Digitaler Unterricht per Skype: Lösungen in der Kreismusikschule

Ein Stück Alltag

Vorspielen geht auch via Skype, nur das gemeinsame Spielen fällt vorerst aus. Musiklehrerin Hannah Craib hat aber auch digital einen Blick auf die Schüler. Foto: Krüger

Rotenburg – Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Das weiß auch Geigenlehrerin Hannah Craib. Normalerweise unterrichtet die Bremerin an drei Tagen in der Woche zunächst Schülergruppen vom Ratsgymnasium und der Kantor-Helmke-Schule, anschließend ist sie in der Kreismusikschule und gibt dort Einzelunterricht. Doch beides fällt auch bei ihr seit dem 13. März flach – bis sie eine Mutter auf die Idee bringt, das Ganze trotzdem über das Internet weiterzuführen.

Eine Privatschülerin aus Bremen wollte weiterhin Unterricht nehmen, also hatte ihre Mutter angefragt, ob das auch per Telefon möglich sei. „Da war ja noch alles sehr unklar, wie es weitergeht“, erzählt die gebürtige Schottin. Dann haben sie die nächste Stunde per Skype abgehalten. „Das hat super funktioniert. Und dann habe ich mich gefragt, was, wenn es länger dauert?“ Also hat Craib nach und nach ihre Schüler angerufen und gefragt, was diese davon halten, weiterhin digital Unterricht zu nehmen. „Natürlich war das mit den Schulen etwas komplizierter, in den Streicherklassen. Da lernen wir gerade, wie das funktioniert.“ Denn bei Einzelunterricht kann sich Craib mit den Schülern absprechen, in den Gruppen ist mehr Rücksicht gefordert.

Gemeinsames Spiel gibt es allerdings in beiden Varianten nicht – „das funktioniert nicht“, sagt Craib. Da die Stücke aber insbesondere für die Anfänger relativ kurz sind, klappt das nacheinander spielen ganz gut. Und es zeige auch ungeahnte Vorteile: „Die Schüler benehmen sich gut, oft sind auch ihre Eltern dabei, was sonst gar nicht der Fall ist. Das ist super, so sehen sie auch mal, was ihre Kinder machen“, meint Craib. Da sie insbesondere in den Gruppen sonst oft gemeinsam spielen, halten sich manche Kinder dort zurück, verstecken sich hinter den anderen. „Jetzt müssen sie aber spielen, auch alleine. Und manche spielen sogar besser dadurch“, zieht die Geigen- und Bratschelehrerin ein positives Fazit nach der ersten Woche. „Manche Kinder sind Zuhause weniger abgelenkt, konzentrieren sich dadurch besser“, sagt auch Kreismusikschulleiter Gert Lueken.

Auch er verteilt Aufgaben und verschickt Noten übers Internet an die Schüler. Ebenso versuchen die weiteren Lehrkräfte der Kreismusikschule, kreativ zu werden, mit jedem Schüler Kontakt zu halten: Gitarristen werden per Skype unterrichtet, ein Lehrer verschickt Notenrätsel und will ein Instrumentenkunde-Video aufnehmen. Sei keine stabile Internetverbindung vorhanden, könnten Noten und Tonaufnahmen auch per Post oder E-Mail verschickt werden. Schwierig werde es mit der Früherziehung, so der Leiter. „Da sind wir auf die Eltern angewiesen, die müssten zum Beispiel mit ihren Kindern singen.“ Eins sei klar: „Wir müssen alle Abstriche machen.“ Die Situation sei auch für die Musikschule eine Herausforderung. „Es ist auch eine Geldfrage. Etwa ein Drittel unserer Lehrkräfte sind Honorarkräfte, das macht mir Sorgen“, sagt Lueken.

Dennoch: Auch die Eltern seien dankbar, dass weitergemacht werde, weiß Lueken. Und Craib nennt es „eine gute Lösung für diese komische Situation gerade“. Denn insbesondere in solchen Zeiten sei Musik sehr wichtig. „Natürlich auch Dinge wie Mathe und Deutsch. Aber Musik und ein Hobby zu haben hilft, bringt den Kindern Spaß, deswegen ist es mir so wichtig, weiterzumachen“, so Craib. Auch für die Familie sei es schön, Musik Zuhause zu haben. „Manche zeigen ihren Geschwistern, wie das Spielen funktioniert und üben gemeinsam mit ihnen, das ist toll.“ Natürlich sei es nicht immer einfach, durch die Internetverbindung sprechen sie oft langsamer und es können nicht mehrere gleichzeitig sprechen geschweige denn spielen, auch ist das Verstehen und insbesondere in Craibs Fall Zuhören nicht immer leicht.

Aber es ist eine Möglichkeit und die wollen alle nutzen. „Falls nach den Osterferien die Kreismusikschule nicht wieder öffnen kann, wird der Großteil des normalen Unterrichts digital stattfinden können“, sagt der Kreismusikschulleiter.

Möglich ist das auch, da die Kinder ihre Instrumente Zuhause haben. Entweder von der Kreismusikschule oder ihren Schulen ausgeliehen. So können sie auch jetzt weiter üben. Das einzige Problem sei das Stimmen, erklärt die Lehrerin. Denn das falle insbesondere Anfängern sehr schwer. Die Eltern könnten oftmals nicht helfen, da sie damit noch keine Berührung hatten bisher. „Ich hatte schon Fälle, wo dann die Saiten gerissen sind. Wenn es länger dauert wird es kompliziert, dafür eine Lösung zu finden“, sagt Craib. Eine Mutter sei dafür bereits schon zu ihr nach Bremen gekommen. „Sie hat mir die Geige über den Balkon gereicht, und ich habe dann die Saite gewechselt“, erzählt Craib und muss lachen. „Das ist schon verrückt alles gerade.“

Das Stichwort Digitialisierung schwirrt dabei auch in der Kreismusikschule nun deutlicher durch die Luft. Manche Lehrkräfte würden Medien ohnehin schon in ihren Unterricht einbeziehen. Grundsätzlich ist die Musikschule aber nicht digitalisiert – verfügt bisher noch nicht mal über W-Lan in allen Räumen. Das ist aber bereits in Planung. „Natürlich ist der Unterricht von Auge zu Auge am schönsten, aber die Krise bringt uns natürlich dazu, über die Digitalisierung stärker nachzudenken“, merkt Lueken an.

Auch Craib überlegt, wie es weitergehen soll – vor allem, wenn die Schließungen länger als bis zu den Osterferien dauern. Vorerst hat sie sich einen festen Plan aufgestellt, ihr Unterricht läuft unter der Woche relativ normal weiter, ein Stückchen Alltag. „Ich habe mir bei Skype-Gruppen angelegt, nach Klassen und Zeiten, zur besseren Übersicht.“ Auch ihre erwachsenen Schüler würden auf diese Weise weiter Unterricht nehmen. „Man kann auch ohne das Spielen viele Dinge zuhause üben und vertiefen: die richtige Bogenhaltung oder generell die Haltung, besonders am Anfang“, sagt Craib. Dabei hat sie ihre Stunden besser auf die Woche verteilt, denn nach drei bis vier Stunden sei es anstrengend, auf den Bildschirm zu gucken. „Konzentrieren muss ich mich immer, aber jetzt noch mehr – gerade, wenn die Internetverbindung schlecht ist. Es ist ein anderer Unterricht, aber es funktioniert.“

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