Ursachen-Suche

Erhöhte Krebsrate: Sozialministerin gibt zwei Untersuchungen in Auftrag

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Die Nähe zu Bohr- und Förderanlagen der Erdgasindustrie gilt weiterhin als eine mögliche Ursache der erhöhten Krebszahlen. Zwei Studien sollen nun für mehr Aufklärung sorgen.

Rotenburg/Bothel - Von Michael Krüger. Für Dirk Eberle ist es „die letzte große Hoffnung, Ursachen zu finden“. Das niedersächsische Sozialministerium hat am Donnerstag bekannt gegeben, zwei neue Studien in Auftrag gegeben zu haben, um die erhöhten Krebsraten in der Region aufzuklären.

Für Bothels Samtgemeindebürgermeister genau der richtige Schritt: „Mann kann erst etwas unternehmen, wenn man weiß, wogegen.“ Denn bislang herrscht weitgehend Ungewissheit. Auch nach der Analyse der Befragungen durch das Gesundheitsamt in der betroffenen Kommune Bothel sowie der statistischen Erhebung auf Rotenburger Gebiet sind weiter viele Fragen offen. 

„Gesundheitsamtsleiter Frank Stümpel und seine Mitarbeiter haben alles in ihrer Macht liegende getan und noch etwas mehr“, lobt Bothels Verwaltungschef. Und doch sei das nicht genug – die vagen Hinweise, dass die Nähe der Wohnorte Betroffener zu alten Bohrschlammgruben oder zu Erdgasförderanlagen zu den erhöhten Krebszahlen führen, reichten nicht aus. Vor allem nicht, um daraus direkte Handlungshinweise abzuleiten.

Bei der Suche vorankommen

Das Land will mit den beiden Studien ein paar Schritte vorankommen. „Der Schutz der örtlichen Bevölkerung hat oberste Priorität – wir haben an renommierte Institute Aufträge vergeben, um mehr Informationen bezüglich der möglichen Ursachen für Krebserkrankungen zu gewinnen“, heißt es von der neuen Sozial- und Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) in Hannover. 

Die erste Studie unter Federführung des Instituts und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Uniklinik München soll prüfen, ob sich ein Zusammenhang von Wohnabständen zu potenziellen Expositionsquellen und dem Auftreten einer hämatologischen Krebserkrankung bestätigen lässt („Abstandsstudie“). 

In der zweiten Studie soll soll zum einen die innere individuelle Belastung der Allgemeinbevölkerung mit Benzol sowie Quecksilber ermittelt werden. Zum anderen soll die individuelle äußere Belastung durch Probenahmen der Innenraum- und Außenluft und durch personengetragene Passivsammler beschrieben werden („Humanbiomonitoring in der Allgemeinbevölkerung in der Nachbarschaft von Anlagen der Kohlenwasserstoffförderung in Niedersachsen“). 

Landrat unterstützt die Studien

Durchgeführt wird diese vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg. Beide Studiendesigns seien mit der Rotenburger Ärzteschaft sowie mit Bürgerinitiativen abgestimmt. Und „beide Ansätze sind sinnvoll und nach dem jetzigen Kenntnisstand richtig“, betont Landrat Hermann Luttmann (CDU). Zudem sei man auch vor Ort nicht untätig: „Der Landkreis erarbeitet zurzeit mit dem Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen ein Monitoringsystem zur Überwachung der Erkrankungsraten in dem betroffenen Gebiet.“

Mit ersten Ergebnissen der neuen Studien ist Anfang 2019 zu rechnen – und damit knapp fünf Jahre nach Bekanntwerden der ersten besorgniserregenden Zahlen. Für Bothels Bürgermeister Dirk Eberle ist das ein Problem: „Es ist schwer zu ertragen, dass es so lange dauert.“ Zumal die erhöhten Zahlen für Leukämie und Lymphomen bei älteren Männern auch nach dem Untersuchungszeitraum des niedersächsischen Krebsregisters zwischen 2003 und 2012 weiter überdurchschnittlich hoch seien. Trotzdem seien die Studien der richtige Weg: „Wenn etwas Belastbares herauskommt, hilft es.“

Rotenburgs Bürgermeister involviert

Das sieht Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) wenig überraschend nicht anders. Auch er war an den Vorgesprächen im Ministerium beteiligt und betont: „Die beiden Studien sind genau die richtige Antwort auf die noch ausstehenden Fragen und Hinweise, die sich aus der bisherigen statistischen Erhebung des Landesgesundheitsamtes, das die arbeitsintensive Untersuchung gemeinsam mit dem Rotenburger Gesundheitsamt erarbeitet hat, ergeben haben.“ Aus wissenschaftlicher Sicht könne aktuell nicht mehr unternommen werden. Wohl aber aus politischer Sicht.

Denn Weber fordert, dass insbesondere vor dem Hintergrund unklarer Belastungen durch die Erdgasindustrie „bei sogenannten Optimierungsarbeiten mit Abfackelungen an den Erdgasförderstätten jedes Mal eine Luftmessung, ein Abluftmonitoring durchzuführen ist, sodass wir sichergehen können, dass dabei keine schädlichen Stoffe in die Umwelt gelangen“.

Auch dürften in Trinkwasserschutzgebieten keine Bohrungen nach Erdgas und vor allem kein Fracking mehr zugelassen werden. Weber: „Deshalb sind die Bestrebungen der Dea in Verden-Scharnhorst zu verurteilen. Denn dort soll sogar in einem Trinkwasserschutzgebiet neu nach Erdgas gebohrt werden, was in der heutigen Zeit mit dem vorhandenen Erkenntnisstand nicht mehr zulässig sein dürfte.“

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