Theateraufführung über familiären Auswirkungen eines Nazi-Verbrechers

Entscheidung bleibt offen

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Der sensible Michael wird von Marianne verbal attackiert.

Rotenburg - Das Theaterstück „Die Reise nach Jerusalem“, das am Donnerstagabend im Auditorium des Rotenburger Kantor-Helmke-Haus aufgeführt wurde, bezog sich nicht, wie man vom Titel her zunächst vermuten könnte, auf ein Spiel während eines lustigen Kindergeburtstags. Ganz im Gegenteil: Die drei Protagonisten auf der Bühne stellten auf eindrucksvolle Art und Weise dar, welche Konflikte innerhalb einer Familie entstehen können, wenn ein Mitglied aktiv als Nationalsozialist und Mörder am Holocaust beteiligt war. Am Ende sind die Probleme geblieben.

Der Regisseur Hans König aus Bremen hatte die Schauspieler eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die Schauspieler Birgit Scheibe (Marianne), Julia Nehus (Nico) und Christoph Plünecke (Michael) stellten die Folgen des Holocaust von der Nazizeit bis heute erschreckend authentisch dar. Sie erhielten anhaltenden Beifall vom Publikum.

Die zwei Schwestern Marianne und Nico sowie der Bruder Michael treffen sich zur Beerdigung ihres Großvaters in Verden. Dabei decken sie ein Familiengeheimnis auf: Ihr Großvater war wesentlich als Mitglied bei den Einsatztruppen der Nazis an der Ermordung von vielen unschuldigen Menschen beteiligt.

Für sie ist es unbegreiflich, dass der nette Opa zwei Gesichter hatte und in der Vergangenheit ein grausamer Mörder war. Besonders Enkel Michael, der mit dem Großvater zusammengelebt und ihn bis zu dessen Tod gepflegt hatte, gerät in ein Chaos der Gefühle: Wie kann man jemanden lieben, der gleichzeitig ein Nazi-Verbrecher ist? Und eben dieser Konflikt wurde auf der Bühne verhandelt. Dabei ging es keinesfalls um Schuldzuweisungen, sondern darum, was in einem solchen Fall in einem Familiensystem passiert. Zudem bemerken die Geschwister plötzlich, dass ihr ganzes Leben bisher mit den Taten ihres Großvaters in irgendeiner Art und Weise zu tun hatte, ohne es bewusst wahrgenommen zu haben. Sie begreifen, warum ihr Vater sich ihrem Opa abgewendet hatte. Daraus resultierte unter anderem auch die charakterliche Instabilität Michaels. Irgendwie haben alle Familienmitglieder die Konsequenzen zu spüren bekommen.

Noch einmal öffnete sich der Vorhang, hinter dem sich die Vergangenheit verbarg. Bald erkannte das Publikum: Aha, das sind also die Zusammenhänge. Die bekannten und unbekannten Seiten der Familie wurden nach und nach erschreckend deutlicher. Im Testament hatte der Großvater verfügt, dass die Enkel eine Reise nach Jerusalem antreten sollen, um dort einen Koffer an der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem abzugeben. Damit wollte er, der sein ganzes Leben lang mit den Verbrechen gelebt hat, alle Schriftstücke und Beweise der Gräueltaten nach Israel schicken. Zudem sollen sie dort einen Scheck über eine halbe Million Euro aus der Erbmasse übergeben. Nur wenn die Enkel seinen letzten Wunsch erfüllen, kann jeder von ihnen eine erheblich Summe Geld erben, hieß es im Testament.

Eine Art Reue zu zeigen? Mit dieser Klausel stürzt er die Enkelkinder in ein Dilemma und Entscheidungskonflikt. Schließlich geht es für die Erben auch um viel Geld. Am Ende des Stücks bleibt offen, welche Entscheidung die Enkelkinder treffen. Die zahlreichen Besucher waren also aufgefordert, ganz individuell eine eigene Entscheidung zu treffen.

go

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