INTERVIEW AM WOCHENENDE Reinhard David zur Situation der Stadtwerke Rotenburg

„Stück für Stück gewachsen“

Reinhard David geht Ende September in den Ruhestand. Zurzeit hilft er seinem Nachfolger Volker Meyer, sich in die Geschäftsführung der Stadtwerke Rotenburg einzufinden. David saß zwölf Jahre auf dem Chefsessel im Stadtwerke-Haus am Mittelweg.
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Reinhard David geht Ende September in den Ruhestand. Zurzeit hilft er seinem Nachfolger Volker Meyer, sich in die Geschäftsführung der Stadtwerke Rotenburg einzufinden. David saß zwölf Jahre auf dem Chefsessel im Stadtwerke-Haus am Mittelweg.
  • Guido Menker
    vonGuido Menker
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Rotenburg – Übergangszeit bei den Stadtwerken Rotenburg (SR). Geschäftsführer Reinhard David bereitet sich auf seinen Abschied vor. Der 62-Jährige geht Ende September in den Ruhestand. Bis dahin begleitet er seinen Nachfolger Volker Meyer durch die ersten Wochen. Von Mitte August an überlässt er ihm den Chefposten komplett und tritt seinen Resturlaub an. Anlass, mit Reinhard David über die aktuelle Situation der Stadtwerke sowie über die Perspektiven zu sprechen. Das Tochter-Unternehmen der Stadt sei, sagt David, gut für die Zukunft gerüstet.

Herr David, Sie gehen in den Ruhestand. Was haben Sie danach noch vor?

Ich lasse das mal auf mich zukommen. Privat gibt es mehrere Projekte und damit noch genug zu tun. Wir haben ein großes Grundstück, auf dem sich was angestaut hat. Und ich werde Golf spielen, wenn mein Arm hält. Der macht in diesem Jahr nämlich Probleme. Vielleicht brauche ich noch was, damit der Tag Struktur hat, aber das kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Ich will da auch gar nichts erzwingen. Es war zwar immer ein Motto von mir, einen Plan zu haben, aber auch, die Sachen auf sich zukommen zu lassen.

Auch auf die Stadtwerke ist in den vergangenen zwölf Jahren einiges zugekommen. Als Sie damals angefangen haben, gab es 59 Beschäftigte, heute sind es 95. Da muss sich ja eine ganze Menge getan haben. Woher kommt eigentlich dieser deutlich größere Personalbedarf?

Erst einmal durch die Regulierung und die Bürokratie, womit wir auf die neuen Anforderungen zu reagieren hatten. Man muss aber dazu sagen: Daran verdienen wir nichts. Das ist dann immer der Wermutstropfen. Dazu haben wir neue Geschäftsfelder aufgebaut. Zum Beispiel den Wärmebereich mit den Blockheizkraftwerken, mit den Energieanlagen, mit Heizungsanlagen, die wir den Kunden anbieten. Und dann haben wir im Vertrieb das Personal ausgebaut – durch neue Kunden in Visselhövede vor allem. Regulierung und die Kommunikation mit den ganzen Marktteilnehmern und Netzbetreibern kommen hinzu, mit der neu aufgebauten Abteilung Netzvertrieb – so etwas gab es damals noch gar nicht. Dazu haben wir einen neuen Bereich Energie und Nachhaltigkeit. So ist das alles Stück für Stück gewachsen.

Sie haben Visselhövede erwähnt. Überlegen die Stadtwerke, sich künftig an weiteren Konzessionsausschreibungen zu beteiligen?

Es gibt Optionen, und ich will das nicht ausschließen. In mehreren Nachbargemeinden müssen Konzessionen neu ausgeschrieben werden. Wir hatten das erstmalig in Visselhövede angeboten. Das war ein aufwendiges Ausschreibungsverfahren, aber es hat geklappt. Die Avacon klagt zwar dagegen, die Politik in Visselhövede steht voll hinter ihrer Entscheidung. Es gab einen einstimmigen Beschluss des Stadtrates. Wir sind zwar ein kleines Unternehmen, aber sehr flexibel.

Wo müssen denn als Nächstes die Konzessionen neu ausgeschrieben werden?

In Hassendorf und in Sottrum zum Beispiel. Dort laufen sie 2022 aus.

Warum erhöhen die Stadtwerke jetzt das Stammkapital von zehn auf 20 Millionen Euro?

Das ist eine Stammkapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln. Wir wandeln die Gewinnrücklagen in Stammkapital um. Das haben wir dann zur Verfügung für die künftigen Herausforderungen. Wir haben eine Immobiliensparte aufgebaut. Das wird nicht der Hauptpart sein, sondern die meisten Finanzmittel werden wir für die Netze in Visselhövede brauchen. Dann stehen auch immer wieder größere Sanierungen an im Wasserwerk und beim Ronolulu. Dafür brauchen wir das Geld.

Bedient man sich dann des Stammkapitals, oder dient es nur als Sicherheit, um sich Geld auf dem Markt zu besorgen?

Es kann nicht mehr aus dem Unternehmen herausgezogen werden. Wenn wir dann ein Stammkapital von 20 Millionen Euro haben, sind wir auch auf dem Finanzmarkt wesentlich solider. Die Banken wollen ja auch Sicherheiten haben. Bisher haben wir alles aus Eigenmitteln finanziert, aber es kann auch sein, dass die Herausforderungen mal so groß sind, dass wir auf dem Finanzmarkt zugreifen müssen.

Die Stadtwerke betreiben mittlerweile 33 eigene Blockheizkraftwerke. Glauben Sie, dass diese – betrieben mit Erdgas aus Russland – wirklich eine Lösung bei der Suche nach klimafreundlicherer Energie sein können?

Erst einmal haben wir gleich beim Betrieb Vorteile in der Umwelt- und Klimabilanz. Denn durch die gleichzeitige Erzeugung von Strom und Wärme wird wesentlich weniger CO2 emitiert. Dadurch sind wir übrigens ein klimaneutraler Betrieb geworden. Danach muss man wirklich schon suchen in der Stadtwerke-Landschaft beziehungsweise bei den Energieversorgern. Ich sehe das aber auch als Option für die Zukunft, wenn die Wasserstofftechnologie vorangetrieben wird. Da gibt es dann die Möglichkeit, synthetisches Erdgas aus dem Wasserstoff zu erzeugen, das sich dann in den Blockheizkraftwerken nutzen lässt. So haben sie also auch im Hinblick darauf auf jeden Fall eine Zukunft. Aber das wird noch lange dauern. Da reden wir über ein oder zwei Generationen.

Sie investieren inzwischen auch in Immobilien. Welche Geschäftsfelder kommen noch dazu? Reichen die klassischen Einnahmen nicht mehr aus?

Ob die Einnahmen ausreichen, ist immer eine Sache des Anspruchs. Wir wollen eine vernünftige Rendite für die Gesellschafterin, also für die Stadt, erzielen. In diesem Fall hat sich das einfach ergeben. Wir hatten ein großes Gebäude, die ehemalige Kohlenhandlung Rinn, auf dem Stadtwerkegelände, und die Werkswohnung wurde nicht mehr als solche benötigt. Sie zu vermieten, bot sich nicht an. Das Gebäude war so marode, dass es komplett hätte renoviert werden müssen – das wäre wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen. Daher sind wir dann auf die Idee gekommen, das Grundstück zum Bau eines Mehrfamilienhauses zu nutzen. Die Wohnungen sollen vermietet werden. Es ergab sich also die Möglichkeit, und dann haben wir zugegriffen. Wir haben eine Entscheidung getroffen. Und so ist es jetzt ein zusätzliches Standbein für uns. Wenn sich Möglichkeiten ergeben, dass wir kleinere Baugebiete entwickeln, dann würden wir das auch machen. Das, was wir eigentlich verkaufen – Strom, Wasser und Gas –, sind Dinge der Daseinsvorsorge. Wohnen gehört ja irgendwie auch dazu.

Es geht um die Rendite für die Stadt, und die hat sich in den vergangenen Jahren immer ordentlich bedient, um den Haushalt auszugleichen. Für 2019 waren es 3,5 Millionen Euro. Ist das in dieser Größenordnung noch gerechtfertigt?

Da sind auch die Konzessionsabgabe, die Gewerbesteuer und der Verlustausgleich des Ronolulu dabei. Und die Gesellschafterin hat natürlich ein Zugriffsrecht. Die Stadt lässt uns genug Spielraum, damit wir uns entwickeln.

Wie läuft das ab? Sagt die Stadt, was sie braucht, oder gibt es eine Empfehlung von Ihnen?

Es gibt einen mittelfristigen Plan. Dazu gibt es immer Gespräche. Das ist nicht in Stein gemeißelt, sondern immer auch von der Ergebnissituation abhängig. Die Stadt hat uns auch die Möglichkeit gelassen, das Stammkapital um zehn Millionen Euro zu erhöhen. Die haben wir in den letzten zehn, zwölf Jahren erwirtschaftet.

Das heißt, Sie übergeben ein Unternehmen an Ihren Nachfolger, das insgesamt gut dasteht?

Ja, wir sind ein solides Unternehmen und haben eine gute Zukunftsperspektive. Das ist für mich das Wichtigste. Wir haben noch Potenzial zum Beispiel bei der Kundenentwicklung in Visselhövede. Es ist alles geordnet, und es gibt Projekte, die ich im laufenden Prozess übergebe. Deswegen macht die zeitliche Überlappung mit Volker Meyer Sinn.

Die Übergabe erfolgt in einer von Corona geprägten Zeit. Vor diesem Hintergrund gibt es Kritik an der Preispolitik für das jetzt wieder eröffnete Freibad im Ronolulu. Können Sie die Maßnahmen einfach erklären?

An den Preisen haben wir nichts geändert.

Genau das wird ja bemängelt. Die Besucher sind zeitlich eingeschränkter, das Angebot ist geringer.

Wir sind selbst auch vollkommen unglücklich damit und überlegen, wie wir das noch weiter lockern können. Wir haben Auflagen, dürfen nur 300 Gäste zeitgleich ins Bad lassen. Damit nicht an schönen Tagen gleich alles blockiert ist, haben wir gesagt, dass wir die Preise für die Besuchersteuerung nutzen. Dann ist halt nach zweieinhalb Stunden Schluss. Denn die 15 Euro für die Stunde danach wird keiner zahlen wollen. Das ist das, was dahinter steht. Wir wollen möglichst vielen Besuchern ermöglichen, das Bad zu besuchen.

Aber warum haben Sie den Preis für die ersten zweieinhalb Stunden nicht reduziert?

Wir verdienen daran kein Geld, sondern legen noch welches drauf. Zusätzliches Personal ist jetzt im Einsatz. Eigentlich müssten wir die Preise noch erhöhen, weil der Aufwand höher ist. Und man kann sich ja schon auch ein wenig austoben, auch wenn nicht alles zur Verfügung steht. Wenn man die aktuellen Coronazahlen sieht, fällt es mir schwer, diese Maßnahmen zu rechtfertigen. Aber sie sind halt so vorgegeben. Ich weiß auch nicht, wann wir die Halle und auch die Sauna wieder öffnen können. Das wäre bei uns ein so großer Umstand, weil wir aus baulichen Gründen teilweise allein die Abstände und das Einbahnstraßensystem im Umkleide- und Duschbereich nicht einhalten könnten. Es deprimiert. Wir hatten letztes Jahr so tolle Zahlen.

Vor Kurzem in der Ratssitzung haben Sie gesagt, Deutschland habe nach Bermuda die weltweit höchsten Strompreise. Was läuft falsch bei uns in Deutschland?

Wir haben schon vor zehn Jahren diese Entwicklung vorgezeichnet. Sonnen- und Windenergie sind sinnvoll. Allein damit lässt sich aber keine gesicherte Stromversorgung aufrecht erhalten. Es braucht also immer noch einen zweiten Kraftwerkspark, der dann anspringt, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Das Vorhalten zweier Parks ist sehr teuer. Das muss finanziert werden durch das Erneuerbare Energien-Gesetz. Wir bauen jetzt die Leitungen vom Norden in den Süden. Das EEG und der Netzausbau spiegeln sich im Preis wider. Die Abgaben nehmen schon mehr als 50 Prozent der Stromkosten ein, jetzt kommt noch die CO2-Abgabe dazu. Das ist sehr bedenklich. Nach meiner Einschätzung liegt es am Konstrukt des EEG. Man hätte die Förderung von Sonnen- und Windenergie anders gestalten können. Es geht also darum, wie man sie preispolitisch einbindet. Es gibt in dem Gesetz so einige Webfehler, die zur Verteuerung führen.

Sie gehen jetzt in den Ruhestand. Sie leben in Waffensen. Wann werden Sie dort Bürgermeister? Aber mal im Ernst: Zieht es Sie in die Politik? Nächstes Jahr wird gewählt.

Wir haben ja einen guten Bürgermeister. Also, ich habe eine politische Meinung, aber das war bisher kein Thema.

Zur Person

Reinhard David ist seit 2008 als Nachfolger von Peter Möhl Geschäftsführer der Stadtwerke Rotenburg. Der 62-Jährige ist verheiratet und Vater zweier Kinder. David lebt in Waffensen. Sein Nachfolger wird Volker Meyer, bisher Chef des Wasserversorgungsverbandes Rotenburg-Land.

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