Tierische Einwanderer erobern Wald und Wiesen

Eine neue Heimat in der Rotenburger Natur

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Auch der Waschbär ist bei uns heimisch geworden.

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Abwechslungsreich ist die Landschaft im Kreis Rotenburg. Sie ist geprägt von Wiesen, Wäldern, Niederungen, Mooren und Dörfern mit nach wie vor bäuerlichem Charakter.

Für viele unbemerkt, wird das Umfeld vielfältiger: Die oftmals unberührt wirkende Natur wird durch Neuankömmlinge besiedelt. Durch Pflanzen und Wildtiere, die hier ursprünglich nicht zu Hause waren und bei denen fraglich ist, ob sie der hiesigen Landschaft gut tun. Neben den heimischen, wie Reh- und Schwarzwild, Fuchs und Feldhase, fühlen sich im Landkreis zunehmend vierbeinige Einwanderer wohl. Damit ist nicht der Europäische Grauwolf gemeint, bei dem es sich um einen Rückkehrer handelt. Gemeint sind eingewanderte und -geschleppte Tierarten, die im Landkreis normalerweise nicht vorkommen. Dazu gehören selbst Damwild und Wildkaninchen. Beide allerdings existieren schon sehr lange in Deutschland, wobei das Kaninchen deutlich die Nase vorne hat, da es – so ist es überliefert – in der Frühen Neuzeit nach Deutschland kam. Ursprünglich war es auf den größten Teil der Iberischen Halbinsel, Südfrankreich und Nordafrika verteilt. Da es so schon lange hier beheimatet ist, gilt es mittlerweile nicht mehr als artfremd.

Damwild ist weder in Deutschland noch im Landkreis lange heimisch. Im Landkreis Rotenburg wurden zwischen 1934 und 1940 knapp 60 Stück in den Forstorten Luhne und Trochel sowie im angrenzenden Landkreis Verden in Wedehof und Spange ausgewildert. Seitdem hat es sich stark vermehrt und sorgt in Land- und Forstwirtschaft mitunter für erhebliche Schäden. Der Landkreis Rotenburg hat in Niedersachsen, wenn nicht sogar bundesweit, den höchsten Damwildbestand. Im Jagdjahr 2013/14 wurden 2763 Stück erlegt oder durch Kraftfahrzeuge getötet – Spitze in Niedersachsen.

„Dama dama“, so der lateinische Name, kommt ursprünglich aus Vorderasien und wurde laut Literatur schon von den Römern eingeführt. In viele Gegenden Europas kam es, so auch in Deutschland, weil Landesherren oder Adelige weitere jagdbare Hochwildarten haben wollten.

Weitere Arten kamen auf anderen Wegen hierher: „Marderhund, Waschbär, Mink und Nutria wurden als Zuchttiere zur Pelzproduktion nach Deutschland gebracht. Die Flucht und Auslassungen aus Pelzfarmen sowie gezielte Befreiungsaktionen unter dem Deckmantel des Tierschutzes führten zu einer schnellen Etablierung und Ausbreitung dieser Arten. Gezielte Auswilderungsaktionen wie vom Waschbären verstärkten diesen Effekt. Bei den Besätzen von Kanadagans und Nilgans handelt es sich zumeist um verwilderte Parkpopulationen oder gezielte Ansiedlungen in der freien Landschaft“, heißt es im Jahresbericht der Landesjägerschaft Niedersachsen.

Einen eindrucksvollen Sprung nach oben zeigt die Auflistung beim Waschbären. Der anpassungsfähige Räuber – ebenfalls aus Nordamerika – tritt seit Jahrzehnten einen Siegeszug durch nahezu die ganze Bundesrepublik an. 1930 wurden erste Tiere in Nordhessen ausgesetzt. Waren es 2007/08 gerade einmal zwei Waschbären, die in der Statistik der Rotenburger Jagdbehörde auftauchten, waren es im abgelaufenen Jagdjahr (2014/15) 97 Stück. Im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes gelten die nachtaktiven Allesfresser mittlerweile ebenfalls als heimisch. Insgesamt 8414 erlegte Waschbären weist die Jahresjagdstatistik (2013/14) für Niedersachsen auf. Göttingen hat mit 1640 Stück die Nase vorne.

Der Marderhund, auch Enok genannt, fühlt sich schon länger hier zuhause. Sein natürliches Verbreitungsgebiet liegt ursprünglich zwischen Südost-Sibirien und Japan. „Der Marderhund wurde von 1929 bis 1955 im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion ausgewildert und vergrößert seitdem sein Verbreitungsgebiet über Europa“, heißt es von der Landesjägerschaft. Untersuchungen ergaben, dass der allesfressende Räuber nicht nur sehr reproduktionsfreudig ist, er erobert sich mit durchschnittlich 40 Kilometer pro Jahr weitere Habitate. 62 wurden 2014/15 im Landkreis entweder tot aufgefunden oder getötet, acht Jahre zuvor waren es elf und 1666 insgesamt in Niedersachsen im Jahr davor.

Nutrias, die in manchen Regionen bereits Probleme bereiten, erscheinen in der Kreisstatistik noch nicht, werden aber gelegentlich beobachtet. Der Nager kommt aus den subtropischen und gemäßigten Zonen Südamerikas, von Brasilien südwärts bis Feuerland. Der „Sumpfbiber“ ist an Wasser gebunden und wurde zwischen 1890 und 1930 als Pelztier exportiert. Wie bei anderen Pelztieren wurden sie aus ihren Käfighaltungen befreit, zum Teil aber auch entlassen.

Ebenfalls ursprünglich zur Gewinnung von Pelzen eingeführt wurde der Bisam um 1900 aus den USA. Von Böhmen aus breitete er sich über fast ganz Mitteleuropa an nahezu alle Gewässer aus. Die zu den Wühlmäusen gehörende Art verursacht große Schäden an Dämmen, Deichen und Ufer, in dem sie sie untergräbt und für teilweise großflächige Erosionen sorgt. 2014 wurden durch die amtlich bestellten Bisamjäger 4490 im Landkreis gefangen, 2013 waren es 4135 Stück, verrät der Jahresbericht 2014 der Landwirtschaftskammer.

Vom Menschen eingeführt und mittlerweile auf der ganzen Erde verbreitet ist die Wanderratte, die ursprünglich im nördlichen Ostasien heimisch war. Der Räuber verursacht große Schäden an Vorräten, aber auch an Fischzuchten, an Jungwild und Vogelgelegen. Neben der hohen Vermehrungsrate ist seine frühe Geschlechtsreife ein Problem. Außerdem gilt er als großer Krankheitsüberträger.

Zwei Neubürger, an denen sich die Geister scheiden, sind Nil- und Kanadagans. Letztere ist schön anzusehen und deshalb an sich in der Bevölkerung gerne gesehen. Seit gut 30 Jahren nimmt die Population zu. Davon abgesehen, dass sie in gänsereichen Regionen ein zusätzlicher Fresser und dadurch mitunter Schädling auf landwirtschaftlichen Flächen ist, ist Europas größte freilebende Gans unproblematisch. 111 Stück, 42 weniger als ein Jahr davor, landeten in der Bratröhre.

Anders sieht das mit der aus Ostafrika stammenden Nilgans aus. Sie ist sehr territorial und gegenüber anderen Wasservögeln sehr aggressiv. 128 dieser Halbgänse wurden im Kreis Rotenburg im vergangenen Jagdjahr erlegt, drei mehr als 2013/14.

Heimische Arten haben sich arrangiert, was das gegenseitige Fressen und Gefressen werden angeht. Die Wildtiere wissen, wer Feind und wer Freund ist, haben sich einschätzen und sich vor den herkömmlichen Beutegreifern in acht zu nehmen gelernt. Für viele Arten wie Niederwild und Bodenbrüter sind die Neuankömmlige nicht einzuschätzen. In manchen Regionen sorgen deshalb Marderhund und Waschbär für große Verluste bei Gelegen von Kiebitz, Brachvogel, Rebhuhn und Fasan – Vogelarten, die es in der heutigen Kulturlandschaft eh schon schwer haben.

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