Therapie für Patienten mit Behinderung: Hund und Mensch arbeiten zusammen

Lilly spornt zu ungeahnten Leistungen an

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Physiotherapeutin Claudia Miermeister versucht, mit gezielten Übungen Felix‘ Muskeln zu entspannen.

Rotenburg - Von Elisabeth Stockinger. Hunde kritisieren nicht, sie nehmen den Menschen so an, wie er ist. Im Gegenzug spüren Menschen – gerade diejenigen mit geistiger Behinderung – eine besondere Verbindung zu dem Tier. Davon ist Claudia Miermeister überzeugt. Die Physiotherapeutin betreut seit einem Jahr gemeinsam mit ihrer Cocker-Spaniel-Hündin Lilly in der Rotenburger Lindenschule Menschen mit Behinderung.

Lilly ist aufgeregt, die Cocker-Spaniel-Dame muss erst einmal ausgiebig schnuppern und begutachten. „Sie will Sie kennenlernen“, erklärt Physiotherapeutin Claudia Miermeister das Verhalten der Hündin, die schwanzwedelnd auf mich zugelaufen kommt. Für Lilly ist es an diesem Tag eine besondere Situation: Nicht nur, dass die Presse anwesend ist, sondern sie hat gleich zwei Patienten nacheinander, um die sie sich gemeinsam mit ihrem Frauchen Claudia Miermeister kümmern wird. Zwei Patienten, junge Erwachsene, mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Denn Lilly ist Therapie-Hündin. Zusammen mit ihrer Besitzerin Miermeister hat sie eine einjährige Ausbildung absolviert. Seit gut einem Jahr arbeiten sie in der Physiotherapie-Praxis der Rotenburger Werke gemeinsam.

Tim ist an diesem Morgen der erste, der mit seiner Gehhilfe, einem sogenannten Walker, die Praxis betritt. Der 21-Jährige ist gut drauf. „Ja! Ja!“, ruft er mir strahlend als Antwort entgegen, ob er Lust auf Training mit Lilly habe. Die Übungen sind zwar spielerischer Art – für Tim, der Gleichgewichtsprobleme beim Gehen hat, sind sie aber harte Arbeit. „Tim saß bis zu seinem zwölften Lebensjahr im Rollstuhl“, erzählt Miermeister. Durch jahrelanges Training haben sie es zusammen geschafft, dass Tim sich mit seinem Walker selbstständig im Haus fortbewegen kann. „Mit Lilly an der Leine schafft er es sogar manchmal mit wenig Hilfe, nur mit mir an seiner Seite, eine kurze Strecke im Raum zu gehen“, berichtet die Physiotherapeutin weiter. Das ist das Ziel der Hunde-Therapie: die Patienten stetig zu ungeahnten Leistungen anzuspornen.

Für Tim beginnt die Einheit mit Gleichgewichtsübungen. Er ist gefordert, auf einem Bein vor einer Therapieliege zu stehen, auf der er sein Spielbein ablegen darf, und für Lilly eine Leckerei bereitzulegen. Während einer anderen Übung steht er frei im Raum, mit zitternden Beinen, sich ständig ausbalancierend, in der Hand eine Schnur, an der ein Hundekeks hängt. Das andere Ende hält Miermeister fest. Die Hündin beäugt jede Bewegung des jungen Mannes, wartet geduldig ab, auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Erst auf Miermeisters Zeichen hin schnappt sie sich den Keks. „Lilly ruft bei Tim eine große Motivation hervor, seine Motorik wird wesentlich besser geschult“, erklärt die Physiotherapeutin. Nach zehn Minuten hat Lilly Pause, länger am Stück darf sie nicht im Einsatz sein. Denn die Therapie-Arbeit stellt für den Vierbeiner eine hohe Belastung dar. Als Ausgleich darf sie normalerweilse mit dem Ball spielen oder sich eine Runde schlafen legen. Doch heute nicht, auf sie wartet mit Felix schon der nächste Patient.

Tim verabschiedet sich, er muss zur Arbeit in die Tagesförderstätte. Doch zuvor zeigt er mir noch stolz eine Bilderwand mit Fotos von sich und Lilly. Der 20-jährige Felix hingegen kann nicht laufen, er sitzt im Rollstuhl. Felix ist schwerst mehrfach behindert, er hat eine sehr seltene Krankheit. Lilly scheint zu spüren, dass sie diesem Patienten besondere Fürsorge und Aufmerksamkeit zukommen lassen muss. Schwanzwedelnd umkreist sie Felix‘ Rollstuhl, schnuppert behutsam an seinen Beinen und legt sich schließlich ganz vorsichtig neben den jungen Mann auf die Behandlungsliege. „Felix hat eine sehr feste Muskelspannung“, erzählt Miermeister. Ihre Aufgabe ist es, die Muskeln etwas zu lockern. Dies geschieht mithilfe von Reizen, die die 47-Jährige durch gezielte Übungen auslöst – oder eben durch Lilly. Die Hündin legt sich mit ihrem Gewicht auf Felix‘ Brust, sofort wird die Atmung des 20-Jährigen, der im Halbschlaf etwas heftiger atmete, gleichmäßiger und ruhiger. Die Hündin gebe dem jungen Mann eine gewisse Ruhe, durch ihre Wärme und Weichheit schaffe sie es, dass sich seine Muskeln lockerten.

Als die Einheit eigentlich schon beendet ist, wacht Felix auf. Das bemerkt Lilly, die Hündin bleibt einfach neben ihrem Patienten liegen und legt ihm die Pfote auf den Arm. „Du bist mir ja eine“, rügt Frauchen Miermeister schmunzelnd. Sie ist sich sicher, dass Felix – auch wenn er schläft – in seinem Unterbewusstsein spürt, dass Lilly da ist. Doch dann hat die Hündin endgültig Feierabend, darf nach draußen und erst einmal frische Luft schnappen und herumtollen.

Die tiergestützte Therapie sei ein aufstrebender Zweig im Gesundheitswesen, erklärt Miermeister am Ende. Leider gebe es noch keine einheitlichen Richtlinien für die Ausbildung. Diese seien aber in Arbeit. Die Physiotherapeutin selbst ist vom Erfolg der Therapie überzeugt. „Die Wahrnehmung der Patienten ist eine vollkommen andere, wenn ein Hund dabei ist.“ Gerade bei Felix habe sie es wieder gesehen. Seine Muskelanspannung habe nachgelassen, die Atmung sei ruhiger geworden. „Dann weiß ich, dass wir bei ihm angekommen sind.“

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