformen ja Menschen mit echten Gefühlen, Schmerzen und Sorgen stecken. Beleidigungen und Beschimpfungen gehen immer lockerer über die Lippen.“ Das sei wohl auch der zunehmenden „hatespeech“ in den sozialen Medien geschuldet.

„Viele Nutzer denken, sie könnten auf diesem anonymen Weg ungestraft pöbeln und Bedrohungen aussprechen. Es gibt ja kaum noch ein Forum, in dem ein sachlicher Beitrag oder eine Frage nicht – abseits von Sinn und Verstand – kommentiert und ins Lächerliche gezogen wird“, ist Wesemanns Erkenntnis.

Wir sind am Puls der Gesellschaft.

Polizei-Chef Jörg Wesemann

Da seien die aktuell andauernde Pandemielage und deren Auswüchse im Zusammenhang mit dem Versammlungsgeschehen auch bei uns im Landkreis vielleicht ein Indiz. Diese Grundhaltung bekämen Amts- und Mandatsträger, aber ganz besonders er und seine Kolleginnen und Kollegen tagtäglich zu spüren. „Unser Beruf ist geprägt vom direkten Umgang mit Menschen. Wir sind am Puls der Gesellschaft, und das ist nicht immer angenehm und ungefährlich.“ Die Hemmschwelle den Beamten gegenüber sei „ganz schön gesunken“. Da sei der Weg auch zum körperlichen Übergriff auf Polizisten und Rettungskräfte nicht unbedingt weit.

Wie aber lässt sich als Führungskraft den Kollegen die Angst vor allem vor schwierigen Einsätzen nehmen? Wesemann betrachtet sich als einen Teil des Führungsteams. „Wir Führungskräfte müssen zunächst dafür Sorge tragen, dass unsere Mitarbeitenden Vertrauen zu uns haben und sie mit ihren Sorgen und Ängsten zu uns kommen können.“ Dann könne man auch auf jede Kollegin und jeden Kollegen persönlich eingehen. Der Polizeiberuf sei auch ein Erfahrungsberuf.

Polizisten „haben einen klassischen Teamberuf“

„Während und nach Beendigung des Studiums lernt man immer weiter. In der Ausbildung werden die Mitarbeitenden nach einem Polizeitrainingskonzept im systemischen Einsatz geschult“, erklärt der Leiter der hiesigen Polizeiinspektion. Das gelte für das taktische Einsatzverhalten, die Ansprache des Gegenübers, die Anwendung auch körperlich wirkenden Zwangs bis hin zur Nutzung der Hilfsmittel und Waffen. „Wir haben einen klassischen Teamberuf, bei dem man lernen muss, sich auf andere zu verlassen und auf Kollegen aufzupassen“, sagt er. Je mehr Situationen trainiert werden, desto mehr verinnerlichten die Beamten auch ihr Vorgehen.

Und doch: „Auch das beste Training, die beste Ausbildung in Sachen Psychologie und Taktik, die beste Schutzausrüstung können meine Kollegen nicht zu 100 Prozent vor solch schlimmem Erleben, schwersten Verletzungen oder gar dem Tod bewahren.“ Ganz wichtig sei Wesemann daher auch, frisch erlebte Einsätze strukturiert nachzubereiten und im Bedarfsfall geschulte Kräfte zur psychosozialen Unterstützung heranzuziehen.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Rotenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

„Aus meiner Sicht haben wir den schönsten, abwechslungsreichsten und spannendsten Beruf überhaupt. Aber manchmal wird es auch sehr gefährlich.“ Er wünsche seinen Mitarbeitern, dass sie immer wieder gesund aus den Einsätzen zurückkehren und stets zufrieden auf ihre Berufswahl blicken. Letzteres gelingt Polizeichef Jörg Wesemann nach wie vor – und das auch trotz des Schocks: „Nach nunmehr 34 Dienstjahren stelle ich für mich persönlich fest: Jederzeit wieder!“

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