Beobachtungen in der Gedenkstätte Lager Sandbostel

Stumme Zeugen

Ein Besucher schaut sich in einem der Waschräume um. Die Leitungsrohre hängen etwas skurril in der Gegend rum. - Fotos: Buschmann

Sandbostel - Von Ulf Buschmann. Von Zeven aus geht es in Selsingen scharf in Richtung Sandbostel links ab. Hinter dem Ort erheben sich einige Baracken. Sie wirken etwas verloren. Es sind die Überbleibsel des ehemaligen Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) X B. Heute ist es die Gedenkstätte Lager Sandbostel. Auf 450 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird nacherzählt, was rund 313 000 Gefangene bis 1945 dort erleiden mussten und als was das Gelände vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Errichtung der Gedenkstätte diente. Es ist ein Denkort. Von ihnen gibt es einige in der Bundesrepublik.

Ein eher unscheinbarer Schotterweg führt auf das Gelände. Rechts stehen einige der Baracken. Sie scheinen dem Verfall preisgegeben zu sein. Dächer und Wände sind eingestürzt. Im Inneren sieht es teilweise aus, als seien sie fluchtartig verlassen worden. Auf einem der Fensterbretter steht ein Karteikasten. Dieser Teil der Gedenkstätte ist abgesperrt. „Es ist eine Vorsichtsmaßnahme“, sagt der freundliche Herr an der Anmeldung. Die Baracken sollten wieder hergerichtet werden. Aber zurzeit sei das Betreten einfach zu gefährlich.

Frisches Grün und ein hochgewachsener Baum erschaffen eine idyllische Atmosphäre. Auch von den alten Holzbaracken, in denen die Kriegsgefangenen untergebracht waren, sind noch einige erhalten. - Fotos: Buschmann

Es ist warm, die Sonne scheint, irgendwo zwitschern Vögel, und es duftet nach frisch gemähtem Gras. Dass sich an diesem irgendwie idyllisch wirkenden Ort menschliche Dramen, geleitet von einer grausamen Politik, abgespielt haben sollen, ist unvorstellbar. Die erhaltenen Baracken sind stumme Zeugen dessen, was in Sandbostel von 1939 bis 1945 geschah. Rund 313 000 Menschen aus 55 Nationen erlebten im heutigen Klenkendorfer Moor die Willkür der Wachmannschaften, Hunger und Krankheiten. Insbesondere die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden sich selbst überlassen – ohne medizinische Versorgung und ausreichend Verpflegung.

Darüber können sich die Besucher der Gedenkstätte in zwei Ausstellungsteilen auf 450 Quadratmetern informieren. So wie ein junges Paar. Es steht vor einer der Tafeln und liest sich in die Geschichte ein. Die Frau schüttelt unentwegt den Kopf. „Wir kommen hier aus der Gegend“, sagt sie, „aber hier sind wir noch nie gewesen.“

Die Geschichte Sandbostels hätten sie wohl in der Schule behandelt. Ihr Mann bringt den Gedankengang zu Ende: „Wenn man das jetzt liest, wirkt alles viel authentischer.“

Nachdenklich bleiben beide vor einer Vitrine im Boden stehen. „Alltagsgegenstände“ steht auf der Beschriftung. Sie seien bei Ausgrabungen und Aufräumarbeiten gefunden worden. Ein Nachttopf, eine verrostetet Kanne, ein verbogener Löffel und ein alter Schuh sind dort zu sehen. Aber auch ein Nassrasierer und ein zerbrochener Teller. An diesen Dingen konnten sich die Internierten festhalten. Die Kleinigkeiten stärkten ihren (Über-)Lebenswillen. Den brauchten sie, wurden die Menschen doch in der Rüstungsindustrie in Bremen und Hamburg, zur Kultivierung der weitläufigen Moorflächen, in der Land- und Forstwirtschaft und in vielen anderen Bereichen eingesetzt. Überall dort, wo Arbeitskräfte benötigt wurden.

Das erlesen sich auch zwei junge Männer. Einer steht am Kopfende des ersten Ausstellungsteils vor einem der lebensgroßen Häftlingsfotos. Er sagt zu sich selbst: „Unglaublich, was hier passiert ist.“ Darüber ist der andere Mann aus Bremen gut informiert. „Ich war hier vor zehn Jahren zuletzt. Damals gab es nur eine kleine Ausstellung schräg gegenüber. Das ist unglaublich, was hier entstanden ist.“ Er und der freundliche Herr von der Gedenkstätte stehen vor einer Reihe von Fotos gleich rechts neben der Eingangstür. Sie kommen ins Gespräch. Ehemalige Häftlinge seien immer wieder hier. Beide stellen fest, dass sie einige der Zeitzeugen persönlich kennen.

Auf dem Außengelände sind manche der erhaltenen Baracken zugänglich. Der Großteil hat bereits ein neues Dach bekommen, drinnen ist vieles noch verfallen: morsche Böden, einstige Gemeinschaftswaschräume mit skurril in der Gegend herumhängenden Leitungsrohren und einfallende Dächer nicht nur auf dem abgesperrten Teil. Stück für Stück wird das alles wieder hergestellt.

Fast ein bisschen versteckt befindet sich der zweite Teil der Sandbostel-Ausstellung. Dort erfahren die Besucher, was mit dem Lager geschah, nachdem es von den Briten am 29. April 1945 befreit worden war. Das Stalag diente zur Internierung von SS-Angehörigen, war Strafgefangenen-Lager, von 1952 bis 1960 Notaufnahmelager für jugendliche männliche DDR-Flüchtlinge, Bundeswehrdepot und Gewerbegebiet.

„Das wusste ich ja gar nicht“, ruft der junge Mann aus Bremen erstaunt aus, „das ist ja Wahnsinn!“ Er bleibt vor einem etwas unscharfen großformatigen Foto stehen. Es zeigt das Ankommen junger Männer aus der damaligen DDR, Anfang der 1960er-Jahre. „Ob die wohl wussten, wo sie gelandet waren?“, fragt er sich.

Die Gedenkstätte Lager Sandbostel ist jeweils montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr sowie sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Samstags ist sie geschlossen. Der Eintritt ist frei.

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