Der syrische Arzt hat es geschafft, seine Familie aus Aleppo nachzuholen

„Ich habe mich nie als Fremder gefühlt“

Alaa Kadoura kann seine Familie wieder in die Arme schließen. Seine Frau Mais und seine beiden Kinder Bisan und Ali sind vor drei Wochen in Rotenburg angekommen. Auch für sie war es schwer und gefährlich, aus Aleppo herauszukommen. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Es hat sich viel getan auf dem Campus Unterstedt. Dort gibt es nun einen kleinen Spielplatz mit großem Trampolin und einer Sandkiste. Wenige Meter weiter steht eine Schaukel, auf den Rasenflächen liegen Spielzeug, ein Ball sowie Roller Skates. Kinder vergnügen sich, und Erwachsene genießen die relativ milden Temperaturen für einen Plausch im Freien. Die Flüchtlinge, die auf dem Campus ein Zuhause gefunden haben, sind angekommen.

Sie lernen Deutsch, bemühen sich um ein Praktikum oder um einen festen Job. Alaa Kadoura gehört zu ihnen. Der 39-jährige Anästhesist kommt aus Syrien. Er ist eine Art Paradebeispiel dafür, wie Integration gelingen kann. Er spricht nach einem Jahr und neun Monaten nahezu perfekt Deutsch, ist auf dem Campus inzwischen als „Bufdi“ beschäftigt und voller Hoffnung, schon bald auch in seinem eigentlichen Beruf in Deutschland arbeiten zu können. Doch erst einmal ist ihm das gelungen, worauf viele andere der Flüchtlinge noch warten: Er hat endlich wieder seine Familie, seine Frau Mais, seine sechsjährige Tochter Bisan und den fünfjährigen Sohn Ali bei sich. Im Interview erzählt Kadoura über das Wiedersehen, wie es möglich geworden ist und wie die Zukunftspläne seiner Familie aussehen.

Herr Kadoura, Sie wirken heute sehr erleichtert, richtig glücklich. Warum?

Alaa Kadoura: Ja, ich habe jetzt keinen Stress und keine Angst mehr.

Was hat den Stress und die Angst ausgelöst?

Kadoura: Es war die Situation meiner Familie in Aleppo. Meine Frau und die Kinder waren im Krieg. Meine Frau musste täglich arbeiten, die Kinder zur Schule und in den Kindergarten bringen. Ich hatte Kontakt mit ihnen über WhatsApp. Täglich, um sicher zu gehen, dass sie die Kinder dort abliefert und dann zur Arbeit geht. Sie hat also geschrieben, wenn die Kinder sicher angekommen sind, sie selbst bei der Arbeit ist, wieder zurückfährt, die Kinder abholt und nach Hause gekommen ist. Das ist Stress.

Und worin genau bestand Ihre Angst?

Kadoura: Sie bestand darin, dass eine Bombe herunterfallen kann. Oder sie eine Kugel trifft.

Was hat Ihre Frau in Aleppo beruflich gemacht?

Kadoura: Sie ist technische Ingenieurin für Ernährung und hat an der Universität gearbeitet. Sie war mit Studenten im Labor, wenn es Wasser und Strom gab. Gab es kein Wasser oder Strom, machte sie mit ihnen Theorie.

Was wir hier bei uns aus Aleppo mitbekommen, macht es unvorstellbar, dass die Kinder noch in den Kindergarten und in die Schule gehen können. Ist das einfach nur Glück und Zufall?

Kadoura: Das war Glück, weil viele Schulen in Aleppo bombardiert worden sind. Wir hatten Glück, dass nichts passiert ist. Aber für uns ist das Lernen sehr wichtig. Ich kann die Kinder nicht zu Hause lassen. Wer Glück hatte, kommt wieder, wer kein Glück hatte, kommt nicht wieder. Das war aber nicht nur meine Angst, sondern das ist die Angst aller Menschen, die dort leben.

Sie selbst sind seit fast zwei Jahren in Rotenburg und waren von Anfang an einer derjenigen, die ihr Schicksal sofort selbst in die Hand genommen haben. Warum war es Ihnen so wichtig, hier aktiv zu sein?

Kadoura: Das ist mein Leben. Ich bin zu Hause aktiv, ich bin hier aktiv. Jetzt habe ich das Gefühl, besonders in Rotenburg, dass es mein zweites Zuhause ist. Hier baue ich mir alles von Neuem auf.

Genau damit haben Sie zunächst alleine angefangen. Wie schwer war es, zu wissen, dass die Familie immer noch in Aleppo ist, wo Krieg herrscht, Bomben fallen und geschossen wird?

Kadoura: Das zerreißt einen. Es ist ein schlechtes Gefühl zu wissen, ich bin in Sicherheit, aber sie sind es noch nicht. Das war am schwierigsten. Aber manchmal erinnerte ich mich an meinen Fluchtweg. Manche haben ihre Kinder auf diesem Weg verloren, Kinder sind ertrunken. Und dann denke ich: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, obwohl ich von da an ein Jahr und neun Monate ohne meine Kinder war. 

Die Flucht wäre für sie und meine Frau einfach zu gefährlich gewesen. Die Kinder waren damals vier und drei Jahre alt. Sie könnten nicht so lange und so weit laufen, nicht ruhig bleiben. Ich bin viel gelaufen, meine Flucht war richtig schwer, ich habe im Wald übernachtet. Es gab Regen, ich hatte manchmal acht, neun oder zehn Stunden nichts zu essen oder zu trinken. Das geht mit Kindern nicht.

Heute sind Sie „Bufdi“, Sie haben einen Job. Was machen Sie hier eigentlich auf dem Campus?

Kadoura: Sehr viel (lacht)! Meine Aufgabe ist es, den Leuten zu erklären, wie es in Deutschland funktioniert. Wie kann man besser lernen? Wie kann man schnell lernen? Wie kann man sich beruhigen? Wie kann man besser verstehen, wie das Leben hier funktioniert? Wie lässt sich eine Arbeit finden? Es ist hier nicht so wie bei uns zu Hause. Dort klopfe ich an die Tür und sage, dass ich eine Stelle brauche. „Ja, es gibt eine. Komm’ herein“, heißt es dann. Ich brauche keine Versicherung und keine Steuerklasse zu nennen. Hier ist es aber ein bisschen komplizierter. Sie sollen das verstehen, auch, wie wichtig es ist, Deutsch zu sprechen. Für sie ist das alles Neuland. Hier gibt es Gesetze. Ich darf mich mit meinem Nachbarn streiten, aber ich darf nicht aggressiv sein. Das zu vermitteln, ist eine meiner Aufgaben. Zusammen mit Dorothee Clüver und Rigbe Grube haben wir das geschafft. Das ist ein sehr gutes Ergebnis.

Wie haben Sie sich nach Ihrer erfolgreichen Flucht denn selbst beruhigt?

Kadoura: Das Gefühl, in Sicherheit zu sein, hat mich beruhigt. Denn in Aleppo war ich vier Jahre lang immer in Gefahr. Immer. 24 Stunden am Tag. Ich musste nachts ins Krankenhaus gehen, ich wusste nicht, was auf dem Weg passiert. Das war kein Leben. Ich wusste nie, wann ich gehe und wann ich zurückkommen werde. Jetzt habe ich feste Arbeitszeiten.

Jetzt ist endlich auch Ihre Familie hier in Sicherheit. Wie geht es Ihrer Frau, wie geht es den beiden Kindern?

Kadoura: Meine Frau kann es seit drei Wochen noch nicht richtig glauben, dass wir wieder zusammen sind – alleine. Denn in Kriegszeiten haben wir drei Jahre lang zuerst mit meinen Eltern und später mit ihren Eltern zusammen gewohnt. Jetzt sind wir vier wieder zusammen – als normale Familie. Gesundheitlich geht es ihr gut, sie ist eine starke Frau. Die Kinder hat sie sehr gut vorbereitet und ihnen gesagt, dass sie nach Deutschland an einen sicheren Ort fahren. Meine Tochter hat mich mal gefragt: „Warum sind wir nicht alleine? Wo ist unser Zuhause?“

Jetzt weiß sie, dass hier ist unsere Wohnung, und andere Kinder kommen zu Besuch. Darüber freut sie sich. Sie geht auch schon zur Schule. Die ersten zwei, drei Tage waren schwer. Jetzt geht es schon besser. In der Schule sind sie alle sehr nett und haben sie sofort akzeptiert. Sie liebt die Schule. Für meinen Sohn suchen wir jetzt noch einen Platz im Kindergarten.

Wie haben Sie es überhaupt geschafft, Ihre Familie nach Deutschland zu holen?

Kadoura: Tut mir leid. Mit Schmiergeld. Ich musste Geld bezahlen an die Soldaten, damit sie sie durchlassen. Insgesamt waren das 3 000 Euro. Sie sind mit einem Bus raus gekommen. Es gab einen Kleinbus mit zwölf oder 13 Plätzen. Die Leute haben alle bezahlt.

Wohin sind sie von Aleppo aus gefahren?

Kadoura: Weiter rauf in den Norden zur türkischen Grenzen. Dort mussten sie noch einmal Soldaten bezahlen, um die Grenze illegal zu überwinden. Legal geht das nicht. Diese Flucht dauerte drei Tage. In der Türkei ist sie dann zu einer Immigrationsorganisation gegangen, die ihr einen Termin beim deutschen Konsulat in Ankara gegeben hat. Und so ist sie dann mit dem Bus nach Ankara gefahren. 

Den Antrag, die Familie nach Deutschland zu holen, hatte ich schon vor einem Jahr gestellt. Die Genehmigung habe ich zwar kurze Zeit später bekommen, aber wir brauchten einen Termin beim deutschen Konsulat. Darauf haben wir fast ein Jahr gewartet. Zum Glück, es gibt Leute, die haben zwei Jahre und länger warten müssen.

Was passierte genau beim Konsulat?

Kadoura: Sie überprüfen alle Dokumente. Die von mir und die von meiner Frau. Sie stellen sicher, dass es meine Familie ist. Nach einer Woche haben sie dann das Visum bekommen.

Wie ging die Reise weiter?

Kadoura: Sie sind anschließend von Istanbul aus nach Hamburg geflogen. Dort habe ich sie dann abgeholt.

Wie viele Flüchtlinge auf dem Campus haben schon ihre Familien nachholen können?

Kadoura: Ich bin der Erste. Ungefähr zehn weitere Flüchtlinge wollen ihre Familien nach Deutschland holen.

Was berichtet Ihre Frau aus Aleppo?

Kadoura: Seit drei Monaten ist es dort ruhiger, aber vorher war es wirklich sehr gefährlich. Das Wasser gab es aus Brunnen. Lebensmittel gibt es, aber die sind sehr teuer. Die großen Probleme gab es mit dem Wasser und mit dem Strom.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Kadoura: Unsere Pläne? Wir werden weiter zusammen arbeiten und studieren. Ich habe alle meine Dokumente an die Ärztekammer geschickt. In ein oder zwei Monaten, denke ich, kann ich eine Prüfung machen. Wenn ich die bestehe, bekomme ich eine Arbeitserlaubnis als Arzt.

Möchten Sie denn hier in Rotenburg bleiben?

Kadoura: Sehr gerne. Eigentlich möchte ich Rotenburg nicht verlassen.

Warum?

Kadoura: Seit einem Jahr und neun Monaten bin ich jetzt hier. Niemals habe ich mich als Fremder gefühlt. Niemals. Nie bin ich von den Leuten schlecht behandelt worden. Wenn ich Hilfe brauche, finde ich sie auch. Mein Traum wäre es, hier im Krankenhaus zu arbeiten. Wenn es eine Stelle für mich gibt, nehme ich sie sofort. Mit meiner Frau habe ich schon angefangen, Deutsch zu lernen, auch sie möchte so schnell wie möglich arbeiten.

Das Leben hier auf dem Campus kennen Sie von Beginn an. Wie hat es sich in dieser Zeit entwickelt?

Kadoura: Es hat sich sehr gewandelt, es ist besser geworden. Zurzeit sind 80 Prozent unserer Bewohner in Integrationskursen, drei oder vier Leute sind in einer Berufsausbildung, und vier Leute haben auch schon Arbeit. Es ist viel passiert in den letzten Monaten. Es sind auch schon einige hier ausgezogen.

Wann wollen Sie hier ausziehen?

Kadoura: Wenn ich eine Arbeit habe – bis dahin bleibe ich hier und mache meine Arbeit als Bufdi weiter. Das liegt mir am Herzen. Anderen zu helfen, habe ich hier gelernt. Hier gibt es viele ehrenamtliche Leute. Einige kümmern sich um die Kinder, andere sind zuständig für Frauen, es gibt ein Café bei uns, einen Nähtag. Von ihnen habe ich viel gelernt. Das möchte ich weitergeben.

Denken Sie jetzt noch oft an Syrien, was geht Ihnen dazu durch den Kopf?

Kadoura: Ja, ich hoffe, dass der Krieg bald zu Ende geht. Und ich glaube, dass es bald passieren kann.

Woher nehmen Sie die Hoffnung auf den Frieden?

Kadoura: Ich kenne meine Leute. Sie sind nicht aggressiv. Und ich glaube, dass es nicht unser Krieg ist. Wir haben den nicht angefangen. Es ist ein Krieg der großen Staaten – in unserem Land.

Werden Sie einmal wieder nach Syrien zurückgehen?

Kadoura: Ich denke, ich bleibe hier. Dies ist ein freies, ein tolerantes Land. Deutschland respektiert Arbeit, und der Markt motiviert die Leute. Egal, woher sie kommen, wie sie aussehen, welche Religion sie haben. Am wichtigsten hier ist es, die Gesetze zu achten, die Sprache und Arbeit. Dann fühlt man sich zu Hause.

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