Schüler auf den Spuren der NS-Zeit

Suche nach den Vergessenen

Heinz Promann (l.) und seine Schüler auf dem Friedhof Lindenstraße. Acht Kinder von Zwangsarbeiterinnen wurden dort während des Nazi-Regimes begraben. Die BBS-Klasse fand ihre Grabstellen.

Rotenburg/Riekenbostel - Von Joris Ujen. Durch bewusste Vernachlässigung, mangelnde Hygiene und fehlerhafte Ernährung waren gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 28 Kinder der sogenannten „Kinderverwahranstalt“ Riekenbostel bei Kirchwalsede ums Leben gekommen.

Ihre Mütter waren Zwangsarbeiterinnen und brachten ihre Babys dort zur Welt, bevor sie wieder zu ihren Arbeitsstätten zurückkehren mussten. Acht Neugeborene wurden damals auf dem Friedhof Lindenstraße in Rotenburg begraben. Heinz Promann, Geschichts- und Elektrotechniklehrer an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg, begab sich auf Spurensuche nach den Grabstellen der vergessenen Kinder und spannte später auch seine Schüler mit ein. Die Ergebnisse ihrer Recherche sind ab Montag auf einer Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Friedhof Lindenstraße verewigt.

Der Ausgangspunkt für Promanns Interesse an dem kaum erwähnten Schicksal der Kinder war ein Gespräch mit Michael Quelle, einem Stader Lokalforscher, der seit mehr als 30 Jahren Kriegsgefangenengräber dokumentiert. Quelle schickte dem Lehrer seine gesammelten Dokumente zu. „Es hatte mich gereizt, dem nachzugehen“, erinnert sich der 63-jährige Lauenbrücker. Also begann Promann zuerst privat nach Hinweisen der Grabstellen zu suchen, angefangen beim Standesamt in Bothel und im Rotenburger Stadtarchiv. Aus den Sterbebüchern erfuhr er von den 28 verstorbenen Kindern aus der „Kinderverwahranstalt“. „Aber irgendwo mussten sie ja auch beerdigt worden sein“, dachte sich der Geschichtslehrer.

Nachdem er in Riekenbostel und Kirchwalsede in den Begräbnisbüchern der Kirchengemeinde keine Informationen fand, fragte er beim Friedhofsamt in Rotenburg nach, „da ja einige Kinder im Rotenburger Krankenhaus (Diakonissen-Mutterhaus) verstorben waren“. Der Friedhof Lindenstraße, zu der damaligen Zeit der einzige Rotenburger Friedhof, war bis Mitte der 50er-Jahre ein kirchlicher Friedhof, anschließend ein städtischer. Promann: „Die alten Akten wurden also von der Kirchengemeinde an die Stadtverwaltung abgegeben.“

Zufälliger Fund gibt endlich Antworten

Die Unterlagen aus der Zeit vor 1955 fand er dann schließlich auf Nachfrage „in einem fast vergessenen Karton in einem Abstellraum des Rotenburger Rathauses“, beschreibt er den eher zufälligen Fund, der für seine Mühen den Durchbruch bedeutete. Darin fand er die Begräbnisbücher von 1945 mit den acht der 28 verstorbenen Babys, einschließlich des Begräbnisdatums und des genauen Begräbnisortes auf dem Friedhof Lindenstraße. „Teilweise waren nur die Nachnamen mit Bleistift eingetragen, aber aufgrund der Standesamtsunterlagen war eine eindeutige Zuordnung möglich“, erklärt der Lauenbrücker. Der Anfang seiner Aufarbeitung war geschafft. „Die Archivarbeit war zuallererst für mich persönlich ein Erfolgserlebnis. Dann stellte ich mir die Frage: Wie können die Schüler davon profitieren?“ Also fragte er die 13. Wirtschaftsklasse, die er in Geschichte unterrichtete, ob sie überhaupt bereit dafür wären. „Die Schüler waren begeistert von der Idee“, so Promann. Anfang des Jahres begann die Klasse mit der Erarbeitung der Geschehnisse in Riekenbostel. Nach acht Wochen war die Arbeit vollendet. Unterstützung bekamen sie durch den ehemaligen Bildungsreferenten beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Lüneburg-Stade, Dr. Henning Pieper. „Das fanden die Schüler toll, dass auch jemand von außerhalb gekommen ist, um zu helfen“, blickt Promann zurück. Pieper habe sich die Arbeit der Klasse ganz genau angeschaut und auch Verbesserungsvorschläge geäußert. Der ehemalige Bildungsreferent sei so angetan gewesen, dass er Promann fragte, was er im nächsten Jahr vorhabe. „Ich möchte auf jeden Fall in der Aufbereitung der regionalen Geschichte weitermachen“, sagt der 63-Jährige, der bald in Rente gehe. Beim Feedback der Schüler meinte einer: „Es ist spannend, weil kaum einer darüber Bescheid weiß, aber wir es wissen und anderen weitererzählen können, wer kann das schon.“

Die Gedenktafel wird am Montag ab 12 Uhr auf dem Friedhof Lindenstraße eingeweiht. Auf ihr stehen dann informative Texte zur „Kinderverwahranstalt“ Riekenbostel und den verstorbenen Kindern, den Hintergründen der Zwangsarbeit sowie das Schicksal einer osteuropäischen Mutter, deren Tochter nach drei Monaten in Riekenbostel verstorben war.

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