An der Theodor-Heuss-Schule gibt es ein Projekt zum Thema Sexualität

Schwangerschaft? Verschoben!

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Mit einem Scanner liest Renate Bornemann nach dem Wochenende, an dem die Jugendlichen die Puppe mit nach Hause nehmen und verpflegen müssen, die Daten aus. Sie geben Aufschluss darüber, ob und womit die Achtklässler Probleme hatten.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Das erste Mal Sex zu haben, ist für junge Menschen häufig eine Schlüsselstelle auf dem Weg zum Erwachsenwerden – viele von ihnen denken, sie wüssten schon alles über Verhütung und Co. Dass das nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, soll den Achtklässlern der Theodor-Heuss-Schule (THS) in Rotenburg ein Projekt vor Augen führen.

Zwar haben die Jugendlichen schon im Biologie-Unterricht Grundkenntnisse gelernt. Das Projekt am Montag geht aber noch darüber hinaus, berichtet Schulsozialpädagogin Renate Bornemann, die federführend dafür verantwortlich ist. „Es geht um die Themen drumherum – Gefühle und Gedanken dazu“, erklärt sie. Dazu kooperiert die Schule mit anderen sozialen Einrichtungen und Institutionen.

Schon seit mehr als fünf Jahren bietet die THS das Projekt an. Den Ausschlag hatte es gegeben, als gleich vier Schülerinnen in der 8. Klasse schwanger waren. Deshalb habe man sich dazu entschlossen, über den normalen Aufklärungsunterricht hinaus etwas anzubieten. „Die Jugendlichen sollen sich angenommen fühlen und herausfinden, wie vielschichtig Sexualität ist.“ Die Erfahrung hat Bornemann gezeigt, dass die Schüler vorab häufig sagen, dass sie so etwas nicht brauchen. „Da heißt es dann: Das wissen wir alles schon. Und hinterher sind sie überrascht, was sie eben alles nicht wissen.“

Für die 14- bis 16-Jährigen gibt es verschiedene Workshops, alle bis auf einer richten sich entweder an die Jungen oder an die Mädchen. Thema bei den Mädchen ist zum Beispiel „Grenzsetzung“. Darüber klärt Charlotte Liehl von der Beratungsstelle Wildwasser in Rotenburg auf. Vor allem soll es um die Grenze in Sachen Sexualität gehen. „Mädchen fällt es schwer, ein deutliches Signal zu geben, wenn sie das nicht möchten. Sie kichern dann oder drehen sich weg“, so Bornemann. Das sei bei sexuellen Übergriffen ein Problem, wobei der männliche Gegenpart hinterher häufig behaupten könne, dass das Mädchen nicht „nein“ gesagt habe.

Im zweiten Angebot für Mädchen klären die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rotenburg, Brigitte Borchers, und Dörte Schnakenberg vom Frauenhaus Zeven über Frauenbilder auf. Es gehe dabei vorwiegend um die Frage, wie sie als Frau ihre Sexualität erkunden können, ohne direkt dafür verurteilt zu werden. „Für viele ist es die schlimmste Beleidigung, eine Schlampe genannt zu werden“, so Bornemann. Es sei immer noch in den Köpfen verankert, dass „Jungs sich die Hörner abstoßen dürfen, Mädchen nicht“.

Für die Jungen ist Jan Göttsche von der Sozialpädagogischen Familienförderung („SoFa“) zu Gast. Sein Workshop trägt den Titel „Mein Körper und ich“: „Im vergangenen Jahr haben die Schüler Jan Göttsche regelrecht aufgefressen. Sie wollten viel von ihm wissen.“

Den anderen Workshop leitet Sozialpädagoge Detlef Lehmann. Er klärt über die Verhütungsmythen auf, zum Beispiel, dass am Anfang und am Ende des weiblichen Zyklus’ „nichts passieren kann. Diese Mythen sind immer noch weit verbreitet“, sagt Renate Bornemann. Und das, obwohl die Möglichkeiten, sich darüber zu informieren, groß sind.

Bornemanns eigener Workshop trägt den Titel „Baby-Bedenk-Zeit“, daran können allerdings nur maximal drei Jugendliche teilnehmen. Das Angebot steht dafür beiden Geschlechtern offen. Jeder von ihnen nimmt schon morgen Nachmittag eine Puppe mit, die wie ein Baby aussieht und ähnliche Bedürfnisse hat. Bornemann gibt den Jugendlichen vorab eine Einführung, einerseits technischer Natur – also wie die Puppe funktioniert – andererseits über die Realität: Was braucht ein Baby?

„Nach ein paar Stunden schalten sich die Attrappen ein“, erklärt die Schulsozialpädagogin. Wenn es etwas möchte – Nahrung, eine neue Windel, gewiegt werden oder aufstoßen –, dann macht sich das Baby bemerkbar und wird immer lauter. „Die ‚Mutter‘ oder der ‚Vater‘ muss dann herausfinden, was das ‚Baby‘ braucht“, so Bornemann. Am Sonntag schalte sich die Puppe von alleine wieder aus. „Damit die Jugendlichen zumindest eine Nacht durchschlafen können“, sagt Bornemann und lacht.

Die Attrappe sammelt die Daten über das Wochenende, sodass die Schulsozialpädagogin am Montag diese per Scanner abruft. „Dann können wir herausfinden, wie es gelaufen ist“, erklärt sie. Meist sei den Schülern die Anspannung durch das anstrengende Wochenende schon anzumerken, denn nicht immer merken sie, was das Kind benötigt.

Vor allem bei Mädchen führe das Experiment zu einem Umdenken. „Sie sagen sich: Ich habe mit einem Hauptschulabschluss kaum Chancen. Da kann ich lieber jetzt ein Kind bekommen, dann habe ich eine Aufgabe und bekomme Anerkennung.“ Nach dem Wochenend-Experiment nähmen viele wieder Abstand von dieser Idee, wollten doch lieber erst einmal eine Ausbildung machen, so Bornemann. „Genau das ist es, was wir erreichen möchten“, sagt sie. Es gehe nicht darum, dass die Jugendlichen gar keine Kinder wollen, sondern „sich darüber bewusst werden, auf was sie sich einlassen“.

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