„Tag der Courage“ an den BBS: Auschwitz-Überlebende Erna de Vries erzählt

Auf einmal frei

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Auf Einladung der Schülervertretung, rechts stellvertretend für das Team Laura Drossmann, war Erna de Vries nach Rotenburg gekommen, um vom Holocaust zu berichten.

Rotenburg - Von Elisabeth Stockinger. Noch einmal im Leben die Sonne sehen – das war Erna de Vries‘ vermeintlich letzter Wunsch in jenen Tagen im so genannten Todesblock 25 des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz-Birkenau. Die damals 19-Jährige überlebte nur durch Zufall die anstehende Vergasung. Ihre Mutter aber kam ums Leben – unter welchen Umständen, das weiß de Vries bis heute nicht. Ihrer Mutter hatte die heute 92-Jährige beim Abschied versprochen, von den Gräueln des Holocaust zu erzählen.

Und das tat de Vries am Freitagvormittag in der Aula der Berufsbildenden Schulen Rotenburg (BBS). Die Schülervertretung hatte die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes eingeladen, am regelmäßig stattfindenden „Tag der Courage“ den Schülern ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Aufgewachsen in Kaiserslautern als Tochter eines Christen und einer Jüdin, berichtete de Vries von den Repressalien gegen die Juden, von den Anfeindungen in der Schule, von der Verwüstung ihres Zuhauses während der Pogromnacht im Jahr 1938.

Als ihre Mutter 1943 deportiert werden sollte, bestand die Tochter darauf, sie ins KZ zu begleiten. „Ich wusste, was Auschwitz bedeutete. Aber ich habe mir gesagt: ,Wo meine Mutter hingeht, da will auch ich hingehen.‘“ Die beiden Frauen wurden von den Aufsehern zur Arbeit angetrieben, aus einem mit Brackwasser gefüllten Fischteich mussten sie Schilf entfernen. „Auschwitz, das war Prügel, Hunger und Tod.“

Erna de Vries litt schon bald unter Infektionen, bei der nächsten Selektion wurde sie aufgrund ihrer eitrigen Wunden in den Todesblock verlegt – Vergasung am nächsten Tag, hieß es. Doch sie wurde verschont, als sogenannter jüdischer Mischling brachte man sie ins KZ Ravensbrück. Nach dessen Räumung im April 1945 schleppte sie sich mit den anderen Insassen zu Fuß bis Mecklenburg. Bis auf einmal am Horizont ein amerikanischer Truck auftauchte. „Da wusste ich, wir waren auf einmal frei.“

Beeindruckt verfolgten die BBS-Schüler die Ausführungen der 92-Jährigen. Da in der Aula natürlich nicht Platz für die gesamte Schülerschaft war, wurde der Vortrag per Lautsprecher in die Pausenhalle übertragen. Woher sie die Kraft nehme, von den Grausamkeiten der Nationalsozialisten zu erzählen, wollte eine Schülerin wissen. Das wisse sie nicht, so Erna de Vries. Aber so lange sie lebe, werde sie erzählen. Ihre Lebenseinstellung? „Niemals aufgeben!“ Sogar etwas Gutes habe Auschwitz für sie hervorgebracht: „Ich habe Beten gelernt.“ Hassgefühle gegenüber ihren Peinigern? „Nein, ich habe nie Hassgefühle gehabt. Ich habe zwar nie damit abgeschlossen, aber immer vorwärts geschaut. Ich bin dankbar, dass ich überleben durfte.“

Bürgermeister Andreas Weber (SPD) dankte de Vries für ihr Kommen. Gerade heute sei es wichtiger denn je, die Erinnerung an die damaligen Zeiten wachzuhalten. „Die nachfolgenden Generationen, wir, haben den Krieg schließlich nicht mehr erlebt.“ Dennoch gibt es laut Weber und de Vries Parallelen zu heute. Auch aktuell seien Menschen in Not, denen geholfen werden müsse. Weber: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in Rotenburg das gemeinsam schaffen.“

Die Schülervertretung, die den „Tag der Courage“ organisiert hatte, hatte einige Flüchtlinge eingeladen, die vor der Aula Kulinarisches aus ihren jeweiligen Heimatländern verkauften. Das kam an – und schmeckte offensichtlich. Gegen Mittag setzte sich schließlich ein Demonstrationszug in Bewegung.

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