Finanzielle Situation angespannt

Vielleicht nur noch ein Jahr: Tierheim auf wackeligen Beinen

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Silke Wingen ist seit dem Frühjahr Vorsitzende des Rotenburger Tierschutzvereins, der das Tierheim in Mulmshorn betreibt. Die Zukunft des Vereins steht allerdings auf der Kippe.

Mulmshorn - Von Guido Menker. Seit wenigen Monaten ist Silke Wingen Vorsitzende des Rotenburger Tierschutzvereins. Mit der Nachfolgerin von Regina Buchhop kommt aber ganz offensichtlich nicht jeder gut zurecht: Die zweite Vorsitzende Stephanie Klawitter ist nach nur wenigen Wochen zurückgetreten, vom bisherigen Mitarbeiter-Team im Tierheim in Mulmshorn ist niemand mehr übrig geblieben, und unter den Mitgliedern rumort es an so mancher Stelle.

Silke Wingen versichert im Gespräch mit unserer Zeitung, am Image des Vereins und des Tierheims arbeiten zu wollen – doch mit Antworten auf Pressefragen hält sie sich deutlich zurück. Und mit einer Einladung zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am 3. November dürften die Journalisten auch nicht rechnen.

Warum ist Klawitter zurückgetreten? „Sie hat mir gesagt, sie könne und wolle nicht mehr mit uns zusammenarbeiten.“ Warum sie aber aus dem Verein geworfen und sogar mit einem Hausverbot belegt worden ist, will Wingen nicht näher erläutern. „Das sind Interna“, sagt sie. Das Schreiben dazu liegt der Redaktion allerdings vor. Da ist von „Rufmord“ und vereinsschädigendem Verhalten die Rede. Stephanie Klawitter weist derartige Vorwürfe deutlich zurück.

Klawitter hatte ihre Gründe, aus dem Vorstand zurückzutreten. Das erklärt sie auf Anfrage. „Das waren die sechs anstrengendsten Wochen meines Lebens. Ich bin von Frau Wingen mit Nachrichten und Anrufen bombardiert worden. Alles richtete sich immer gegen Frau Buchhop. Das ging unter die Gürtellinie und war gemein.“ Wie Regina Buchhop ausgebootet worden sei, habe nichts mehr mit Anstand zu tun. Gespräche habe sie stets abgeblockt. Stephanie Klawitter geht noch einen Schritt weiter und stellt infrage, ob es Silke Wingen und ihrem Mann – der einzige in Vollzeit Beschäftigte des Tierschutzvereins – weniger um den Tierschutz und viel mehr um die eigenen Interessen geht.

Einzug in Wohnung im Tierheim

Silke Wingen und ihr Mann wollen in eine Wohnung im Tierheim einziehen. Der Mietvertrag läuft über ihren Mann. Sie und „der gesamte Vorstand haben diesen Vertrag beschlossen und unterschrieben“, erklärt Silke Wingen. Über die Höhe der Miete will sie nicht sprechen. Unsere Redaktion hat allerdings von mehreren Seiten der Hinweis erreicht, wonach nicht alle Mitglieder des Vorstandes diesen Vertrag unterschrieben haben.

Wenn Stephanie Klawitter von einer Konstellation um Silke Wingen herum spricht, die problematisch sei, hat das vielleicht auch damit zu tun, dass die Vorsitzende für sich in Anspruch nimmt, auch die Kasse des Vereins zu betreuen. Sie mache das, „weil es am effektivsten ist zurzeit“, erklärt Wingen auf Nachfrage bei einem Treffen im Büro des Tierheims.

Wenn sie sich um die Kasse kümmert, wird sie also auch Auskunft über den finanziellen Stand der Dinge geben können. Doch Silke Wingen nennt keine Zahlen und sagt nur so viel: „Die Situation ist angespannt.“ Geht es nicht etwas genauer? „Nein, mache ich nicht. Die Stellen, die das wissen müssen, sind informiert.“ Sie spricht von den Behörden, von den Mitgliedern und von den Vorstandskollegen. „Die Mitglieder bekommen alle Antworten – wenn sie fragen.“ Die Presse nicht.

Vermietung „bringt Geld“

Ohne konkret zu werden, spricht Wingen dann doch ein wenig über die Frage, wie es um den Verein bestellt ist. Unter den jetzigen Voraussetzungen – also ohne den Verkauf des „Gnadenhofes“ in Minstedt realisiert und die Fundtieraufnahme zurückbekommen zu haben – reicht es „vielleicht noch für ein Jahr“. Nicht zuletzt deshalb sei es auch um die Vermietung der Wohnung gegangen. „Das bringt Geld – und zwar ein Vielfaches von dem, was der Verein durch das Herbstfest oder den Gabentisch einnimmt.“ Es gehe dabei aber auch um die Nähe zum Tier, darum also, dass nachts ebenfalls jemand vor Ort ist.

Inzwischen muss übrigens auch Geld aus dem eigentlich zweckgebundenen Spendentopf für den bereits vor mehreren Jahren angedachten Tierheim-Neubau genommen werden. Das sei mit dem Landesverband abgeklärt, mit einer der beiden Hauptspender habe Silke Wingen bereits gesprochen. Das Geld wird also knapp. Deshalb hoffe der Verein, schon bald für Minstedt einen Käufer finden zu können, und deshalb könne von einem Tierheim-Neubau vorerst nicht mehr gesprochen werden. Aber: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Wingen. Weil die Kasse nicht mehr hergibt, baue der Verein bei der „intensiven Renovierung“ der Wohnung auf ehrenamtliche Helfer und Farb- sowie Materialspenden. Ähnlich sieht es auch bei der unter den Mitgliedern zum Teil sehr kritisch betrachteten Räumaktion auf dem Gelände des Tierheims aus. „Das einzige, was dabei Geld gekostet hat, war die Entsorgung des Mülls aus den vergangenen zehn Jahren“, erklärt die Vorsitzende. Man sei noch lange nicht fertig, es gebe noch reichlich Arbeit.

Tierheim will mehr Präsenz zeigen

Darüber hinaus will die Vorsitzende auch etwas für das Image tun und die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren, sagt sie. Viele Leute meinten, sie wussten gar nicht, dass es den Verein überhaupt noch gibt. Auf dem Tierheimgelände sei alles dunkel gewesen. Die Vorsitzende spricht von einem „ungepflegten Erscheinungsbild“. Jetzt räumt sie auf. Vielleicht so sehr, dass es hier und dort rumort im Verein. „Kann sein, dass es daran liegt, weil nicht mehr alles so gemacht wird, wie bisher“, so Wingen. Sie müsse zum Teil von Grund auf Dinge bearbeiten. Die Akten zum Beispiel seien zu sortieren und neu zu ordnen. Da fehlten klare Strukturen, auch bei den Rechnungen und den Unterlagen zu den laufenden Kosten. Und parallel will die Vorsitzende das Gespräch mit den Gemeinden und Städten im Südkreis suchen. Es geht um die Frage, ob der Tierschutzverein doch wieder die Aufnahme der Fundtiere übernehmen kann. Silke Wingen sieht darin einen vor allem finanziellen Vorteil. Denn: Mehr Tiere sorgten für mehr Fluktuation. So ließen sich mehr Menschen auf das Gelände holen, sagt Silke Wingen.

Ob der Tierschutzverein wieder einen Vertrag mit den Gemeinden über die Unterbringung der Fundtiere wird abschließen können, ist offen. Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD): „Das kann ich zurzeit nicht einschätzen, denn ich weiß nicht, welche Leistungsfähigkeit das Tierheim in Mulmshorn haben wird.“ Die Verträge mit der Arche in Brinkum seien jährlich kündbar. Weber: „Wenn die Leistungsfähigkeit in Mulmshorn hergestellt wird, kann man sich darüber unterhalten.“ Es sei also denkbar, dass der Tierschutzverein diese Aufgabe wieder übernehmen kann.

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Mehr Transparenz dient dem Image

Von Guido Menker

Mehr Transparenz dient dem Image

Die Vorsitzende des Tierschutzvereins rückt keine Zahlen heraus. Sie will die Presse nicht zur außerordentlichen Mitgliederversammlung einladen. Und nachdem ihre Stellvertreterin die Brocken hingeworfen hat, schmeißt sie diese aus dem Verein und belegt sie mit einem Hausverbot. Da kann leicht der Eindruck entstehen, dass sich die Vorsitzende eine ihrer Kritikerinnen vom Hals halten will. Nicht auszudenken, wenn diese bei der Mitgliederversammlung den Mund aufmacht. 

Silke Wingen hinterfragt zudem nicht, welche Wirkung ihre Doppelfunktion im Vorstand nach außen erzielt. Wenn die Chefin im Verein die Kasse unter ihre Fittiche nimmt, obwohl es eine klare Aufgabenzuteilung – abgesehen vom Vorsitz – im Vorstand eigentlich nicht gibt, kann durchaus von einer unglücklichen Konstellation gesprochen werden. Und eben die macht Nachfragen erforderlich. Antworten gibt es allerdings nicht. Schließlich ist im exklusiven Kreis des kleinen Vorstandes auch beschlossen worden, dass die Chefin mit ihrem Mann in die Wohnung im Tierheim einzieht. Das muss reichen, meint Silke Wingen. Basta! 

Diese Entscheidung hat aber ein Geschmäckle. Denn letztendlich hat die Vorsitzende einen Mietvertrag mit ihrem Mann unterschrieben. Da muss die Frage nach der Höhe der Miete erlaubt sein. Schließlich lässt die Vereins-Chefin die Wohnung von Ehrenamtlichen renovieren. Es klingt nach Großreinemachen, was Silke Wingen da in Mulmshorn veranstaltet. 

Es ist bekannt, dass neue Besen gut kehren. Aber sie wirbelt ganz offensichtlich so viel Staub auf, dass keiner mehr durchblickt. Da fehlt die Transparenz. Dafür zu sorgen, wird nun Aufgabe der Mitglieder sein. Und vielleicht entschließen die sich ja dafür, die Öffentlichkeit wieder mehr ins Boot zu holen. 

Gerade weil in den vergangenen Jahren viel Geld aus öffentlichen Kassen sowie aus Spenden beim Tierschutzverein eingegangen ist, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass der Blick von außen in den Verein nicht verstellt wird. Das gilt auch oder sogar vor allem, wenn aufgrund der finanziellen Probleme die Existenz des Tierschutzvereins weiter auf der Kippe steht. Da sollte man nicht auf Nachfragen warten, sondern öffentlich Initiative ergreifen. Und das wäre unter dem Strich auch gut für das Image.

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