Vorwürfe gegen Kreisverwaltung

Streit im Behindertenbeirat

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Werner Fitschen hat zahlreiche Unterlagen zum Streit im Behindertenbeirat gesammelt.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Werner Fitschen ist sauer. Mit 61 Jahren wollte sich der frühpensionierte Erzieher aus Rotenburg endlich einmal politisch engagieren, ein Ehrenamt übernehmen, etwas bewegen.

Im Februar ließ er sich dafür in den Behindertenbeirat des Landkreises wählen. Am Dienstag hat er bei Landrat Hermann Luttmann (CDU) seinen Austritt erklärt. Fitschen spricht von „Falschaussagen“, „Verleumdungen“ und „Nötigungsversuchen“. Eine konstruktive Arbeit sei mit dem Gremium nicht möglich.

Er ist, das wisse er selbst, ein unbequemer Typ. Er ecke an, trete anderen auf die Füße. Aber er kämpfe immer für die gute Sache. Und die sei in diesem Fall: Die Aufgaben des Beirats ernst zu nehmen. „Es geht nicht um Behindertenhilfe, sondern darum, sich politisch um die Belange des betroffenen Menschen zu kümmern.“ 

Diese Menschen seien keine Randgruppe, keine kleine Gruppe, die es zu unterhalten gelte, sagt Fitschen. „Mir geht es darum, dass Inklusion im Kopf stattfindet, und nicht nur auf dem Papier.“ 9,2 Prozent der Bevölkerung im Landkreis hätten eine Behinderung von 50 Prozent oder mehr, allein in Rotenburg 3 000 Menschen. Er sei einer davon, und deswegen wolle er etwas bewegen. Nur: Das habe von Beginn an nicht funktioniert.

Ärger beginnt mit Flyer

Fitschens Ärger fing mit der Idee eines Flyers an, den er kostengünstig für den Beirat erstellen wollte. Auflisten wollte er lediglich die Aufgaben des Gremiums, Ansprechpartner, Kontaktadressen. Eine Information, damit der Beirat neun Jahre nach seiner Gründung endlich etwas bekannter werde. Als er mit der Idee jedoch bei Sozialdezernentin Imke Colshorn Anfang März im Kreishaus vorstellig wurde, sei er „brüsk abgewiesen“ worden. 

Er solle vielmehr darüber mit Gisela Flake und Werner Fredebohm, die den Beirat derzeit kommissarisch leiten, sprechen, habe es geheißen. Das sah Fitschen jedoch nicht als notwendig ein, seien solche Themen doch Aufgaben des gesamten Beirats. Zudem habe er sich von der Gründungsversammlung im Februar an für wieder längere Öffnungszeiten der Behindertenberatung des Versorgungsamtes Verden in Rotenburg eingesetzt. Fitschen: „Man hatte verstanden, dass ich aktiv bin.“

Engagement sorgt für Unruhe

Doch die Art und Weise seines Engagements sorgte für Unruhe. Fitschen war vom Beirat mit dem Thema Hurricane Festival betreut worden, wo die Situation für Behinderte verbessert werden soll. Die offenkundigen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Gremiums führten schließlich zu einem Brief von Flake, in der die stellvertretende Vorsitzende Fitschen vorwarf, dass „individuelle persönliche Gegebenheiten mit einer Behinderteneinrichtung Ihrerseits zu Interessenskonflikten führen“ könnten. 

Gemeint waren die Rotenburger Werke, der Ex-Arbeitgeber Fitschens, mit dem er wegen der Betreuung eines Sohnes Unstimmigkeiten hat. Zudem teilte Flake mit, dass der geschäftsführende Vorstand Fitschen „zur Konfliktvermeidung“ vom Hurricane-Einsatz entbindet. Fitschen spricht nun, auch weil ihm vorgeworfen werde, er habe den Flyer bereits verteilt, von „Unterstellungen und Verleumdungen“. Man wolle ihn wohl „mundtot“ machen, zum Beispiel mit dem Versuch, Themen statt in Beiratssitzungen in „Hinterzimmergesprächen“ abzuhandeln.

Zudem kritisiert er die Nähe des Beirats zur Kreisverwaltung: Da Sozialdezernentin Colshorn als auch Sozialamtsleiterin Antje Brünjes beratend im Beirat vertreten sind, befürchtet er Interessenkollisionen. „Beratung heißt Objektivität, das geht aber nicht, wenn sie beim Landkreis beschäftigt sind.“ Dass er nun von der Verwaltung als auch vom kommissarischen Vorstand angegriffen habe, deutet er als sprichwörtlichen Stich ins Wespennest: „Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass es gar nicht erwünscht ist, dass der Beirat bekannter wird. Aber augenscheinlich habe ich bestimmte Menschen in Panik versetzt.“

Auch Landrat wird kritisiert

Zu diesen „bestimmten Menschen“ dürfte auch Landrat Luttmann gehören, mit dem Fitschen persönlich über die Angelegenheit gesprochen hat. Dass seine Verwaltungsmitarbeiter auch im Behindertenbeirat mitarbeiten, sieht der Chef im Kreishaus allerdings nicht als Problem, sondern als Notwendigkeit an: „Beide gehören dem Behindertenbeirat nicht als Mitglied an. Laut Satzung über die Einrichtung und Tätigkeit des Behindertenbeirates haben die Mitarbeiter der Kreisverwaltung eine beratende Funktion.“ Und zum Rücktritt Fitschens: „Ich respektiere diese Entscheidung, kommentieren möchte ich das nicht.“

Der Behindertenbeirat habe mit seinen engagierten Mitgliedern bisher gute Arbeit geleistet. Die Tätigkeit stellt laut Luttmann einen wichtigen Beitrag für die Verbesserung der Situation behinderter Menschen im Landkreis dar. Probleme bei der Zusammenarbeit innerhalb des Gremiums und mit den Landkreismitarbeitern habe es bisher nicht gegeben.

Arbeit wird mit „Füßen getreten“

Fitschen wiederum wirft nun auch Luttmann vor, die Arbeit der Ehrenamtlichen „mit Füßen zu treten“. Im „Kündigungsschreiben“ an den Landrat heißt es: „Die nicht tolerierbare Art, wie man versucht hat, meine Ideen zu torpedieren, die Nötigungsversuche Ihrer Mitarbeiter sowie die Falschaussagen meiner stellvertretenden Vorsitzenden Flake lassen mich zu der Erkenntnis kommen, dass man keinerlei innovative Veränderung möchte oder anstrebt. Alle freuen sich, ich verzichte mit sofortiger Wirkung auf mein Mandat.“

Die stellvertretenden Beiratsvorsitzenden Flake und Fredebohm wollen sich zur Sache übrigens nicht äußern. In einem Statement von Fredebohm heißt es: „Die angesprochenen Sachthemen werden wir auf der nächsten Sitzung des Kreisbehindertenbeirats im Rahmen der Tagesordnung ansprechen. Eine Vorweginformation oder Vorwegstellungnahme können Frau Flake und ich gegenüber den Mitgliedern des Behindertenbeirats nicht vertreten und halten diese auch nicht für geboten.“

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