Syrischer Journalist arbeitet an einer Mitarbeiterzeitung für das Jobcenter

Eine Aufgabe mit Ziel

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Mira Rudolph und Harald Glüsing unterstützen Imad Khaled Rahmeh bei der Erstellung einer Mitarbeiterzeitung für das Jobcenter des Landkreises Rotenburg. 

Rotenburg - Von Inken Quebe. Das Diktiergerät liegt griffbereit in der Nähe. Es könnte ja gleich ein Interview anstehen. Imad Khaled Rahmeh nimmt seine Aufgabe ernst, obwohl es „nur“ ein Ein-Euro-Job ist. Doch für ihn bedeutet das viel mehr. Es ist ein Anfang, den der Flüchtling aus Syrien macht. Rahmeh arbeitet derzeit an einer Mitarbeiterzeitung für das Jobcenter des Landkreises Rotenburg, und damit geht er auch seinem eigentlich erlernten Beruf als Journalist nach.

Sicher fühlt er sich noch nicht mit der deutschen Sprache. Trotzdem zeigt Rahmeh deutlich, wie glücklich er ist, mit Rotenburg schon beinahe eine neue Heimat und dort auch eine neue Aufgabe gefunden zu haben. Und wie dankbar er für die viele Unterstützung ist. „Unsere Flucht aus Syrien fand in Rotenburg ein glückliches Ende. Wir hatten überlebt, waren wieder zusammen, erhielten ein Dach über dem Kopf und hatten zu essen“, hat Rahmeh mit dem PC geschrieben und reicht den Ausdruck. Darüber stehen die Worte: „Mein erster Schritt in ein neues Leben: Deutsch lernen.“ Jobcenter-Leiter Harald Glüsing erklärt: „Er hat noch Probleme mit der Aussprache. Er traut sich noch nicht so richtig.“ Das soll sich mithilfe des Ein-Euro-Jobs ändern.

Möglich gemacht hat das Ganze das Jobcenter. Glüsing zählt in seiner Behörde inzwischen etwa 250 Menschen mit Fluchthintergrund im Leistungsbezug – mehr als 1.000 könnten im Laufe der Zeit noch dazukommen. Viel Arbeit: „Uns ist auch daran gelegen, dass diese Menschen so früh wie möglich eine Beschäftigung finden“, sagt Glüsing.

Eine Möglichkeit, das zu fördern, ist ein Ein-Euro-Job. Im Rotenburger Jobcenter hat es solche seit 2012 nicht mehr gegeben. Doch inzwischen gebe es eine andere Bedarfslage. So kam die Idee auf, solche Angebote wieder einzurichten. Und das auch nicht ausschließlich für Personen mit Fluchthintergrund. „Wir wollten das fair gegenüber Bestandskunden gestalten“, erklärt Glüsing weiter.

Jobcenter geht als Beispiel voran

Es sei aber schwer gewesen, überhaupt Anbieter zu finden, denn es dürfe keine reguläre Arbeitskraft dadurch verdrängt werden. Und Asylbewerber und Flüchtlinge dürften ohnehin nur in öffentlichen Einrichtungen wie bei Kommunen oder Landkreisen oder bei der Wohlfahrt arbeiten. So habe es nur einige wenige Ein-Euro-Jobber gegeben: „Wir waren finanziell auf mehrere Hundert vorbereitet.“

Im Juni sei dann schließlich Rahmeh bei Glüsing gewesen. „Er hat schon vorher viele Gespräche geführt, nur ist nie etwas Konkretes dabei herumgekommen“, berichtet der Jobcenter-Leiter. So habe man sich entschieden, mit gutem Beispiel voranzugehen und mit Rahmeh selbst für drei Monate als Ein-Euro-Jobber einzustellen. „Es ist schon länger ein großer Wunsch der Mitarbeiter, dass es eine solche Zeitung gibt“, erklärt Glüsing. Und so war mit Rahmeh als gelerntem Journalisten gleich der richtige Kandidat vor Ort.

Von der Arbeit zum Integrationskurs

Zu seinen Aufgaben gehört es also seit 1. Juli, mit den Mitarbeitern Interviews zu führen und daraus Artikel zu verfassen – alles auf Deutsch. Seine Interviewpartner sprechen langsam, deutlich und mit einfachen Worten, berichtet Mira Rudolph vom Jobcenter, die Rahmeh unterstützt. „Er nimmt sich dann das Wörterbuch und übersetzt“, sagt sie. Vor allem die Fachbegriffe wie „Bedarfsgemeinschaft“ bereiteten ihm Probleme. Zwei Stunden am Vormittag kommt Rahmeh dafür ins Jobcenter, hat ein eigenes Büro – das Türschild davor bezeugt es. Nach seiner Arbeit geht es dann in den Integrationskurs. „Herr Rahmeh ist sehr motiviert und fleißig“, berichtet Glüsing.

Wie sehr das stimmt, ist im Gespräch mit dem 58-Jährigen, der aus Damaskus stammt und im vergangenen Jahr nach Deutschland kam, zu spüren. In seiner Heimat habe er vor allem für das Fernsehen und das Radio gearbeitet – BBC und Al Jazeera zum Beispiel. Meistens habe er über Kultur berichtet, denn: „Die Kultur spricht zu allen Menschen“, sagt er auf Englisch. Aber auch über Politik habe er berichtet. Und er ist belesen – Schiller, Dilthey, Max Weber sind keine Unbekannten für ihn. Diese und andere Werke im deutschen Original zu lesen, „auch das motiviert mich“. Auch Rahmeh selbst ist Autor, hat zum Beispiel ein Werk über Anthropologie geschrieben, erzählt er. Vielleicht könne er seine Bücher eines Tages ins Deutsche übersetzen.

Er weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt. Eine Möglichkeit ist diese Mitarbeiterzeitung für das Jobcenter – eine Aufgabe mit einem Ziel. Und wer weiß, ob es für ihn dort sogar weiter geht. „Die Zeitung soll im September erscheinen“, so Glüsing. Dann werde man weiter sehen – eventuell könnte Rahmeh danach Informationsmaterial über das Jobcenter für Asylbewerber und Flüchtlinge erstellen. Glüsing sieht in Rahmeh Potenzial: „Er ist der Belesenste hier im Haus und hat viele Talente.“

Der Krieg in Syrien hat ihm zwar viel genommen – neben seinem Vater auch die Ehefrau und sein Haus –, doch Rahmeh, der seine vier erwachsenen Kinder mit nach Rotenburg gebracht hat, hat noch viele Pläne. Er möchte ein Buch über das Leben in Deutschland schreiben, sogar einen Film über die Kreisstadt drehen und am liebsten gleich eine Universität gründen. Man könnte ihn als Träumer abtun, doch irgendwie nimmt man ihm seine Vorhaben ab. Schließlich hat er einen Großteil des Weges nach Deutschland zu Fuß zurückgelegt – der schwerste Teil seines Lebens scheint hinter ihm zu liegen.

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