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Digitale Herausforderung: Diako nimmt an Forschungsprojekt teil

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Von: Ann-Christin Beims

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Bringt die Digitalisierung den Pflegekräften eine Entlastung? Mit der Frage beschäftigen sich in den kommenden drei Jahren Julia Bringmann (3.v.l.) und Benjamin Henry Petersen (l.).
Bringt die Digitalisierung den Pflegekräften eine Entlastung? Mit der Frage beschäftigen sich in den kommenden drei Jahren Julia Bringmann (3.v.l.) und Benjamin Henry Petersen (l.). © Beims

Vergleichsweise früh hat das Rotenburger Diakonieklinikum die Digitalisierung gestartet – zu Beginn nicht immer zur Freude aller Mitarbeiter, die den Neuerungen teils skeptisch entgegensahen. Doch der Weg zahlt sich aus: Das Diako ist Teil eines besonderen Forschungsprojekts.

Rotenburg – Digitale Patientenakten, Online-Terminvergabe, Patientendaten am Bett per iPad abfragen: Davon träumen viele Krankenhäuser noch. Im europäischen Vergleich stehen deutsche Kliniken schlecht da, wenn es um Digitalisierung geht. Abhilfe schaffen soll ein Investitionsprogramm im Zuge des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG). Einige Kliniken fangen mit den Mitteln jetzt bei null an, andere sind weiter. Dazu zählt das Rotenburger Diakonieklinikum, das aus diesem Grund Besuch von einem Forschungsteam der Humboldt-Universität Berlin bekommen hat.

Das Diako steht im Ranking im oberen Bereich. „Mit an der Spitze“, nennt es Björn Müller, Projektmanager Digitalisierung. Denn der „EMRAM-Score“, der den Digitalisierungsgrad misst, liegt bei sechs von sieben. Nicht mal zehn Krankenhäuser von 1. 900 in Deutschland erreichen diesen Grad – eine ernüchternde Zahl. Der Durchschnittswert lag in Deutschland vor einigen Jahren bei 2,3. „Daran hat sich bis heute nicht viel verändert“, weiß Müller.

Aufgrund von Finanzierungslücken sei nicht viel passiert. Erst jetzt, mit der Bereitstellung von 4,3 Milliarden Euro, gibt es die Möglichkeit, lange Vernachlässigtes voranzutreiben. „Corona hat eine Beschleunigung gebracht, trotzdem ist die Lage politisch noch träge“, so Müller.

Sechs Millionen Euro gibt es für Rotenburg. Für Prozessstrukturen, „die uns wesentlich nach vorne bringen“, so Pflegedirektor Olaf Abraham und denkt an Medikamentenbestellung per Roboter beispielsweise. Was im Umkehrschluss nicht bedeute, dass Mitarbeiter verzichtbar werden. „Pflege ist eine empathische Tätigkeit. Am Ende des Tages sind die Mitarbeiter nicht ersetzbar“, sagt Benjamin Henry Petersen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sozialwissenschaften.

An diesem Punkt kommt die Forschungsarbeit „Vernetzte Klinik – entlastete Pflege?“ ins Spiel. „Ziel ist es, zu sehen, in welchen Situationen Beschäftigte be- oder entlastet werden und von den Vorreiterkliniken zu lernen“, erklärt seine Kollegin Julia Bringmann. Bringt mehr Technik mehr Arbeit? Welche Schwachstellen gibt es?

Dazu waren die beiden für eine Woche im Diako und haben Interviews geführt – mit Pflegefachkräften, Mitarbeitern des Medizincontrollings, dem Beauftragten für das KHZG, der Pflegedirektion und der Geschäftsführung. Sie waren in der Notaufnahme, der Gefäßchirurgie und auf der Intensivstation. „Das waren spannende Einblicke“, meint Bringmann.

Mitarbeiter transparent einbinden

Nicht nur für die Uni-Mitarbeiter: „Es ist spannend, zu sehen, ob die Digitalisierung entlastet oder nur zu einer Verschiebung führt“, merkt Müller an. Er weiß auch um die Probleme. IT-Sicherheit ist ein Schlagwort: Kliniken arbeiten mit Patientendaten – und viele Patienten hegen Befürchtungen, was den Umgang damit angeht.

Digitalisierung ist eine Herausforderung. Wichtig ist, so Bringmann und Petersen als erstes Fazit, dass die Mitarbeiter transparent eingebunden werden. Sie sind es, die damit arbeiten müssen. Zudem lasse sich das volle Potenzial nur bei genügend Personal realisieren – bekanntermaßen ein Problem. „Es gibt zu viele Aufgaben für die zur Verfügung stehenden Mitarbeiter“, fasst es René Schönfeld, Stationsleiter des Zentrums für Intensivmedizin, in nettere Worte.

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Hinzu kommt die Vernetzung der Software: innerhalb einer Station ebenso wie zwischen den Stationen. „Warum reduziert man das Angebot nicht auf ein System?“, fragt Schönfeld. „Das wäre vernetzte Klinik!“ Software-Anbieter lassen sich jedoch vieles extra bezahlen – zum Beispiel eine Art KHZG-Aufschlag. „Da besteht politischer Handlungsbedarf“, so Petersen. „Es braucht nicht die gleiche Software, aber sie müssten miteinander kommunizieren können. Das wird durch die Gewinnstrategie der Unternehmen verhindert“, ergänzt Bringmann.

Doch bei allen Herausforderungen ist für die anwesenden Pflegekräfte klar: Missen wollen sie die Fortschritte, bei aller Skepsis am Anfang, nicht, so Kathrin Liebner, stellvertretende Stationsleitung der Gefäßchirurgie, und Manuela Pakendorf, pflegerische Leiterin im Zentrum für Notfallmedizin.

Es ist die erste Phase eines Projektes, das bis 2025 angelegt ist. In dieser Zeit wird das Team weitere Kliniken besuchen. Mit diesen möchte das Diako in den Austausch gehen, merkt Abraham an. Ein Netzwerk aufzubauen ist auch im Sinne von Bringmann und Petersen. „Es ist keine Forschung für den Elfenbeinturm.“ Die Digitalisierung sei es letztlich auch, die das Diako als Arbeitgeber für viele interessant macht, zieht Bringmann ein weiteres Fazit. Doch eines steht am Ende noch offen im Raum: Die Anschaffung und Ausstattung im Zuge des KHZG ist eine Sache – aber wer ist für die laufenden Kosten wie Wartung oder Lizenzen verantwortlich? Es bleiben viele offene Fragen.

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