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Lent ist kein Vorbild mehr: Kaserne braucht einen neuen Namen

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Für den nach Bonn ins Verteidigungsministerium wechselnden Standortältesten York Buchholtz (l.) könnte der Vorschlag für einen neuen Kasernennamen eine der letzten Amtshandlungen in Rotenburg sein. Bürgermeister Andreas Weber will sich an der Debatte vorerst nicht beteiligen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Lent ist Geschichte. Schon bald dürfte das Schild mit dem Kasernennamen von der Zufahrt zum Rotenburger Bundeswehrstandort an der Bundesstraße 71 abmontiert werden, nach 54 Jahren steht fest: Die Benennung nach dem Nachtjäger-Piloten der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg ist nicht mehr zeitgemäß. Das hat die Bundeswehr nach jahrelangen Debatten selbst entschieden. Die Reaktionen fallen jedoch verhalten aus – und einige Fragen bleiben offen.

Der Kreisverband der Linken war es, der öffentlich als erster jubelte. „Die Diskussionen der letzten Jahre nähern sich mit einer rationalen Entscheidung endlich dem Ende. Dennoch bleibt kritisch abzuwarten, welcher Name demnächst vorgestellt wird“, teilte der Kreisvorsitzende Stefan Klingbeil noch am Sonntag mit, nachdem die Rotenburger Kreiszeitung über die Mitteilung von Oberstleutnant und Standortältesten York Buchholtz beim Tag der offenen Tür berichtet hatte. „Ich bitte Sie alle, diese Entscheidung zu akzeptieren“, hieß es von Buchholtz am Sonnabend. Nach dem neuen Traditionserlass müsste Lent mit den Werten, die er vertreten hat, sinnstiftend in die heutige Zeit wirken. Dazu hätte Lent aktiv im Widerstand sein müssen. War er aber nicht.

Debatte bereits im November 2013 angestoßen

Man werde sich „mit der gebotenen Sorgfalt und Ruhe mit dieser Thematik beschäftigen“ und einen neuen guten Namen finden. Buchholtz selbst hatte nach der Veröffentlichung des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr im April beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam ein neues Gutachten zu Lent in Auftrag gegeben. Daraus resultierte die Empfehlung des Kommandos Heer zur Namensänderung. „Entscheidend ist nun, einen Namen zu finden, mit dem sich die Angehörigen des Standortes identifizieren können und der gleichzeitig den Richtlinien des Traditionserlasses Rechnung trägt“, heißt es von einem Sprecher der Rotenburg vorgesetzten Stelle der Panzerlehrbrigade 9 in Munster.

Angestoßen worden war die Debatte bereits im November 2013. Der Generalinspekteur des Heeres hatte die Benennung gerügt. Sechs Jahre nach der Übernahme von der britischen Rheinarmee, am 18. Juli 1964, hatte der Bundeswehrstandort den Namen Lent-Kaserne erhalten. Wenige Monate nach der Anregung der vorgesetzten Stelle, doch über den Namen nachzudenken, wurden die historischen Bilder von Lent im Kasernenbereich entfernt. Das „Lent-Zimmer“ wurde umgestaltet und in „Wümme-Zimmer“ umbenannt. In der Standortbroschüre tauchte der Namensgeber ebenfalls nicht mehr auf. Zudem wurden alle Angaben zu Lent von der Casino-Homepage entfernt. Auch war zu vernehmen, es habe intern schon einen neuen Namen für die Kaserne gegeben, doch die öffentliche Debatte in Stadt und Landkreis sei dazwischen gekommen. Der Kreistag und der Rotenburger Stadtrat positionierten sich mit großen Mehrheiten für die Beibehaltung des Namens,auch eine Befragung der Soldaten selbst führte zu diesem Ergebnis.

„Lent war eher kein Nazi“

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) hatte sich noch im April mit einem Brief an Buchholtz gewandt. Darin betonte er, dass der neue Traditionserlass nicht zu einer neuen Beurteilung führe. Auch heute sagt der Bürgermeister: „Lent war eher kein Nazi.“ Das hätten die historischen Studien ergeben, und das müsse so auch kommuniziert werden, um die Familie Lents in der Öffentlichkeit zu schützen. Weber schlägt vor, an das neue Kasernenschild eine Informationstafel anzubringen, die auf die Debatte um den alten Namen und die Erkenntnisse daraus hinweist.

Für Landrat Hermann Luttmann (CDU) ist klar: Die Entscheidung über den Namen wurde an höchster Stelle getroffen, und das bereits vor einiger Zeit. Seine Parteikollegin Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen habe schon im vergangenen Jahr in Reden eine Abkehr vom Namen Lent gefordert. Tatsächlich hieß es von ihr im Mai 2017 vor Reservisten: „Am Tor der Kasernen stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent. Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann.“ 

„Das ist jetzt Angelegenheit der Soldaten“

Kurz darauf ruderte das Ministerium allerdings wieder zurück – es sei keine „Vorfestlegung“, die Namen wären nur Beispiele gewesen. Nun also doch – und Luttmann hält die Entscheidung grundsätzlich für falsch. „Sie wäre nur anders ausgefallen bei einem Wechsel in Berlin nach der letzten Bundestagswahl.“ Auch der neue Traditionserlass hätte es hergegeben, am Namen festzuhalten. Jetzt müsse man mit dem Prozess leben. Luttmann: „Und ehrlich gesagt, haben die Soldaten und wir auch noch andere Sachen zu tun.“

Und nun? Aus der Kaserne heißt es, es sei nicht abzuschätzen, wie lange die Namensfindung, die dann „auf dem Dienstweg“ dem Verteidigungsministerium vorgelegt werde, dauert. Rotenburgs Bürgermeister will sich inhaltlich auch nicht an einer öffentlichen Debatte beteiligen. Weber: „Das ist jetzt Angelegenheit der Soldaten.“ Wenn die Entscheidung von diesen stehe, werde man das auch im Stadtrat diskutieren. Weber erwartet noch im September eine Entscheidung.

Kommentar von Michael Krüger

Das lange Zögern der Verantwortlichen

Viel ist in den vergangenen Jahren diskutiert worden, ob die Kaserne in Rotenburg weiter nach einem Nachtjäger-Piloten der Luftwaffe aus der Nazi-Zeit benannt bleiben darf. Es sind viele Argumente Pro und Contra Lent gefallen, historisch ganz auflösen ließ sich die Frage nie, wie der 1944 Verunglückte denn nun zum Deutschland der damaligen Zeit gestanden hat. Es blieben Zweifel, und allein diese hätten ausgereicht, um schon nach der ersten kritischen Auseinandersetzung eine Umbenennung auf den Weg zu bringen. 

Michael Kürger

Dass das erst jetzt nach fünf Jahren mehr oder weniger intensiv geführten Debatten geschieht, ist ein Fehler und dürfte nicht zuträglich sein für den Standort Rotenburg. Das Rumgeeiere der Verantwortlichen resultierte aus politischen Abwägungen zum Beispiel in Wahlkampfzeiten, aber auch aus der Unklarheit, wer nun eigentlich federführend sich des Themas annehmen müsste. Und so wurde aus einer Frage, die sachlich-wissenschaftlich hätte geführt werden können, vor allem eine bis unter die Gürtellinie geführte ideologische. Der jetzige Schlussstrich lässt sich aus dem Traditionserlass begründen, und er ist richtig. Zudem offeriert er die Chance für alle Beteiligten, sich wieder mit wirklich wichtigen Themen zu beschäftigen.

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