Poppe-Hof in Waffensen

Biogasanlage: Strom vom Dorf

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Henning Poppe betreibt die Biogasanlage in Waffensen mit zwei weiteren Partnern.

Waffensen - Von Ulf Buschmann. Sie sehen aus wie drei große Zelte, gleich an der B 75 in Waffensen. Doch Urlaub macht dort niemand, im Gegenteil: Auf dem Gelände, das zum Betrieb der Familie Poppe gehört, wird Energie erzeugt. Die dortige Biogasanlage arbeitet im Großen und Ganzen vollautomatisch.

Wenn Henning Poppe sich umschaut, wirkt er ein bisschen stolz auf das, was er und seine Partner hier in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Draußen ist es zwar alles ein wenig dreckiger, als es sich der gemeine Stadtmensch vorstellt, doch das gehört dazu. Schließlich wird hier Strom aus Biomasse erzeugt. 

Silomais, Putenmist, Rinder- und Schweinegülle sowie Hähnchenmist wandern von außen in den Annahmebunker. „Das kommt alles aus dem Dorf“, sagt Poppe. Auch der vierte oder fünfte Grünschnitt von Milchviehbetrieben kommt manchmal dazu. „Den fressen die Kühe nicht mehr“, sagt Poppe. Doch nach dem trockenen Sommer könnten die Landwirte wegen der Futterknappheit auf keinen Halm verzichten. Grünschnitt für die Biogasanlage gibt es deshalb in diesem Jahr nicht.

Personal, das sich um den reibungslosen Ablauf kümmert beziehungsweise ihn überwacht, gibt es in Waffensen nicht. Im Prinzip müssen Poppe oder einer seiner Mitstreiter nur zwei Mal täglich aufs Gelände kommen: jeweils morgens und abends. Dann befüllen sie den Aufnahmebunker mit neuem Gemisch. Poppe erklärt: „Das dauert etwa eine Stunde. Für die Dokumentation benötigen wir eine weitere Stunde.“ Und: „Wir können viele Dinge, die andere nicht können.“

Für die Steuerung der Anlage reicht meist ein Smartphone

Sollte es einmal Probleme geben, kann er von außen über jeden Computer und sogar über ein Tablet oder sein Smartphone auf die Steuerungselektronik zugreifen. Dies verhindert jedoch nicht, dass Poppe und seine Partner hin und wieder doch Hand anlegen müssen. Hintergrund: Steine oder andere fremde Dinge können die Anlage blockieren. „Da findet man schon einmal den Rest eines Hammers“, schmunzelt Poppe.

Rund 25 Tonnen täglich werden in Waffensen durch die fleißige Arbeit von Bakterien zu Gas, das am Ende der Kette über zwei Zwölf-Zylinder-Motoren zwei Turbinen zur Stromerzeugung antreibt. Die installierte Leistung beträgt 1,3 Megawatt, die Dauerleistung 637 Kilowatt. „Es laufen nicht ständig beide Turbinen“, erklärt Poppe den Unterschied. Die beiden Gasmotoren benötigten bei Volllast rund 220 Kubikmeter Gas pro Stunde.

Im Inneren verwirrt ein kleines Gewirr von Rohren und Leitungen den Laien. Poppe zeigt auf den Einlass an der Außenwand. Dort wird die sogenannte Biomasse in den Fermenter 1 befördert – wie gesagt: Vollautomatisch. Um das alles besser aufbereiten zu können, wird das Grobe, das von außen kommt, mit schon zum Teil von den Bakterien verarbeitetem Substrat aus der Biogasanlage vermischt und zusammen in den Fermenter 1 gepresst.

Der Hühnerstall wird mit der Motoren-Abwärme beheizt

Dort haben es die Bakterien mit rund 40 Grad schön warm. Um ihnen das Überleben und Arbeiten zu ermöglichen, wird die Abwärme der beiden Gasmotoren in den Fermenter zurückgeführt. „Das sind alles geschlossene Kreisläufe“, sagt Poppe. Auch der Hühnerstall auf dem Areal nebenan könne durch die Abwärme der Motoren beheizt werden. Dann geht es auf eine Plattform, die einen Überblick über die auf dem Gelände gelagerten Biomasse bietet. Dort zeigt Poppe noch einmal auf die unterschiedlichen Biomasse-Stoffe. Auch ein Blick in den Aufnahmebunker ist möglich.

Von der Plattform führt der Weg weiter. Poppe zeigt nach oben: „Im Fermenter 1 erzeugen wir etwa 60 Prozent des Biogases.“ Weitere 35 Prozent fallen im Fermenter 2 und immerhin noch fünf Prozent im sogenannten Gärrestlager an. Dort ist für die von den Bakterien verarbeitete Biomasse Schluss. Im Gärrestlager werden die Reststoffe bis zur Ausbringung als Dünger gebunkert. In Waffensen ist er nach Auskunft von Poppe organisch-biologisch. Gelagert werden könne das entstehende Substrat bis zu neun Monate.

Und was geschieht mit dem Strom, den Poppe und Co. in Waffensen produzieren? Der größte Teil wird ins Netz eingespeist. Darum kümmern sich die Anlagenbetreiber indes nicht selbst. Dafür sorgt der Kölner Strombroker Next Kraftwerke. Das Unternehmen betreibt laut seiner Internetseitewww.next-kraftwerke.de „eines der größten virtuellen Kraftwerke Europas, in dem Stromproduzenten, Stromverbraucher und Stromspeicher intelligent vernetzt sind“.

Bei den Stadtwerken merkt man, ob die Anlage produziert

Durch den Fernzugriff auf das hinter der Biogasanlage geschaltete Kraftwerk können die Kölner laut Poppe innerhalb von zwei Minuten die Energie aus dem Landkreis ins Netz einspeisen, sollte es mal zu einer Verknappung kommen. Umgekehrt lässt sich die Biogasanlage auch vom Netz nehmen, sollte mal zu viel produziert werden. Natürlich kann Poppe ebenso vor Ort eingreifen. „Wenn wir hier unsere Produktion radikal nach unten fahren, dann merken es die Rotenburger Stadtwerke“, erläutert er die Sensibilität der Energieinfrastruktur.

Ob sich die Investitionen, die sich laut Poppe auf rund 2,5 bis drei Millionen Euro belaufen, rentieren, entscheidet sich sozusagen im 15-Minuten-Takt. Hintergrund: In diesem Zeittakt wird Strom gehandelt. Die Funktionsweise erklärt Poppe am Bildschirm: Bei Rot ist der Preis unterhalb des Durchschnitts und bei Grün darüber. Gelb heißt, der Preis bewegt sich auf Durchschnittsniveau. 

Gutes Geld gab es beispielsweise am 16. Oktober in der Zeit von 19 bis 20 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt erhielten die Produzenten 105 Euro je Kilowattstunde für ihren Strom. Ganz anders war es zehn Tage später nachts zwischen 2 und 3 Uhr. Wegen des Überangebots an Windenergie rauschte der Verkaufspreis auf gerade einmal 3,97 Euro je Kilowattstunde in den Keller.

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